Keith Richards – Q&A mit der Rolling Stones-Legende

_f12Auch wenn die Stones in den letzten Jahren vor allem mit Neuauflagen ihres Backkatalogs glänzten: An die Rente denkt der „beste schlechteste Gitarrist der Welt“ (Alexis Korner über Keith) noch lange nicht. Im Gegenteil: Er versucht sich als Buchautor („Life“) und Schauspieler („Pirates Of The Caribbean“), arbeitet mit befreundeten Musikern (Buddy Guy, Ronnie Spector, Little Steven etc.) oder jammt mit Gott und der Welt. Weshalb er zum 50. Jubiläum der Stones auch nur eine Botschaft hat: Die Reise geht weiter. So oder so…

Keith, ihr seid jetzt ein halbes Jahrhundert im Geschäft. Eine erschreckende Vorstellung?
Kein Stück! Ich bin sogar dankbar dafür – allein für die Tatsache, dass ich immer noch hier bin. (lacht) Und immer noch tun kann, was ich am liebsten tue. Daran ist nichts Erschreckendes. Es hat eher etwas Abenteuerliches. Und deshalb habe ich auch nicht vor, so schnell in Rente zu gehen. Denn wenn du mit den richtigen Leuten arbeitest – und darauf habe ich immer Wert gelegt –, ist das eine faszinierende Sache.

Demnach ist der Lifestyle des rastlosen Rocknomaden längst zur Sucht geworden?
Für mich ist es einfach das, was ich schon immer getan habe. Und was das Thema „Sucht“ betrifft, so hatte ich eigentlich nur eine – und die habe ich zum Glück überwunden. Der Rest ist eher das, was ich als gute, alte Gewohnheiten bezeichnen würde. (lacht) Und es ist ja nett, welche zu haben.

Gehörst du zu den Typen, die so lange auf der Bühne stehen, bis man sie im Sarg nach Hause schickt?
Warum nicht? Seinen eigenen Tod zu planen, wäre ja kindisch. Ich werde so lange spielen, wie ich Spaß daran habe und mit Musikern arbeiten kann, mit denen ich arbeiten will. Insofern stelle ich mir also schon diese Frage. Ich will nicht aufhören, bevor das Ganze zu Ende ist. Von daher könntest du also Recht haben – denn das wäre ja definitiv das Ende, oder? Eben auf der Bühne abzunippeln. Aber ich habe nicht vor, aus diesem Bus auszusteigen, ehe er sein endgültiges Ziel erreicht. (lacht)

Hat das Alter nichts, worüber man sich Sorgen machen sollte?
Mann, ich bin doch kein Weichei! Ich habe gerade die beste Zeit meines Lebens. Ich tue nur noch, was mir Spaß macht, und habe eine tolle Zeit. Klar gibt es Leute, die über die Jahre ihren Enthusiasmus verlieren, aber dazu habe ich keinen Grund. Wer weiß, vielleicht ist Musik ja eine Sache, die es dir einfacher macht, deine Begeisterung zu bewahren. Musik hat mich schon immer fasziniert, und wird es auch weiterhin tun. Schließlich macht es mir Spaß, zu spielen, und es ist toll, zu wissen, dass es da draußen Millionen von Menschen gibt, denen es ebenfalls Spaß macht, mir zuzuhören. Ich könnte also sagen, dass ich allein deshalb weiter machen muss, weil da all die Leute sind, die mich sehen wollen. (lacht) Das ist zwar leicht übertrieben, hat aber ein Fünkchen Wahrheit.

Der Gesundheitszustand von Charlie Watts und Ron Wood ist nicht gerade der beste. Der eine hatte vor ein paar Jahren Kehlkopfkrebs, der andere hat ein Lungenproblem. Sind das Dinge, die dir zu denken geben?
Natürlich denke ich darüber nach. Aber Charlie ist wieder in Topform. Mein einziger Gedanke war damals: Wie fühlt er sich nachher? Ich hatte keinen Zweifel daran, dass er sich erholen würde. Aber ich machte mir Sorgen, ob er noch Lust auf die Band hat. Aber Charlie ist wiedergekommen wie ein Tornado! Einfach unglaublich. Er hat uns alle sprachlos gemacht. Er hat alles so gespielt wie live auf der Bühne, also mit doppelter Power. Wir mussten ihm sogar sagen: „Langsam Mann, wir proben nur. Lass es locker angehen.“ Er hat eine solche Energie und ist in großartiger Form. Und was Ronnie betrifft – der ist ein kleiner Hypochonder. (lacht) Bei ihm gibt es nichts, was nicht in Ordnung wäre. Er muss nur ein paar Dinge aufgeben, und das fällt ihm schwer. Er sollte halt einfach nicht mehr so viel rauchen und trinken. Abgesehen davon ist Ronnie wie eh und je: ein großer, dummer Junge.

Während Keith Richards ein Bücherwurm ist, der über eine riesige Bibliothek verfügt. Stimmt das?
Man muss schon ein ziemlicher Bücherwurm sein, um viel zu lesen, natürlich. Für die werden sie ja auch geschrieben. Sie dienen dazu, Zeit totzuschlagen. Und deswegen liebe ich es, zu lesen. Außerdem ist es viel gesünder als das, was ich früher gemacht habe, wenn mir langweilig war – und man kann damit selbst den längsten Flug überstehen. (lacht)

Was für Bücher liest du?
Größtenteils Geschichtsbücher.

Gibt es eine Epoche oder einen Charakter, die dich besonders faszinieren?
Alle und jeder! Ich will wissen, wie diese Bastarde gedacht haben. (lacht) Und ich muss sagen, dass sich all die großen Politiker und Führer sehr ähnlich sind. Sie unterscheiden sich nur dadurch, wie sie sich selbst darstellen. Ich sehe keinen Unterschied zwischen einem heutigen Politiker und einem aus jeder anderen Zeit. Die schlimmsten waren Tyrannen und Diktatoren vom Schlag eines Josef Stalin. Der verweist euren Adolf ganz locker auf den zweiten Platz. Und Bush war vielleicht noch schlimmer als beide zusammen. Es ist interessant, zu beobachten, was Macht und Gier aus ziemlich durchschnittlichen Menschen machen.

Und wie steht es um das Verhältnis zwischen Mick und dir? Habt ihr immer noch eure Differenzen?
Wie das bei alten Freunden üblich ist. Es sind allerdings eher verbale Schlagabtausche statt richtige Kämpfe. Ich habe jedenfalls schon lange keinen mehr auf die Nase bekommen (lacht). Nein, im Ernst, wir haben eine gute Beziehung. Ich meine, ich kenne den Mann, seit er vier Jahre alt ist. Von daher ist es keine Überraschung, dass wir immer wieder Höhen und Tiefen erleben. Aber jeder von uns weiß inzwischen nur zu gut, dass man seine Differenzen auf ein Minimum reduzieren muss, um vernünftig miteinander zu arbeiten. Deswegen kommt es auch nie so weit, dass wir uns prügeln. Es ist eher wie bei Streitigkeiten unter Geschwistern, wo es dann heißt: „Geht sofort auf eure Zimmer!“ Das ist wirklich nichts Besonderes. Und es gibt immer eine große Versöhnung. Nur: Weil wir halt die Rolling Stones sind, kriegen die Leute gar nicht genug davon. Sie reden, reden und reden. Haben die keine anderen Probleme?

Wie wäre es mit einem neuen Stones-Album? A BIGGER BANG, euer letztes Werk, liegt inzwischen acht Jahre zurück…
Es wird wirklich langsam Zeit, oder? (lacht) Ich meine, meinetwegen könnten wir gleich morgen anfangen. Also es gibt nichts, was ich lieber täte. Aber wir haben ja erst mal diese neue Compilation am Start – und ein paar Konzerte in London und New York. Insofern wird es noch ein bisschen dauern.

Wobei ihr auf der Bühne scheinbar immer besser werdet.
Das sehe ich auch so. Und das ist das Entscheidende: Innerhalb der Band herrscht immer noch der Ehrgeiz, zu sagen, „Oh, das ist zwar gut, aber das kann ich noch besser.“ Und weißt du was? Die Stones sind ohnehin ein komischer Haufen, der gar nicht weiß, was er da eigentlich macht – und wer er ist. Er orientiert sich an seinem eigenen Mythos. An diesen sagenumwobenen Rolling Stones, wer auch immer die sind. Wir versuchen schon ewig, sie zu definieren. Was uns aber nicht gelingt, weil sie sich ständig verändern. Und es ist noch genau so, wie es immer war: Wenn es losgeht und irgendwas passiert, klammerst du dich am Mantelsaum fest und schaust, wohin die Reise geht. Es ist ein Abenteuer.