Judas Priest: Zeitgeist auf der Überholspur

judas priest turboTURBO ist ein wahrer Meilenstein der Heavy-Metal-Historie. Ein Album, das bei Erscheinen 1986 die Fanmassen spaltete, Unmengen neuer Priest-Maniacs generierte und Rob Halford, Glenn Tipton, K.K. Downing, Ian Hill und Dave Holland in den USA in Mainstream-Rockstars verwandelte. Bassist Ian Hill lässt im Gespräch mit CLASSIC ROCK noch einmal die glorreiche Geschichte mitsamt Gitarrensynthesizern, Halfords überstandener Drogensucht und den Querelen mit Tipper Gores PMRC Revue passieren.

Ian, TURBO war eines der bahnbrechenden Werke der 80er und das erste Heavy-Metal-Album, auf dem Gitarren- und Basssynthesizer den Ton angaben. Wo startete die Reise zu dieser Neuausrichtung des Priest’schen Sounds?
Das passierte alles eher zufällig. Uns fielen die Gitarrensynthesizer von Roland zum richtigen Zeitpunkt sprichwörtlich in die Hände. Unsere da­­mals noch aktuelle Platte DEFENDERS OF THE FAITH (1984) war eine reinrassige Metal-Scheibe und wir hielten Ausschau nach etwas Neuem. Die Synthesizer brachten frischen Wind in den Judas- Priest-Kontext, da wir uns einig waren, dass unsere Songs auch weiterhin unsere Trademarks beinhalten sollten. Es machte riesigen Spaß mit dieser da­­mals ganz neuen Technik herumzuexperimentieren, Grenzen auszuloten und von uns zuvor nie gehörte Klänge zu kreieren.

Auch textlich gab es auf TURBO eine neue Route. Rob Halfords Lyrics drehten sich nicht um die typischen – von euch in den 70s manifestierten – Metal-Themen, sondern um Liebe und Beziehungen.
Das waren schlichtweg Dinge, die ihn damals be­­schäftigten. Dem Rest von uns war es nur lieb und recht, denn in dieser Zeit trieb Tipper Gore mit der PMRC in den USA ihr Unwesen. Es gab viel Zensur und mit in deren Augen „anstößigen“ Tracks konnte man sich im Handumdrehen eine ganze Albumkampagne versauen … es war ein wahrer Spießrutenlauf! (lacht) Der ganze von Gore verzapfte Quatsch inspirierte uns zu ›Parental Guidance‹, mit dem wir dem Spießbürgertum hoffentlich einen kleinen Denkanstoß gaben.

Auf Gores „Filthy-Fifteen-Hitliste“ seid ihr mit ›Eat Me Alive‹ (von DEFENDERS OF THE FAITH) sogar auf Platz drei hinter Prince und Sheena Easton vertreten.
(lacht) Na ja, zuallererst wären wir extrem enttäuscht gewesen, wenn wir nicht auch in den Filthy Fifteen gelandet wären! Rückblickend kann ich mir immer noch nicht herleiten, was diese Frau in den 80ern ritt. Sie ging mit blindem Hass zu Werke. Allerdings gab es damals solche Sittenwächter auf dem ganzen Globus, und wenn du nicht in ihr Weltbild passtest, machten sie dir das Leben verdammt schwer. Egal, auf den dritten Platz sind wir natürlich nach wie vor stolz! (lacht)

Als die Aufnahmen für TURBO in den Compass Point Studios auf den Bahamas anstanden, war Halford nach langer Zeit zum ersten Mal wieder suchtfrei.
Hmmm, er war vielleicht zur Hälfte clean … wenn man das so nennen kann! (lacht) Rob konsumierte alle möglichen Sachen in den 80ern. Man muss den Umstand aber auch etwas relativieren, denn es waren für uns auch harte Zeiten. Priest spielten fast nonstop auf irgendeinem Kontinent Konzerte, ohne Pause ging’s dann ins Studio, um ein paar Monate später wieder auf Tour zu gehen. Das steckt jeder anders weg und einige kompensieren den Stress, den dieser Job mit sich bringt, mit gewissen Substanzen. Nassau war für ihn und uns eine sehr gute Wahl, denn es gab neben den Aufnahmesessions eine Menge Freizeitmöglichkeiten und ein florierendes Nachtleben. Halford nutzte die Gunst der Stunde und entgiftete sich komplett, bevor er seinen Gesang auf Band legte. Diesen Sieg über seine Dämonen spürt man förmlich auf TURBO.

TURBO besitzt einen der tightesten Schlagzeugsounds der 80er. Hand aufs Herz: Spielt hier wirklich Dave Holland oder kam wie auf RAM IT DOWN (1988) ein Drumcomputer zum Einsatz?
Die Drumtracks waren nicht programmiert, sondern nur getriggert. Auf Daves Fellen platzierten unsere Techniker kleine Sensoren, die das abgenommene Signal in einen Schlagzeugsynthesizer weiterleiteten. Damit verschafften wir uns auch bei den Beats einen gewissen Spielraum, um sie parallel zum Gitarrensynth laufen zu lassen. Natürlich landete im Mix auch ein Anteil des akustischen Schlagzeugsounds, um etwas organisches Flair in die Rhythmus-Spuren zu zaubern.

TURBO sollte eigentlich ein Doppelalbum namens TWIN TURBOS werden. Warum fielen elf der 20 aufgenommenen Stücke 1986 (vorerst komplett) der Schere zum Opfer?
Ja, das war der Plan, allerdings machte uns die Plattenfirma einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Ihnen war das Risiko zu groß, ein teures Doppelalbum auf den Markt zu bringen, denn sie fürchteten wegen des hohen Verkaufspreises massive Einbußen. Also suchten wir – da es an dieser Entscheidung nichts zu rütteln gab – jene Tracks aus, die am besten zusammenpassten und hoben unsere Favoriten aus den Sessions für die kommende Platte auf.

Inzwischen sind bis auf ›Under The Gun‹ und ›Fighting For Your Love‹ alle Stücke des kompletten TWIN-TURBOS-Projekts auf RAM IT DOWN und als Bonus auf anderen Veröffentlichungen dem Fan zugänglich gemacht worden. TURBO 30 wäre doch die perfekte Chance gewesen, diese zwei „verlorenen“ Songs ans Licht der Welt zu bringen?
Ich habe nicht die leiseste Ahnung warum das nicht gemacht wurde! Irgendjemand wird sich dabei wohl etwas gedacht haben …

Hattet ihr, als TURBO in seiner finalen Form in den Plattenläden stand, eine Vorahnung, welchen historischen Stellenwert dieses – letztlich auch kontroverse – Album in eurem Backkatalog einnehmen würde?
Ja, wir waren uns voll bewusst, dass diese Scheibe einiges an Trubel verursachen würde und unsere „traditionellen“ Fans sicher ein paar Problemchen mit dem Sound haben dürften. So trat es dann auch ein, und Priest verloren ein paar langjährige Wegbegleiter. Auf der anderen Seite gewannen wir eine Menge neuer Fans dazu, die zahlenmäßig wesentlich mehr waren als die, die uns den Rücken gekehrt hatten. Man muss natürlich zugeben, dass einige der Songs schon eine sehr kommerzielle Linie einschlugen. Jedoch hatte die gesamte Band damals diesen einen Sound im Kopf und es wäre uns selbst gegenüber unehrlich gewesen, wenn wir einen anderen Weg gewählt hätten. TURBO genoss mit seinem Stil in den USA hohes Ansehen und die Radiostationen erkoren uns zu einem ihrer liebsten Acts.

Insgesamt habt ihr rückblickend alles richtig gemacht. TURBO genießt Legendenstatus und brachte euch im ersten Jahr Gold und Platin in den Vereinigten Staaten ein.
Das ist korrekt und die Erinnerungen an diese großartige Zeit erfreuen mich jedes Mal aufs Neue!