Johnny Marr – Flankengeber im Sturmzentrum

 

Erstmals erscheint mit The Messenger ein Album, auf dem der Name „Johnny Marr“ auch groß auf dem Cover, nicht nur versteckt auf der Rückseite steht. Das ist bemerkenswert, denn bis dato lieferte der
UK-Kultgitarrist schließlich immer nur die präzisen, maßgeschneiderten Vorlagen – für Frontmänner
wie Morrissey, Matt Johnson, Bernard Sumner oder Isaac Brock.

Genauso habe ich tatsächlich Fußball gespielt“ lacht der 49-Jährige, der als Jugendspieler Angebote von Nottingham Forest und Manchester City hatte. „Mir war es nie so wichtig, der zu sein, der trifft. Dieses Ego habe ich nicht.“ Von Marrs nicht vorhandenem Ego sollten jedoch andere profitieren.

Es gibt nicht wenige, für die begann die Musikgeschichte überhaupt erst im Mai 1982. Der Urknall war ein Klopfen des 18-jährigen John Maher an der Haustür von Stephen Patrick Morrissey. Man hatte dem aufgeweckten Gitarristen auf Sängersuche von diesem Sonderling erzählt, der mit all den Büchern und Platten in seinem Zimmer saß und die Leserbriefseiten des NME mit Pamphleten über die New York Dolls, Klaus Nomi und Roxy Music überhäufte. Es ist wohl typisch Marr, dass er kurzerhand die Initiative übernahm und den fünf Jahre älteren, zurückgezogenen Intellektuellen aus dessen Eremitendasein befreite. Nur unwesentlich länger als fünf Jahre existierte das Songwriterteam Morrissey/Marr als Kern der Smiths. Doch zu ihrer Trennung im August 1987 hatten sie Großbritanniens Musiklandschaft umgepflügt. Die vier Alben und zwei Single-Compilations, die der unverschämt schlaue Frontmann Morrissey und Marr, sein genialistischer Zuarbeiter, fertigten, sind von solcher Perfektion, dass sie das immer noch unerreichte Ideal des Indie darstellen.

Nach der Trennung suchte Marr sich Neues, nahm mit den Talking Heads auf, mit Bryan Ferry. Stieg für die Alben „Mind Bomb“ und „Disk“ bei Matt Johnsons The The ein. Erlaubte sich mit New Orders Bernard Sumner, als Electronic seinem Faible für Dancemusic nachzugehen – was Morrissey in den Smiths kategorisch untersagt hatte. Verbrachte Jahre als Producer und Gitarrist im Studio, gründete um die Jahrtausendwende die eher erfolglosen Healers, stieg 2006 bei den US-Underground-Helden Modest Mouse ein, wurde 2008 zum vierten Jarman-Bruder bei den Cribs. Was viele Smiths-Fans nicht verstehen können: Für den Pragmatiker Marr sind die Smiths abgeschlossen. Klar, die fünf Jahre waren prägend und wichtig. Aber es sind nur fünf Jahre aus 49. Die ewige Frage: „Was ist mit der Reunion der Smiths?“ verkneifen wir uns wohlwissend.

Spannend finden wir vielmehr, dass Marr nach all den Jahren am Bühnenrand nun selbst den Platz in der Mitte sucht. „Das war keine Entscheidung, die ich auf die leichte Schulter genommen habe. Aber dann spielte ich ein paar kleine Shows und ich fühlte mich einfach wohl dabei. Was nicht viele wissen: Als Teenager war ich ja schon mal Sänger einer New Wave-Band. Die Rolle als Frontmann kenne ich“, erläutert der ewig als Sidekick Wahrgenommene. Ein Image, das er eher amüsiert als genervt gerade rückt: „Auf der Insel haben die Journalisten dieses Bild von mir, dass ich aus dem Fenster starre und auf meinem Bleistift kaue, so: ‚Oh, worüber kann ich nur meine Texte schreiben?’ Ich muss da echt mehr in die Offensive gehen. Ich mag meine Texte! Ich finde nicht, dass sie halbbacken sind oder obskur, wie so viele andere, die ich hören muss!“

Natürlich, die Gitarren auf „The Messenger“ sind erstaunlich, zeigen Marrs gesamte Bandbreite vom feinen Jangle über kernige Riffs bis zu malerischen Atmosphären. Aber dies ist nicht die Platte von Johnny Marr, dem Gitarristen. Sondern die von Johnny Marr, dem Typen. „Selbst wenn jetzt ein junger Mick Jagger oder John Lydon ankäme und sagen würde: ‚Ich will in deiner Band singen!’ – meine Antwort wäre ‚Nein!’“