John Mellencamp im Interview: Sympathischer Griesgram

john mellencampJohn Mellencamp scheint es zu genießen, ein Griesgram zu sein. Der Musiker und Gelegenheitsmaler – den man einst mit Hits wie ›Jack & Diane‹ als Popper abstempelte, der in jüngerer Vergangenheit aber viel Lob von Johnny Cash und Bob Dylan erntete und den das Billboard Magazine als den „wichtigsten Roots-Rock-Vertreter seiner Generation“ beschrieb – leidet heutzutage nicht mehr sonderlich unter der Bewertung seines Lebens und seiner Arbeit. Auf seinem neuen Album SAD CLOWNS AND HILLBILLIES, featuring Carlene Carter, widerlegt der Zigaretten rauchende Rocker die Annahme, dass er über sich selbst schreibt und klagt (nach prestigeträchtigen Beziehungen mit Meg Ryan und Christie Brinkley) über seinen Status als Star.

Wer sind die traurigen Clowns und Hinterwäldler?
Das sind keine bestimmten Personen. Die Songs handeln wirklich nicht von mir. Es verhält sich wie bei Tennessee Williams und seinem Stück „Endstation Sehnsucht“, auch hier ging es nicht um ihn. Dass meine Songs immer von mir handeln, war schon immer ein Trugschluss.

Hat die Annahme, dass du stets über dich selbst singst, dich während deiner Karriere verfolgt?
Ja. Diese Mutmaßung gibt es schon seit meiner Jugend.

Wenn du über George W. Bush schreibst, er sei ein ›Rodeo Clown‹, was ist dann Donald J. Trump für dich?
Ich habe diesen Kerl schon häufiger getroffen und weiß einfach nicht, was ich genau von ihm halten soll. Ich kann dir aber auf jeden Fall sagen, dass ich mich nicht über ihn freue.

Hast du Angst vor dem, was unter seiner Führung geschehen könnte?
Nicht wirklich. Jede Generation scheint zu denken, dass sie in dunklen Zeiten aufwächst, aber in Wahrheit stimmt das nicht. Hast du schon mal vom Holocaust gehört? Schlimmer als damals kann es nicht mehr werden und ich kann momentan noch nicht erkennen, dass wir wieder in diese Richtung driften. Einige Länder verhalten sich schlecht gegenüber ihren Nachbarn, aber so etwas gab es schon immer. Durch moderne Kommunikationssysteme be­­kommen wir nur immer gleich alles mit.

Meinst du, du hast den Luxus, diese Entwicklungen als bedeutungslos abzutun, weil du eine Berühmtheit bist?
Nein, solche Dinge sind nie bedeutungslos, egal ob du nun berühmt bist oder nicht. Jeder, der einen Star zu seinem Idol macht, sollte einen genaueren Blick auf sich selbst werfen.

Was ist der Höhepunkt deiner Karriere: das Lob von Bob Dylan, deine Beteiligung an Farm Aid oder deine Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame 2008?
(kichert) Wer hätte damals, als ich mit 21 Jahren anfing, Musik zu machen, gedacht, dass ich mit 65 immer noch Platten aufnehmen würde? Ich bin dankbar, dass ich so leben kann, wie ich möchte, dass ich Songs schreiben und malen kann und für niemand anderen arbeiten muss. Ich habe in meinem ganzen Leben nie einen richtigen Job gehabt und werde es auch nie.

Ein Teil deines neuen Albums behandelt religiöse Themen. Glaubst du an Gott?
Ich bin kein Anhänger einer bestimmten Konfession, aber auch kein Atheist, man könnte mich wohl am ehesten einen Agnostiker nennen. Ich erkenne in allem die Wahrheit und die Lügen.

Verletzt es dich, wenn Leute dich einen Heuchler nennen, wie etwa nach der Werbung für Chevy [obwohl er oft sagte, dass er gegen die Nutzung seiner Songs in Werbespots ist, erlaubte er Chevrolet 2006 den Gebrauch von ›Our Country‹] – oder ist dir das egal?
Dass ich eine Chevy-Reklame gemacht habe, bedeutet gar nichts. Es war einmal, vor langer langer Zeit, da hatte Musik eine Bedeutung. Ich bin mir nicht sicher, ob das heute immer noch so ist. Musik ist Unterhaltung. Ich bin ein singender und tanzender Mann, mehr auch nicht.

Welches waren die besten Drogen, die du je genommen hast, und welche die schlechtesten?
Ich konsumiere keine Drogen.

Hast du nicht früher Dope geraucht?
Nun, keine der Drogen war wirklich gut, sonst würde ich sie immer noch nehmen (lacht). Ich rauche Zigaretten (hustet), aber ich trinke nicht und nehme auch keine anderen Drogen. Wenn du jemand bist, der Alkohol und Drogen braucht, um sich zu entspannen, dann solltest du dich selbst mal genau analysieren. Warum musst du dein Hirn chemisch verändern? Lass uns ehrlich sein: Alkohol ist Gift, deswegen bringt er Leute um.

Rauchst du immer noch 80 Zigaretten am Tag?
Nein, nein, nein, nein. Ich weiß nicht, woher dieses Gerücht stammt. (denkt nach) Wenn du mit mir redest, dann redest du mit einem Heuchler. Du bist noch nie einem begegnet? Dann schau in den Spiegel. Irgendwann hat mir irgendwo irgendwer eine Frage gestellt. Ich habe nicht wirklich überlegt oder gezählt, sondern einfach „Achtzig“ gesagt. Ich habe keine Ahnung, ob ich jemals 80 Zigaretten am Tag geraucht habe. Außerdem: Wen geht das eigentlich etwas an?

Wäre das eine würdige Grabinschrift?
Auf jeden Fall. Was kümmert es mich? Ich bin dann tot! Schreibt darauf, was euch gefällt.

Ist diese Leck-mich-am-Arsch-Einstellung das Geheimnis deines Erfolges?
Ich würde sie nicht jedem empfehlen, bei mir hat sie jedoch funktioniert.

›Grandview‹ aus John Mellencamps aktuellem Album SAD CLOWNS AND HILLBILLIES: