Joe Walsh – Kehrtwende ins Glück

Joe Walsh 2012b @ Andrew MacPhersonEr zählt zu den größten Gitarristen Amerikas, ist mitverantwortlich für den Eagles-Megaerfolg HOTEL CALIFORNIA, war Jahre lang hoffnungsloser Alkoholiker und kennt alle Höhen und Tiefen des Lebens. Nun ist er zurück und bringt sein erstes Solo-Album in 20 Jahren heraus. Heute scheint Joe Walsh einer der zufriedensten Menschen auf diesem Planeten zu sein. Im Interview mit CLASSIC ROCK verrät er, wie sich die Welt und sein Leben gewandelt haben.

Auf seinem aktuellen Solo-Werk ANALOG MAN setzt sich Joe Walsh mit den Schwierigkeiten seiner in die Jahre gekommenen Generation in einer sich verändernden Welt auseinander. Das lässt vermuten, dass sich die Gitarren-Legende mit seinen 64 Jahren durchaus alt fühlen könnte. „Oh nein, ich fühle mich nicht alt! Ich hatte mir nie Gedanken über das Altwerden gemacht, denn das lag in so ferner Zukunft. An diesem Punkt in meinem Leben versuche ich von Neuem zu beginnen, um nicht zu sehr in der Vergangenheit zu leben und wütend darüber zu werden. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu sein. Denn hier und jetzt ist alles in Ordnung.“

Wenn Walsh sich in seinem Titelsong als „analogen Mann“ bezeichnet, meint er damit eine Spezies, die in der heutigen „digitalen Welt“ auf einige Herausforderungen und Probleme stößt. Er will dabei aber nicht wie ein alter Herr wirken, der den guten alten Zeiten nachtrauert. Immerhin verfügt Walsh über seine eigenen Facebook- und Twitter-Accounts. „Ich habe ja nie behauptet, dass analog besser ist als digital. Vergesst aber nicht, dass wir auf einem analogen Planeten leben. Du sollst eben keine eMail versenden, während du Auto fährst und dann in den Kerl vor dir brettern. Du kannst nicht in beiden Welten zugleich unterwegs sein“, erklärt er lachend mit seinem unverwechselbar sympathischen Zungenschlag.

Walsh, der zwar stets mit den Eagles unterwegs war, als Solo-Künstler aber seit ganzen zwei Jahrzenten auf neue Ergüsse warten ließ, scheint präsenter als je zuvor zu sein. Nun, da ANALOG MAN endlich da ist, ist das Interesse an ihm beeindruckend groß. „ Irgendwie fühlt es sich schon wie ein Comeback an. Ich bin zurück, ja! Aber ich erwarte doch nicht, auf meiner Comeback-Tour eine Headliner-Show im Madison Square Garden zu spielen.“
Nicht nur die Musikpresse ist sich Walshs Stellenwertes bewusst. Bei den Feierlichkeiten zur Veröffentlichung seines Albums in London erweisen ihm Musikgrößen wie Ronnie Wood, James McCartney und Olivia Harrison (Witwe von Goerge Harrison) die Ehre. Zu den Fab Four hat Walsh ohnehin eine ganz besondere Beziehung. Seine Frau, die nach Walshs Aussagen sein Leben grundlegend verändert hat, ist Ringo Starrs Schwägerin. „Sagen wir, ich befinde mich im Dunstkreis der Beatles-Familie. Ich habe in eine Großfamilie eingeheiratet. Das ist eine Dynamik, die ich zuvor nie erlebt habe, weil ich ein Einzelgänger war“, schwärmt der Neufamilienmensch. Auch musikalisch stimmt es mit der Verwandtschaft und so ist ein echtes Beatles-Schlagzeug auf Walshs Song ›Lucky That Way‹ zu hören.

Mit Hilfe derart wertvoller Menschen, denen er sein Lied ›Family‹ gewidmet hat, hat Walsh es heute geschafft, beinahe beneidenswert glücklich zu sein: „Ich fühle mich geerdet, fokussiert, selbstbewusst und habe meine Mitte gefunden. Ich befinde mich in einer kreativen Phase meines Lebens und werde sicherlich nicht wieder 20 Jahre warten, bis ich das nächste Album schreibe. Ich war einige Male reich und berühmt. Das brauche ich nicht mehr. Was mir zu tun bleibt, ist wieder ans Werk zu gehen und Musik zu machen.“