Iggy Pop: Keine Grenzen

Immer war er am Limit, immer war er wütend. Auch jenseits der Bühne, wodurch er sich mit erstaunlicher Konsequenz andauernd selbst zum Trottel machte. Iggy galt vielen als unkalkulierbarer Kindskopf, eine Art moderner Hofnarr, aber es war ihm egal. Die Reaktionen anderer Leute schienen ihn tatsächlich nicht zu interessieren. Und das ist in einer narzisstischen Branche, in der Außenwirkung die wichtigste Währung ist, tatsächlich ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal.

Und natürlich hatte dieser Iggy Pop niemals auch nur ansatzweise einen Plan für etwas so profan Bürgerliches wie eine Karriere. Niemand wurde so oft von Plattenfirmen rausgeworfen wie er, Iggy versaute TV-Auftritte, Meetings, Interviews, Schallplattenaufnahmen, einfach alles. Auch die ersten beiden Stooges-Alben werden zwar heute in jeder anständigen Liste der besten Alben aller Zeiten erwähnt, aber zum Zeitpunkt ihres Erscheinens waren sie gnadenlose Flops. Bald nach dem zweiten, FUN HOUSE von 1970, löste sich die Gruppe auch schon wieder auf, was neben dem
Misserfolg auch Iggys ebenso chronischer Heroinabhängigkeit geschuldet war.

Immerhin einen Menschen, der die Stooges hören wollte, gab es dann aber natürlich doch – und das war bekanntlich David Bowie. Es ist viel geschrieben und oft gerätselt worden über die Freundschaft dieser auf den ersten Blick so unterschiedlichen Männer. Bei diesen Betrachtungen wird oft vergessen, dass der vermeintliche Prolet Iggy Pop, der ja tatsächlich in einem Trailer Park aufgewachsen war, von seinen als liebevoll beschriebenen Eltern stark gefördert wurde. Der Vater war Englischlehrer, Iggy ist hochbelesen und gebildet, er kann sehr charmant sein.

Während der vermeintliche Bohemien David Bowie mit Vorliebe einfache Gerichte in englischen Raststätten bestellte und eine ausgeprägte Vorliebe für den proletarisch derben Humor der Londoner Vororte pflegte. Sie trafen sich also in der Mitte. Bowie war für Iggy bekanntermaßen ein Glücksfall, er hat ihm vermutlich das Leben gerettet. Trotzdem ist es überaus schade, dass den im Nachgang der Bowie-Jahre veröffentlichten Pop-Alben die angemessene Anerkennung stets versagt bliebt.

Insbesondere NEW VALUES und SOLDIER, aber auch KILL CITY sowie in Teilen ZOMBIE BIRDHOUSE und PARTY gehören zu Iggys besten Arbeiten. Überhaupt hat sich Pop über die Jahre in nahezu sämtlichen Genres und Kunstformen betätigt, aber die Rolle des großen wilden Mannes der amerikanischen Rockmusik wurde er nie los. Es ist seine Paraderolle, darin liegt durchaus eine gewisse Tragik.

Noch mal kurz: Wenn es im Punk aus heutiger Sicht um irgendetwas ging, dann waren vor allem diese Dinge wirklich wichtig: die Aufhebung der Grenze zwischen Publikum und Künstler und Selbstermächtigung. Zunächst hat der mittelmäßig begabte Schlagzeuger Iggy Pop sich unter dem Eindruck von Jim Morrison ermächtigt, zum Sänger und Bühnenberserker zu werden.

Und auch wenn es haufenweise Garage-Bands vor den Stooges gab und natürlich die Ur-Punks Little Richard und Jerry Lee Lewis, so war es doch Iggy Pop, der sich der destruktiven Seite des Rock’n’Roll mit einer derartig schonungslosen Konsequenz hingegeben hat, wie keiner vor oder nach ihm. Es gab da keine Grenze zu gar nichts. Letzten Winter marschierte dieser Iggy Pop, der kommenden April 70 Jahre alt wird, in die New York Academy of Art und stellte sich einer Zeichenklasse als Aktmodell zur Verfügung. Initiiert hatten das Projekt das Brooklyn Museum und der britische Künstler Jeremy Deller.

Ein Kunstwerk war der Körper von James Newell Osterberg, Jr., den manche Jim nennen und die meisten Iggy, schon lange vorher. Er selbst hat es geschaffen.