Hawkwind – THIS IS YOUR CAPTAIN SPEAKING… YOUR CAPTAIN IS DEAD – THE ALBUMS & SINGLES 1970-1974

hawkwind this is your captain
Ladbroke Grove, der Londoner Bezirk im Royal Borough of Kensington and Chelsea mit den Eckpfeilern Notting Hill im Süden und Kensal Green im Norden, präsentiert sich heutzutage als begehrenswerte Gegend für solvente Eigentümer maßlos überteuerter Flats und Grundstücke. Das war nicht immer so. Zum Ausklang der Swinging Sixties residiert im damals eher heruntergekommenen Distrikt rund um den Portobello Road Market Londons Underground-Elite: Mitglieder von The Deviants und The Pink Fairies finden sich hier ebenso zur Miete oder kostenlos in gekaperten Squats ein, wie Sam Gopal oder Tyrannosaurus Rex. Auch Hawkwind, 1969 von Dave Brock (Sänger, Gitarrist, Keyboarder), Nik Turner (Saxofon, Flöte), Dik Mik (Synthesizer), Terry Ollis (Schlagzeug), John A. Harrison (Bass) und Huw Lloyd-Langton (Sologitarre) aus der Taufe gehoben und bis auf ein kurzes Trennungsjahr um 1978 nach wie vor existentes Relikt einer vergangenen Ära, starten in Ladbroke Grove durch. Dutzende Musiker, Tänzer, Autoren, Rumhänger, Drogenlieferanten und Möchtegernkreative durchlaufen das anfänglich von Kult-Radio-DJ John Peel immens geförderte Projekt. Rasch in professionelle Puschen kommen Hawkwind, die auch gerne mal unangemeldet am Rande von Open-Air-Festivals aufzutreten pflegen, als das Label United Artists mit einem Vertrag winkt. Frisch bei den Pretty Things ausgestiegen, versucht Dick Taylor sich 1970 ein Standbein als Produzent aufzubauen: Das Debüt HAWKWIND, Auftakt der Elf-CD-Box THIS IS YOUR CAPTAIN SPEAKING… YOUR CAPTAIN IS DEAD – THE ALBUMS & SINGLES 1970-1974, operiert im gleichen Fahrwasser wie seinerzeit die schon etablierten Pink Floyd: Space Rock. Eingezäunt durch den catchy Folk-Blues-Ohrwurm ›Hurry On Sundown‹ und das transzendentere ›Mirror Of Illusion‹ ergeht sich der Rest in unendlichen Weiten des Klanguniversums. Ursprünglich konzipiert als langer Jam namens ›Sunshine Special‹, betitelt nach einer gängigen LSD-Sorte, unterteilt es Taylor in weiser Voraussicht in fünf Segmente. ›Be Yourself‹ erinnert an Jethro Tull, ›Paranoia Part 1 & 2‹ bedient sich Jazz-Rock-Fusionen. Als Produzent George Chkiantz 1971 IN SEARCH OF SPACE in Angriff nimmt, fehlt der nach Einnahme von acht LSD-Trips psychisch geschädigte Gitarrist Lloyd-Langton und den Bass bedient zumindest kurzfristig der von Amon Düül II übergewechselte Dave Anderson. Dominiert von der 16-minütigen, angejazzten Free-Style-Improvisation ›You Shouldn’t Do That‹, tönen Hawkwind auf ›You Know You’re Only Dreaming‹ und ›We Took The Wrong Steps Years Ago‹ einmal mehr wie Pink Floyd. Zur Blaupause gerät die monströse Stoner-Rock-Orgie ›Master Of The Universe‹ – aus den Ingredienzen bastelten sich Monster Magnet oder Queens Of The Stone Age veritable Karrieren. In die heiße Durchbruchsphase geraten Hawkwind, als sich Schlagzeuger Simon King und Bassist Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister für DOREMI FASOL LATIDO ins Line Up integrieren. Lemmy, zuvor Gitarrist bei Sam Gopal, malträtiert seinen Bass wie einen Sechssaiter und steuert das hypnotische ›The Watcher‹ bei. Keytracks wie ›Brainstorm‹, ›Lord Of Light‹ und ›Time We Left This World Today‹ geraten zu wahren Wuchtbrummern. Als orgiastisches Happening mit permanent im Einsatz befindlicher Seifenblasenmaschine von Barney Bubbles, psychedelischer Lightshow von Liquid Len, poetischen Rezitationen von Robert Calvert und Tanz-Impressionen von Stacia, Miss Renee, Jonathan Carney und Tony Carrera konzipiert sich der 1973 erschienene Konzertmitschnitt SPACE RITUAL ALIVE IN LIVERPOOL AND LONDON. Nach europaweitem Singlehit ›Silver Machine‹, eine nachträglich im Studio mit Lemmys kehligem Geraune editierte Version vom Benefiz-Konzert im Londoner Roundhouse am 13. Februar 1972, dessen komplettes Hawkwind-Set sich auf GREASY TRUCKERS PARTY findet, gilt die Truppe nun als absolut „heißer Shit“, der sogar Chancen in den USA eingeräumt werden. Noch eine Spur effizienter gerät 1974 das von Roy Thomas Baker, Doug Bennett und der Band co-produzierte HALL OF THE MOUNTAIN GRILL, eine Kombination aus Edvard Griegs ›In The Hall Of The Mountain King‹ und einem Szene-Café auf der Portobello Road namens The Mountain Grill. Mit Neuzugang Simon House an Violine, Mellotron und Synthesizer generieren sich Hawkwind als ›The Psychedelic Warlords (Disappear In Smoke)‹. Es flirrt an allen Ecken und Enden, House persifliert Griegs Klassiker im Titelsong und Speed-Freak Lemmy gibt mit ›Lost Johnny‹ schon mal einen rasanten Vorgeschmack auf Motörhead. Aus gleichem Jahr stammt die im Chicago Auditorium Theatre am 21. März aufgezeichnete Konzertaufnahme THE 1999 PARTY. Insgesamt 15 A- und B-Seiten-Mixe (u.a. ›You Better Believe It‹, ›Paradox‹, ›Seven By Seven‹, ›Urban Guerilla‹) aus jener Phase füllen TIME & STARS: THE SINGLES. Erklärungsbedürftig bleibt indes, warum das finale LP-Werk für die Firma United Artists, WARRIOR ON THE EDGE OF TIME (1975), bei der ansonsten so liebevoll zusammengestellten Werkschau ausgeklammert blieb.