Ginger Baker: Früchte des Zorns

Bbm Cover Around-The-Next-Dream-Delantera2Mick Jagger ist ein „Schwachkopf“, Jack Bruce „ein Wichtigtuer“, Hawkwinds Musik klingt „verdammt grauenhaft“ und Gary Moore ist „ein ausgemachtes Weichei“. Rockstars? „Die meisten von ihnen sind verfluchte Idioten“. Sagt Ginger Baker, einer der größten Schlagzeuger aller Zeiten – und ein ziemlich ruppiger Geselle.

Der legendäre Schlagzeuger liegt ausgestreckt auf dem Bett eines Londoner Hotelzimmers, als der Mann von CLASSIC ROCK den Raum betreten darf. „Wer bist du?“, stöhnt er genervt auf. Der Handschlag fällt flüchtig aus, denn Ginger Baker beklagt sich erst einmal lautstark bei seinem Presseagenten über das drohende Ungemach: „Muss ich noch so ein verdammtes Interview geben? Für welche Zeitung denn diesmal? Etwa die ‚Sunday Times’? Wofür soll das gut sein?“ Baker schnaubt. „Warum bin ich nicht im ‚Daily Mirror‘? Das wäre die Sorte Zeitung, die ich lese. Ein anständiges Revolverblatt.“

Der ruppigste Schlagzeuger der Welt richtet sich auf. Er leidet offensichtlich unter Schmerzen. Seit Jahren versucht er, die Arthritis in seinem Rücken, seiner Hüfte und seinen Knien mit Pillen, Salben, Schmerzmitteln und großen Dosen verschreibungspflichtiger Morphine in Schach zu halten. Ginger Baker ist mittlerweile auch ziemlich taub, und um sein Augenlicht war es auch schon mal besser bestellt. Kälte mag der 70-Jährige überhaupt nicht, weshalb er die Heizung voll aufgedreht hat. Ein zorniger alter Mann.

„Wo ist mein Tee?“, raunzt er seine leidgeprüfte Freundin Kudzai an. Die 27-Jährige aus Simbabwe hat er im Internet kennen gelernt, heute leben sie gemeinsam auf seiner Ranch in Südafrika. Ein Lakai erscheint mit dem Tee für „Mister Peter Baker“. Baker ist immer noch ungehalten. „Na also. Könnte mir vielleicht mal jemand den Aschenbecher rüberwerfen?“ Die Tochter seiner jungen Freundin gießt den Tee ein, während sich Baker eine Rothman’s anzündet. „Also los jetzt, sprich. Stell’ deine Fragen.“

Ich wünsche Ihnen auch einen schönen Nachmittag, Mister Baker. Die Schlagzeug-Legende ist aus ihrer Wahlheimat Tulbagh in der westlichen Kap-Provinz nach London zurückgekehrt, um die kürzlich erschienene Autobiografie „Hellraiser“ zu promoten: die Rückschau auf ein außergewöhnliches Leben, angefüllt mit verrückten Anekdoten über Heroinmissbrauch, soziale Störungen, Faustkämpfe und musikalische Eskapaden. Geschichten aus dem Soho der Nachkriegszeit, aus den „swinging sixties“ und späteren Jahren. Ein Buch wie ein Frontalzusammenstoß, und das ist wörtlich zu nehmen. Denn Baker macht sich bei jeder Gelegenheit Feinde. Freunde spielen indes kaum eine Rolle.

Baker ist aber auch in London, um einen Gig im „Jazz Café“ zu absolvieren. Ein früherer Kollege von Cream darf mitspielen: Eric Clapton. Der andere Kollege, Jack Bruce, muss draußen bleiben. Letzterer musste sich vor geraumer Zeit einer Lebertransplantation unterziehen. Hat ihm Baker wenigstens „Gute Besserung“ gewünscht? Natürlich nicht.

„Eric Clapton ist wahrscheinlich mein bester Freund“, erzählt Baker, „er und Stevie Winwood. Eric ist wie ein kleiner Bruder für mich. Ich bin sehr stolz auf ihn, denn er hat sich gut gemacht. Als ich ihn noch vor Cream erstmals traf, wusste ich nicht, dass er schon damals so viele Fans hatte. Ich sah zwar diese ‚Clapton-is-God‘-Graffitis, aber ich hatte keine Ahnung. Ich habe von den meisten Dingen keine Ahnung.“

Auf sein erstes Zusammentreffen mit Ginger Baker angesprochen, erinnerte sich einst Eric Clapton: „Er kam nach Oxford, um mich mit John Mayall’s Bluesbreakers zu hören. Er fragte mich, ob ich Lust auf eine gemeinsame Band hätte. Ich reagierte ziemlich eingeschüchtert, denn er war ein finsterer Geselle, dem ein gewisser Ruf vorauseilte.“ Laut Baker sagte Clapton Folgendes: „Ich kenne dich. Du bist nicht der harte Junge, für den du dich hältst.“ Der Gitarrist, mehr Softie als Kämpfer, war von Bakers Erscheinung jedenfalls schwer beeindruckt: „Er wirkte körperlich sehr stark, ein extrem drahtiger Typ mit roten Haaren. Er hatte immer diese seltsame Ausstrahlung, eine Mischung aus Unglauben und Misstrauen. Erst später bemerkte ich dann, dass er eigentlich ein schüchterner, sanfter Mann ist, nachdenklich und voller Mitgefühl.“

In besagter Nacht fuhr Baker mit Clapton von Oxford zurück nach London. Er raste wie ein Wahnsinniger, und als Clapton Jack Bruce als Bassisten vorschlug, hätte Baker seinen neuen Rover 3000 beinahe geschrottet. Seine spontane Antwort: ein humorloses Nein. Ein paar Tage später rief er Eric an und verkündete, mit Jack Bruce doch einverstanden zu sein.

Bevor sich Baker aus der Graham Bond Organisation und Clapton von John Mayall’s Bluesbreakers verabschiedeten, hatte der Trommler bereits mit Bruce die Bühne geteilt. Die Antipathie zwischen Baker und dem talentierten, klassisch ausgebildeten Bassisten aus Schottland ist sattsam bekannt und bestens dokumentiert. Basiert ihre Fehde, die nun schon seit Jahrzehnten andauert, womöglich auf klassischer Hassliebe? „Kein bisschen“, kontert Baker, „ich entdeckte Jack im Jahr 1962 und ich brachte ihn in all die Bands, in denen wir zusammen spielten – Cream inklusive. Ich war der Katalysator, doch als Graham Bond ihn zum Singen ermutigte, begannen seine Egoprobleme. Noch heute weigert er sich zu akzeptieren, dass ich mehr als nur ein Schlagzeuger bin. Er gibt zu, dass ich ein wundervoller Trommler bin, aber er weigert sich, mich als Musiker zu sehen, der auch Songs schreibt. Was auch für Pete Brown gilt (Texter für Cream, der damals auch mit seiner eigenen Band Battered Ornaments auftrat – Anm.d.Red.). Ich hatte ihn 1961 bei einer Show in St. Pancras kennen gelernt. Wenn’s darum geht, wie er zu Cream kam, spricht er immer nur von einem ‚Telefonanruf‘. Dass der von mir kam, verschweigt er.“

So wie es Baker sieht, hat die Achse Brown/­ Bruce immer versucht, seine und Claptons Ver­dienste klein zu reden. „Wir leisteten alle unsere Beiträge. Was mich wirklich anpisst, ist die Tatsache, dass meine Mitarbeit an ›Sunshine Of Your Love‹ und ›White Room‹ komplett geleugnet wird. Ich spielte bei beiden Songs tragende Rollen, dieser Bolero-Part in ›White Room‹ etwa ist auf meinem Mist gewachsen, aber ich wurde nie als Co-Komponist erwähnt. Und Jahre später drehte Jack dann förmlich durch, weil Eric ›White Room‹ in seinem Set spielte. Aber so ist er eben.“