Titelstory: Gary Moore (04.04.1952–06.02.2011)

opener KopieDie Welt ist um ein musikalisches Genie ärmer: Einer der einflussreichsten Gitarristen der vergangenen Jahrzehnte wird der Szene fortan fehlen. Gary Moore verstarb in der Nacht zum 6. Februar im südspanischen Urlaubsort Estepona in seinem Hotelzimmer. CLASSIC ROCK fragt nach den Gründen für das plötzliche Ableben des 58-jährigen Briten, bittet Kollegen darum, ihre Trauer zum Ausdruck zu bringen, und lässt Gary Moore zudem in einem Interview aus dem Jahr 2009 noch einmal selbst zu Wort kommen. In unserer Rubrik „Lebenslinien“ spricht der Saitenkünstler über seine eigenen Idole und verrät Details der spannenden Begegnungen, die er in seiner Musikerkarriere erleben durfte.

Der Schock sitzt tief: In der Nacht zum 6. Februar stirbt Gary Moore im Hotelzimmer eines Feriendomizils an der spanischen Costa Del Sol. Die Ursache für das Ableben des nordirischen Rockgitarristen ist zunächst unklar. Inzwischen geht man von einem natürlichen Tod nach einem Herzinfarkt aus – doch zwischenzeitlich gibt es Gerüchte, die besagen, dass der Musiker an seinem Erbrochenen erstickt sei, nachdem er am Abend zuvor in der Bar des Kempinski Hotels in Estepona größere Mengen Alkohol getrunken habe. Ein Hotelbediensteter erzählt nämlich, dass Moore und seine Freundin am Samstag ursprünglich im Restaurant des Hotels essen wollten, dann jedoch – weil das Lokal bereits geschlossen war – Sandwiches und eine Flasche Champagner in der Bar bestellten. Später am Abend soll das Paar ein paar Brandys getrunken und die Bar um 23.00 Uhr gut gelaunt verlassen haben. Am Sonntagmorgen gegen vier Uhr ruft Moores Freundin Hilfe – denn ihr Partner liegt leblos im Hotelzimmer. Die eilig herbeigerufenen Ärzte können bei dem Musiker jedoch nur noch den Tod feststellen.

Mit Gary Moore verlässt uns einer der wichtigsten und einflussreich-sten Gitarristen der Rockgeschichte. Ein Musiker, der sich stilistisch nie endgültig festgelegt, sondern in den Bereichen Blues, Hard Rock, Fusion, aber auch in moderneren Spielweisen eine exzellente Figur gemacht hat. Moore spielte eine fesselnde Sologitarre und verfügte zudem über eine markante Stimme, die vor allem in seinen ruhigeren Stücken ihre volle Pracht entfaltet.

UMZUG FÜR DEN ROCK-RUHM
Die musikalische Laufbahn von Robert William Gary Moore, der am 4. April 1952 im nordirischen Belfast zur Welt kam, beginnt 1963 mit seiner ersten Akustikgitarre, einer Framus mit Cello-Korpus. Das Instrument ist eigentlich zu groß für den Knirps und hat zudem Stahlsaiten, die der junge Gary kaum herunterdrücken kann. Mit 14 erhält er eine Original-Fender Telecaster und gründet kurz darauf seine erste Schulband. „Als Kind musste ich immer herhalten, wenn es darum ging, jemanden zu ärgern“, erzählte Moore, „doch mit der Gitarre trat etwas in mein Leben, das gut für mich war. Fortan spielte ich nicht mehr draußen, sondern saß zu Hause und übte.“ 1969, Moore ist noch keine 17 und gerade nach Dublin gezogen, stößt er zur Band Skid Row, bei der ein gewisser Phil Lynott singt. Nach der Veröffentlichung zweier Alben (SKID, 1970 und 34 HOURS, 1971) formiert Moore zunächst die eigene Gary Moore Band, folgt jedoch nach nur einer Scheibe (GRINDING STONE, 1973) dem Ruf seines ehemaligen Mitstreiters Lynott und geht zu Thin Lizzy.

Mitte der Siebziger holt ihn schließlich Jon Hiseman zu Colosseum II – ein Schritt, den er schnell bedauert: „Wir suchten mehr als anderthalb Jahre lang einen Keyboarder und einen Bassisten, veranstalteten unzählige Auditions und spielten immer die gleichen drei Songs. Als wir die Platte endlich aufnahmen, konnten Hiseman und ich diese drei verdammten Tracks nicht mehr hören“, erinnert sich Moore später. „Wir produzierten sie zwar trotzdem, doch keiner wollte sie hören. Es war generell eine miese Zeit damals: Ich besaß kein Geld, Jon gab mir immer nur so viel, dass ich mir das Ticket für die Fahrt zum Proberaum leisten konnte. Ich nahm also meine Les Paul unter den Arm und fuhr jeden Tag mit dem Bus zu Jon. Man muss sich das mal vorstellen: Das war schon in den Siebzigern, und ich hatte schließlich bereits in mehreren Bands gespielt. Und nun musste ich wieder ganz von vorne anfangen.“

Moore veröffentlicht dennoch drei Alben mit Colosseum II (STRANGE NEW FLESH, 1976; ELECTRIC SAVAGE, 1977; WAR DANCE, 1977), kehrt aber schließlich zu Thin Lizzy zurück, um mit Lynott das Album BLACK ROSE: A ROCK LEGEND (1979) einzuspielen.

Doch auch in dieser Phase, in der Alben entstehen, die heute als die be-sten der glorreichen Band gelten, läuft nicht alles glatt für Moore: „Thin Lizzy waren eine tolle Band, aber Phil hatte eben auch negative Seiten, mit all seinen Drogen und dem ganzen Scheiß.“ Noch während der Aufnahmen zum Lizzy-Opus unterschreibt Moore deshalb einen Solo-Plattenvertrag. BLACK ROSE und sein eigenes Album BACK ON THE STREETS mit dem legendären ›Parisienne Walkways‹ kommen fast zeitgleich auf den Markt. Anschließend gründet er die kurzlebige Formation G-Force und spielt auf zwei exzellenten Alben der Greg Lake Band (GREG LAKE, 1981 und MANOEUVRES, 1983), zudem erscheint das 1982er-Japan-Album GARY MOORE.

EIGENINITIATIVE ALS ERFOLGSPRINZIP
Anfang der Achtziger schließt Moore schließlich einen neuen Vertrag als Solokünstler ab und zwar mit Virgin Records. Als erste Produkte dieser mehr als 15 Jahre anhaltenden Kollaboration erscheinen CORRIDORS OF POWER (1982), die drei Live-Alben LIVE AT THE MARQUEE (1983), WE WANT MOORE! (1984) und ROCKIN’ EVERY NIGHT – LIVE IN JAPAN (1986), außerdem die Studiowerke VICTIMS OF THE FUTURE (1984) und DIRTY FINGERS (1984). Allerdings ist Moore mit den jeweiligen Sängern dieser Werke nicht zufrieden, sodass er nach der Zusammenarbeit mit Glenn Hughes (ehemals Deep Purple) auf dem 1985er-Werk RUN FOR COVER den Entschluss fasst, sich fortan selbst hinters Mikro zu stellen: „Es nervte immer, wenn ich es mit so genannten ‚großen Sängern‘ zu tun hatte. Ich wartete stundenlang im Studio auf sie. Als sie dann endlich da waren, hoffte ich, nun endlich die großartigsten Gesangseinlagen hören zu können. Doch dann hatten die Leute irgendwelche Wehwehchen und schafften gerade mal eine einzige Zeile.“

RUN FOR COVER avanciert zum weltweiten Erfolgsalbum, speziell aufgrund der Songs ›Empty Rooms‹ und ›Out In The Fields‹. Letzteres Stück ist Moores finale Kooperation mit Phil Lynott, der am 4. Januar 1986 stirbt. Und sie beschert dem Gitarristen sogar einen Top-Ten-Hit. RUN FOR COVER stellt gemeinsam mit dem nachfolgenden Werk WILD FRONTIER (1987) Moores endgültigen Durchbruch als Rockgitarrist dar. Von WILD FRONTIER, einer Platte mit starken keltischen Einflüssen, erschienen gleich fünf Single-Auskopplungen, darunter ›Friday On My Mind‹, eine kraftvolle Version des Easybeats-Klassikers. „WILD FRONTIER ist ein tolles Album, und diese Ära war generell eine überaus ereignisreiche Zeit für mich: Mein erster Sohn wurde geboren, Phil Lynott schied aus dem Leben, und ich war kurz zuvor wieder in meiner Heimatstadt gewesen. Ein Auf und Ab. Alle diese Eindrücke spiegeln sich auf WILD FRONTIER wieder. Es hat auch die stärksten traditionellen Einflüsse aller meiner Veröffentlichungen, wie man vor allem in ›Over The Hills And Far Away‹ oder auch ›Johnny Boy‹ hört.“

LIEBE ZU EUROPA
Dennoch ist sich Moore seinerzeit nicht wirklich sicher, ob er den stilistischen Faden von WILD FRONTIER weiterspinnen soll. Er will sich nicht künstlerisch wiederholen. Beim 1989er-Nachfolger AFTER THE WAR wollen zu-dem die Plattenfirma-Verantwortlichen Einfluss nehmen, und zwar über Ton-Ingenieur Peter Collins, der bereits ›Out In The Fields‹ sowie einige Songs auf WILD FRONTIER produziert hat. Das Album soll gezielt auf den amerikanischen Markt ausgerichtet werden. „Die Leute ahnten jedoch bereits, dass sie mit ihren Ideen bei mir auf Granit beißen würden, daher schickten sie Collins vor“, so Moore. „Natürlich durfte es es nicht zugeben, aber ich konnte es förmlich riechen. Dadurch kam es zu einigen Konflikten zwischen uns. Am Ende machte ich doch ein paar Zugeständnisse, was allerdings ein Fehler war. Der Titelsong ›After The War‹ beispielsweise hatte ursprünglich eine ganz andere Grundstimmung – er sollte so ähnlich klingen wie ›Out In The Fields‹. Die Demoversion hörte sich viel, viel besser an. Aber Peter wollte die Nummer langsamer haben. Er forderte ständig, dass ich etwas anders machen sollte. Ich wollte ursprünglich ein Album mit irischem Flair machen, denn ich wohnte zu der Zeit in Dublin und schrieb dort alle Songs. Doch es passierte das, was in einer solchen Situation wohl passieren muss: AFTER THE WAR wurde eine dieser unzähligen Rockscheiben, die niemand wirklich braucht. ›Blood Of Emeralds‹ ist ein guter Track – allerdings der einzige auf dieser Scheibe, der Rest wirklicher Mist.“

Auch der erhoffte Erfolg in Amerika blieb aus, was Moore – zumindest im Nachhinein – nicht störte. „Ehrlich gesagt bedauere ich das nicht“, berichtet er Jahre später freimütig. „Der US-Musikmarkt ist der korrupteste der Welt. Wo man auch spielt – überall soll man anschließend den wichtigen Leuten ihren Arsch küssen. Ich habe das nie gemacht, weshalb ich es wohl dort nie zu etwas bringen konnte. Mein erfolgreichstes Album in den Staaten war STILL GOT THE BLUES, für das ich immerhin eine Gold-Auszeichnung bekam. Trotzdem ging ich dort nicht auf Tour, gab nur ein Interview und spielte lediglich eine einzige Show. Denn mein Platz ist in Europa: Hier will ich den Leuten gefallen, hier fühle ich mich zu Hause.“

Gary Moore of Northern Ireland, performsWIEDERENTDECKUNG DER WURZELN
Nach dem künstlerischen und kommerziellen Rückschritt mit AFTER THE WAR kehrt Moore 1990 mit geänderter Stilrichtung zurück. Sein Bluesrock-Werk STILL GOT THE BLUES wird zum Megaseller, Moore sieht sich in seinem Entschluss bestärkt, dem reinen Hardrock abzuschwören, ob-wohl er seine Vorlieben für kraftvolle Klänge auch später nie ganz verbergen kann. „Ich habe dem Blues die Lautstärke gebracht“, antwortete er stets auf die Frage, welchen gewinnbringenden Anteil er dieser traditionellen Musikrichtung denn seiner Meinung nach hinzugefügt habe. Doch obwohl er mit Legenden wie Albert Collins, Albert King und B.B. King zusammenspielt – die Akzeptanz der eingefleischten Szenegänger bleibt ihm dennoch viele Jahre verwehrt. „Man darf ja eines nicht vergessen: Als ich STILL GOT THE BLUES aufnahm, kam ich direkt vom harten Rock“, setzte Moore 2002 im Interview zur Erklärung an. „Ich musste quasi einen nahtlosen Übergang zum Blues hinbekommen – das war unmöglich. Viele Leute sagen, dass gerade diese frische Kombination aus Blues und lauten Rockgitarren der Grund für den Erfolg von STILL GOT THE BLUES war. Aber ich selbst sehe die Sache nicht unbedingt als positiv an. In der Zeit, in der ich die Scheibe produzierte, hatte ich viele Jahre keinen Blues mehr gespielt – ich war aus der Übung. Dennoch ging ich ohne intensive Vorbereitung einfach ins Studio und machte beinahe über Nacht ein Blues-Album. Doch Blues braucht Zeit und Reife – beides fehlte mir damals.“

Dies ist vielleicht auch ein Grund dafür, warum es rund 20 Jahre nach Veröffentlichung von STILL GOT THE BLUES auch zu einem langwierigen Rechtsstreit kommt. Im Dezember 2001 verklagt der deutsche Gitarrist Jürgen Winter Moore wegen angeblichen Plagiats. Der Vorwurf: Gary Moore soll Anfang der Siebziger bei einem Besuch in Köln eine Gitarrenpassage des Songs ›Nordrach‹ seiner Gruppe Jud’s Gallery aufgeschnappt und später zur Hookline seines Songs ›Still Got The Blues‹ umfunktioniert haben. Und in der Tat: Das Landgericht München stellt schließlich im Dezember 2008 „frappierende Übereinstimmungen beider Stücke“ fest und urteilt, dass von einer unrechtmäßigen Ideen-Kopie auszugehen ist. Moore selbst ist natürlich nicht begeistert, wie er im Gespräch zugibt: „In England sagt man: ‚Wo ein Hit ist, gibt es sofort auch einen Prozess!‘. Wenn du eine erfolgreiche Scheibe auf dem Markt hast, tauchen automatisch Trittbrettfahrer auf, die sich dranhängen. Manchmal verliert man die Lust am Musikmachen, wenn man sich mit solchem Mist auseinander setzen muss.“ Moore legt Berufung ein, nun werden allerdings die Erben des Wundergitarristen die leidige Auseinandersetzung zu Ende führen müssen.

KREATIVITÄT VERSUS FINANZZWANG
Und es gibt einen weiteren unschönen Eklat, mit dem sich Gary Moore herumschlagen muss: 2006 verkauft er jene Gibson Les Paul, die er als 20-Jähriger von seinem Freund, Fleetwood Macs Peter Green, zunächst geliehen und dann für 120 britische Pfund gekauft hat. Ursprünglich verlangt Green einen deutlich höheren Preis, doch der junge Moore ist notorisch knapp bei Kasse, woraufhin sich die beiden Kollegen darauf einigen, dass Moore seine eigene Gibson SG abstößt und vom Erlös Greens Les Paul bezahlt. Als Gary Moore wieder einmal finanziell klamm ist, entschließt er sich, die legendäre Gitarre wieder zu veräußern: „Die Les Paul wurde dermaßen kostbar, dass ich sie nirgendwohin hinnehmen konnte, weil mich die Versicherungsprämie Haus und Hof gekostet hätte. Aber es kann auch nicht im Sinn des Erfinders sein, dass ich nur alle paar Jahre mal einen Song darauf spiele und sie sonst nur herumliegt. Gitarren sind für mich keine Kunstgegenstände, die man sammelt und sie dann in einer Bank deponiert.“

Erschwerend hinzu kommt, dass sich Moore zwei Jahre zuvor bei einer Tournee, für deren Finanzierung er mit seinem eigenen Vermögen gebürgt hat, die Hand verletzt und als Folge des Tourabbruchs einen riesigen Schuldenberg abtragen muss: „Ich war in der Zwickmühle, weil sich die Versicherungsgesellschaft um die Auszahlung des fälligen Betrags herumdrückte. Also musste ich sämtliche Verbindlichkeiten rund um die Tournee selbst bezahlen und brauchte innerhalb kürzester Zeit jede Menge Kohle. Es gab keine andere Möglichkeit, so schnell an so viel Geld zu kommen.“

Noch dazu läuft bei dem Verkauf der wertvollen Gitarre nichts so, wie es der Musiker geplant hat. „Sagen wir es mal so“, setzt Moore vorsichtig zur Erläuterung an. „Die Sache war mit dem Käufer anders abgesprochen. Unsere Abmachung lautete, dass alles sehr diskret ablaufen sollte. Doch schon einen Tag nach der Transaktion wusste es jeder. Das war so, als ob ich meine Hosen vor der ganzen Welt heruntergelassen hätte, wirklich dramatisch. Und das Dreisteste: Der Typ bot den Gurt der Gitarre für einige 100 Dollar bei Ebay an. Derjenige, der ihn erwarb, bekam allerdings nicht das, was er sich gewünscht hatte, denn es war überhaupt nicht mein Original-Gitarrengurt, den der Typ angeboten hatte – der war von uns vor dem Verkauf ausgetauscht worden. Wir wiesen die Verantwortlichen bei Ebay darauf hin und versuchten schließlich, die Sache klarzustellen.“

KOLLEGIALE RESPEKTSBEKUNDUNGEN
Aber ist es nicht alles schrecklich für Gary Moore – es gibt auch viel Erfreuliches zu berichten: So kommt er zu Beginn der Neunziger mit Jack Bruce und Ginger Baker unter dem Namen BBM zu einer Art Cream-Reunion (lediglich Eric Clapton fehlt). Mit dem 1994er-Album AROUND THE NEXT DREAM und der gleichnamigen Tournee dokumentiert Moore erneut, dass er von legendären Kollegen als Gleichgesinnter akzeptiert wird. „BBM war eine tolle Sache und machte sehr viel Spaß, obwohl sie auch von unglaublichem Mist begleitet wurde. Ständig hauten uns irgendwelche Leute die Cream-Geschichte um die Ohren. Etliche Journalisten behaupteten, Jack und Ginger hätten eigentlich Cream reaktivieren wollen, und weil Clapton sich weigerte, dabei mitzumachen, wäre eben ich an Bord genommen worden. So ein Blödsinn! Die Wahrheit ist: Ich arbeitete zur dieser Zeit gerade an einem neuen Soloalbum, und da ich kurz zuvor einige gemeinsame Shows mit Jack gespielt hatte, fragte ich ihn, ob er einige Parts zu meinem Album beisteuern wolle. Er sagte zu. Da ich anfangs noch keinen geeigneten Drummer hatte, schlug mir Jack Ginger vor – zu meiner Freude, muss ich gestehen. Ich hätte nie gewagt, ihn selbst zu fragen. Ginger kam also vorbei, wir jammten ein wenig, und es war sofort klar: Es konnte kein reines Gary Moore-Album werden, denn wir waren eine richtige Band! Alles lief so locker ab, das Songwriting, die Produktion. Die Probleme tauchten erst auf, als das Album veröffentlicht worden war und in den Medien geschrieben stand, dass wir das Erbe von Cream zerfleddern würden. Wir hätten mit BBM sicherlich noch ein weiteres tolles Album gemacht, doch der Druck von außen war zu groß – zudem kollidierten die geplanten BBM-Termine ständig mit unseren anderen Projekten.“

SUCHE NACH BEDEUTSAMKEIT
Apropos andere Projekte: Gary Moore beweist in der Spätphase seiner Karriere vor allem eines – er will sich nicht einschränken lassen. So fällt sein 1997er-Werk DARK DAYS IN PARADISE deutlich experimenteller aus als AROUND THE NEXT DREAM. Moore werkelt hier mit zeitgemäßen Rhythmen, und auch seine 1999er-Scheibe A DIFFERENT BEAT stattet er mit HipHop- und Drum’n’Bass-Sounds aus. Seine (aus heutiger Sicht fast schon fatalistische) Begründung für den erneuten und durchaus gewagten Kurswechsel: „Ich will meine Zeit nicht wahllos vergeuden, dazu ist das Leben viel zu kurz. Wer wirklich etwas Bedeutendes schaffen will, muss immer auf der Suche sein und sich ständig weiterentwickeln.“

Das tut Moore in der Tat: 2002 gründet er zusammen mit Bassist Cass Lewis (Skunk Anansie) und Schlagzeuger Darrin Mooney (Primal Scream) das kurzlebige Bandprojekt Scars, während er sich im weiteren Solo-Verlauf – unter anderem mit dem gleichnamigen 2004er-Album – wieder dem „Power Of The Blues“ widmet.
In jüngster Vergangenheit soll der Gitarrist über eine Zusammenarbeit mit der irischen Folkband The Chieftains nachgedacht haben, und zwar für ein weiteres Celtic Rock-Album im Stil von WILD FRONTIER. Sein Tod am Morgen des 6. Februar 2011 verhindert dieses wahrlich spannende Projekt. Gary Moore wird nur 58 Jahre alt.

 

Kollegen in Trauer

Gary Moore war ein herausragender Gitarrist und ein leidenschaftlicher, engagierter Musiker. Die Arbeit mit ihm während Thin Lizzys BLACK ROSE-Ära werde ich immer als großartige Erfahrung in Erinnerung behalten. Gary ist nicht nur ein fantastischer Instrumentalist, sondern auch ein toller Kerl gewesen. Ich werde ihn vermissen!
Scott Gorham (Thin Lizzy)

Garys Tod ist tragisch, doch sein Gitarrenspiel lebt weiter – und wird nach wie vor Generationen von jungen Nachwuchsmusikern begeistern und inspirieren.
John Sykes (Whitesnake, Thin Lizzy)

Geezer Butler       Die Nachricht vom Tod dieses Ausnahme-Gitarristen macht mich sehr traurig. Gary Moores STILL GOT THE BLUES-Album ist eines der beeindruckendsten Werke aller Zeiten und zählt zu meinen persönlichen Alltime-Favorites. Die Art und Weise, wie er Gitarre spielte, konnte man nicht nachahmen – denn sie war Ausdruck seiner Seele.
Geezer Butler (Black Sabbath)

Wir alle in der Band sind bestürzt über den Tod von Gary Moore. Besonders mein Gitarrenpartner Fredrik Åkesson und ich sind beide große Fans, lieben seinen Stil und seine Lieder schon seit unserer Kindheit. Gary ist ein wichtiger, ja, integraler Bestandteil unserer musikalischen Sozialisation gewesen. Wir sind sehr traurig über diese Nachricht, und es wird uns schwer fallen zu akzeptieren, dass einer der bedeutendsten Hardrock-Gitarristen nicht mehr unter uns weilt. Wir lieben dich, Gary!
Mikael Åkerfeldt (Opeth)

Gary Moore war nicht nur ein wundervoller Gitarrist, sondern auch ein Mensch, der zahlreiche Songs komponiert hat, die mich seit Jahren begleiten. Zu seinen Balladen habe ich das erste Mal einen Engtanz geübt, und natürlich ist sein ›Over The Hills And Far Away‹ für mich von besonderer Bedeutung, da wir das Stück mit Nightwish gecovert haben.
Anette Olzon (Nightwish)

Garys Tod ist tragisch – und ein echter Schock für mich. Ich kann es eigentlich noch gar nicht glauben, dass er wirklich nicht mehr da sein soll. Es gibt so Vieles, das mich an ihn erinnert, denn wir haben einige spannende, lustige, aufregende Momente gemeinsam erlebt – sowohl als Kollegen als auch als Freunde. Ich habe nicht nur tiefen Respekt vor ihm als Musiker, sondern auch als Mensch – er war in jedweder Hinsicht einer der Besten! Leb wohl, Gary!
Bob Daisley (Ozzy Osbourne, Rainbow, Uriah Heep)

Bob-Geldof-smallGar keine Frage: Gary Moore war eine Gigant, ein echter irischer ­Blueser, eine Persönlichkeit von besonderem Format. Kaum jemand konnte so leidenschaftlich spielen, er schaffte es, zugleich außergewöhnlich und doch auch schlicht schön zu klingen. Jemand wie er ist unersetzbar – es gab und gibt nur wenige wie ihn.
Bob Geldof

Es gibt viele Gitarrenhelden. Aber es gibt nur wenige, zu denen auch andere Gitarrenhelden aufblicken. Gary Moore war einer von ihnen. Sein Stil kann nur als „meisterhaft“ bezeichnet werden, da er es geschafft hat, sich in den unterschiedlichsten Genres zurechtzufinden. Zudem ist ihm sein Erfolg nie zu Kopf gestiegen, auch nach all den Jahren nicht. Er ist mitverantwortlich dafür, dass ich als Jugendlicher erstmals eine Gitarre in die Hand genommen habe, und seine Technik begeistert mich noch heute. Sein Tod ist ein schmerzhafter Verlust für uns alle.
Cliff Evans (Tank)

Ich stehe noch vollkommen unter Schock. Gary und ich kennen uns seit 1967. Damals spielt er noch bei Platform Three. Seitdem sind wir befreundet, und es war mir eine große Ehre, 2006 wieder einmal mit ihm zusammenzuarbeiten. Meine Gedanken und Gebete gehören ihm, und das wird für immer so sein.
Brian Downey (Thin Lizzy)

Die Meisterstücke: Mit diesen Alben hat sich der irische Gitarrist unsterblich gemacht. Der Klassiker: essenzielles Moore-Werk

Thin Lizzy Black RoseThin Lizzy: Black Rose (1979)
Eine der besten, weil authentisch­s­ten Thin Lizzy-Scheiben – und zu­gleich das beste der Gruppe, an dem Gary Moore beteiligt ist. ›Waiting For An Alibi‹ geht als ein Klassiker durch, weitere Höhepunkte sind das epische ›Roi­sin Dubh… Black Rose‹ und die Gänsehaut-Ballade ›Sarah‹.

Gary-Moore-run For CoverGary Moore: Run For Cover (1985)
Hier beginnt Moore das, was er später auf WILD FRONTIER perfektioniert: Er verbindet gerad­linigen Hard Rock mit irisch-kel­tischen Traditionen. Am eindrucks­vollsten gelingt dies bei ›Empty Rooms‹ und der Lynott/Moore-Co-Komposition ›Out In The Fields‹.

GARY MOORE- Wild Frontier - frontalGary Moore: Wild Frontier (1987)
Der Rock-Klassiker des Iren: eine perfekte Melange aus folkloristischen Elementen und bravourösen Heavy-Tracks. Der Titelsong? Ein Ohrwurm. Das sentimentale ›Johnny Boy‹? Ein Schmachtfetzen.
Und ›Over The Hills And Far Away‹? Moores Meisterstück schlechthin.

Bbm-Around-The-Next-Dream-DelanteraBBM: Around The Next Dream (1994)
Zusammen mit Ginger Baker und Jack Bruce gründet Moore 1993 ein Trio in Geiste von Cream. Die Songs sind allesamt göttlich, das Zusammenspiel der Drei fantastisch. Die Presse äußert jedoch den Verdacht eines Cream-Plagiats, zudem führen Terminkollisionen zum Aus.

Gary-Moore-Blues-For-GreenyGary Moore: Blues For Greeny (1995)
Puristen bemängeln an STILL GOT THE BLUES gern die raue Gangart, doch auf diesem Tribut an die Green-Stücke aus Fleetwood Macs früher Blues-Phase zeigt sich Moore gereifter und deutlich ruhiger. Großes (Gitarren-)Handwerk: Die Musikwelt applaudiert.

Gary Moore Still Got the BluesDer Klassiker: essenzielles Moore-Werk
Gary Moore: Still got the Blues (1990)

Obwohl einige Pendanten ver-ächtlich die Nase rümpfen, weil ihnen der kernige, ungeschliffene Charakter von STILL GOT THE BLUES nicht zusagt, wird das Werk dennoch das wichtigste und erfolgreichste Album im Schaffen von Gary Moore. Das liegt insbesondere an der Mischung aus traditionellen Blues-Direktiven und entfes­selter Rock-Fingerakrobatik. Während der Titeltrack zum Welthit für Alt und Jung wird, avancieren Stücke wie ›Walking By Myself‹ oder ›Oh Pretty Wo­man‹ (feat. Albert King) zu Dauer­brennern, die bis heute nicht nur Standards in Rock-Discos sind, sondern auf jeder guten Fete.