Enslaved – Wikinger im Weltall

Enslaved_2010_5Opeth haben bewiesen, dass aus einem extremen Genre wie Death Metal etwas wachsen kann, das die Prog-Szene revolutioniert. Die Norweger Enslaved haben mit ihrem neuen Album AXIOMA ETHICA ODINI das Gleiche vor – nur dass sie von noch weiter draußen kommen: aus den finsteren Höllenschlunden des Black Metal.

Als sich der Rest Europas noch im tiefsten Tal des Mittelalters die Köpfe einschlug, waren es die Wikinger, die die Entdeckertaten von Kolumbus & Co. vorwegnahmen. Mit ihren Langbooten wagten sie sich hinaus auf den Atlantik, entdeckten Island, Grönland und schließlich die Neue Welt. Insofern ist es passend, dass die ersten Töne auf AXIOMA ETHICA ODINI knarzende Schiffsbohlen sind. Denn Enslaved haben auf diesem Album ihre eigene neue Welt entdeckt, in denen das Schlachtgetöse ihrer vergangenen musikalischen Tage einer kosmischen Erleuchtung weicht – einer kosmischen Erleuchtung, die auf den Namen Pink Floyd hört und, so Gitarrist und Hauptsongschreiber Ivar Bjørnson, natürlich nicht aus dem Nichts kommt. „Mein Großvater war ein großer Pink-Floyd-Fan“, berichtet er. „Ich ‚erbte‘ seine Plattensammlung an meinem elften Geburtstag. Diese Musik hat mich also seit meiner Kindheit begleitet, wobei ich sie nie als Prog wahrgenommen habe. Das begann erst, als ich andere entsprechende Bands entdeckte, so um 1997/98, und mich daran machte, die Wurzeln des gesamten Genres zu erforschen. Vorher stand ich eher auf DARK SIDE OF THE MOON, dann wechselte der Fokus zu den wirklich experimentellen Sachen bis hin zur Syd Barrett-Ära. Und die hatten dann auch entscheidend Einfluss auf das, was wir heute mit Enslaved machen.“

Die Band blickt auf eine lange Geschichte zurück. Gegründet 1991, ist AXIOMA ETHICA ODINI ihr elftes Album – und nicht das erste, auf dem sie mit Prog spielen. 2008, auf dem Vorgänger VERTEBRAE, blendeten sie sogar bewusst ihr musikalisches Erbe komplett aus, um Pink Floyd zu huldigen: „Da waren wir wie Kinder, standen mit leuchtenden Augen im Proberaum“, erinnert sich Ivar. „Songs wie ›Ground‹ sind eine total offensichtliche Hommage. Normalerweise hätten wir dem noch eine Härtepackung verpasst, aber wir sagten uns: ‚Scheiß drauf, das lassen wir jetzt so!‘“

Bei den Fans führte das zu Stirnrunzeln, was Ivar nicht nur nicht verborgen blieb: Er hatte es sogar erwartet und eingeplant. „Aber der Schritt musste sein. Früher waren wir immer diskret, was unsere Prog-Einflüsse angeht, doch nach all den Jahren war es an der Zeit für ein Coming-out“, findet Ivar. „Es fühlte sich einfach richtig an – und hat unsere Köpfe freigemacht, um jetzt wieder unsere eigene Note einzubringen.“ Dabei inspiriert sie weiterhin vor allem die, so Ivar, „unbekannte Seite des Classic Rock. Die extrem innovativen Sounds der Seventies sind für mich ein Maßstab, nicht nur musikalisch, sondern auch was den Mut angeht, mit Konventionen zu brechen.“

Konventionen, die im Fall von Enslaved vor allem im extremen Black Metal angesiedelt sind. Seit fast 20 Jahre gelten sie in dem sehr auf die eigene Identität bedachten und eher innovationsfeindlichen Sub-Genre als eine der wenigen akzeptierten experimentellen Bands. Eine organische Mischung aus treibenden Blastbeats, sirrenden Metalriffs und progressiven Stilmitteln zu finden dauerte aber bis heute. „Erst versuchten wir, die spacige Atmosphäre aufzugreifen, ohne wirklich an die songschreiberische Substanz zu gehen. Das funktionierte, aber natürlich war es nur ein Zwischenschritt. Das, was Prog ausmacht, konkret in die Sprache dieser Band zu übersetzen, entpuppte sich als viel schwieriger.“

Ivars heutige Formel lässt sich in etwa so zusammenfassen: kombinieren und maßvoll integrieren. „Wir arbeiten sehr viel mit Kontrasten. Es ist wie ein Pendel: Immer, wenn ein Song total verproggt wird, fühlen wir uns ermutigt, mit einem extremen Part weiterzumachen.“ Der erste, entscheidende Schritt beim Songwriting war für ihn, als Basis nicht mehr einzelne Riffs zu nehmen, „sondern die Dynamik zwischen verschiedenen Klangbausteinen“. Der zweite bestand darin, eine neue Kreativkraft zu integrieren: Neben den beiden Ur-Wikingern Ivar und Grutle Kjellson, dem Bassisten und Sänger, nimmt Keyboarder und Sänger Herbrand Larsson eine immer wichtigere Rolle ein. „Herbrand denkt völlig anders über Musik als wir beide. Ich schätze, weil er tief drinnen kein Metaller ist“, lacht Ivar. „Bei mir sind Gitarrenriffs in der DNA verankert, er hingegen hinterfragt Dinge im großen Maßstab und drängt uns so immer wieder in neue Richtungen.“

Dabei agiert Herbrand nicht nur als melodisches Gewissen, „selbst wenn er ein unglaubliches Talent hat, aus chaotischen Riffs eine wohlklingende Essenz zu extrahieren. Aber er ist immer am wertvollsten, wenn er die Abteilung Attacke in unserer Musik, die naturgemäß in ihren Mitteln mehr zum Primitiven neigt, mit querdenkenden Dissonanzen aufmischt.“ Das Songwriting wird dadurch zum offenen Spiel: „Es gab vielleicht einen Song, wo ich Grutle und Herbrand nur brauchte, um die Lücken zu füllen“, gesteht Ivar, früher der unumstrittene Chef der Band. „Der Rest war auch für mich eine Achterbahnfahrt – weil ich überrascht feststellen musste, dass das, was da im Wechsel zwischen Grutle und Herbrand gesangstechnisch entstand, wirklich prägend für die Songs wurde.“

Die beiden Sänger personifizieren die beiden Strömungen bei Enslaved: Grutle als Vertreter des Extremen, der Black-Metal-Vergangenheit der Band, Herbrand als progressives Gesicht der „neuen“ Enslaved – zumindest auf dem Papier. „In Wahrheit stehen die beiden meist in vereinter Front gegen mich“, lacht Ivar. „Wenn wir hier von einem echten Prog-Freak reden, dann ist das Grutle. Er hat die türkischen Obskur-CDs zu Hause rumstehen und kennt den Namen des Hundes von dem Typen, der das erste Genesis-Album aufgenommen hat. Herbrand ist eher der traditionelle Classic-Rock-Typ: Für ihn gibt es kein Songproblem, das man nicht mit bewährten Mitteln lösen könnte. Betonung auf ‚könnte‘, denn ich nehme in der Regel den unkonventionellsten Weg – einfach weil ich mir davon die überraschendsten Ergebnisse verspreche.“