Ronnie James Dio: Kleiner großer Mann

Trotz aller Probleme hielt das erste Dio-Line-up noch zwei weitere Alben lang durch (THE LAST IN LINE von 1984 und SACRED HEART von 1985), obwohl Campbell und Bain ihre Unzufriedenheit zunehmend zum Ausdruck brachten. Es gab keine Raufereien, kein gegenseitiges Anbrüllen, aber jene Saat, die bei der Entstehung von HOLY DIVER gesät worden war, trug nun ihre Frucht. Laut Campbell kam alles auf Ronnies gebrochenes Versprechen zurück, dass Dio eine Band von Gleichberechtigten sein würden und nicht nur seine Backing-Gruppe. „Als wir HOLY DIVER machten, hatte Ronnie es so gesagt: ‚Natürlich wird das meine Band sein, die ich finanziere, also streiche ich die ganze Kohle ein, aber bis zum dritten Album werden wir eine gerechte Lösung finden‘“, so der Gitarrist. „Das führte zu meiner Entlassung, weil ich ihm damit auf die Nerven ging, ihn ständig daran erinnerte. Ronnie wurde wie ein wütender Vater. Wir fühlten uns in der Gesellschaft des anderen nicht mehr wohl.“
Campbell stieg 1986 nach einem Streit über einen Vertrag bei Dio aus. Jimmy Bain blieb trotz seiner Kritik an den herrschenden Verhältnissen bis 1990 dabei und kehrte sogar von 1999 bis 2004 zurück. Vinny Appice, Dios stets loyaler Leutnant, stieg zur selben Zeit wie Bain aus und kehrte seinerseits von 1993 bis 1998 zurück (er spielte bei Heaven & Hell Schlagzeug).

Dio hatte zweifellos seine Eigenheiten. Er war sehr sensibel, was seine Größe und sein Alter betraf. Und, wie Jimmy bemerkt, er hatte Probleme aufgrund der Vergangenheit. „Er hatte immer einen Knacks wegen der Tatsache, dass er mit Ritchie Blackmore und Tony Iommi gearbeitet hatte, Gitarristen, die die Band angeführt hatten, bei der er nur der Sänger war, und dass er alles auf seine Art machen würde, sobald er die Chance bekäme“, so Bain. „Ich wusste nur nicht, dass er es ihnen fast exakt gleich tun würde.“
„Sie sagen, dass sie die ganzen Songs geschrieben haben“, erwidert Wendy. „Sie brachten alle Riffs und Bruchstücke von Musik zu Ronnie, die dann zu einem Lied wurden. Es macht mich ein bisschen wütend, denn Ronnie war fair zu ihnen. Sie wollten gleichberechtigte Bandmitglieder sein und genauso viel Geld wie er bekommen. Und es tut mir leid, aber dazu sagte ich Nein. Ronnie hat die Kritik dafür einstecken müssen, aber ich war da die Böse. Ronnie hätte es wahrscheinlich getan.“
Es gab böses Blut, als Ronnie noch lebte, und es ist auch nach seinem Tod im Mai 2010 nicht komplett versiegt. Doch jene Sturheit, die teilweise der Grund für diese Probleme war, gab Ronnie gleichzeitig auch seine größte Stärke: seine Entschlossenheit, es zu schaffen, egal, wie groß die Hindernisse waren. „Ronnie war ein Arbeitstier“, so Campbell. „Ich fand ihn furchteinflößend. Und nein, ich finde immer noch nicht, dass wir fair behandelt wurden, was das Geld oder später auch die Musik betraf. Aber er war ein fucking fantastischer Sänger und HOLY DIVER ist immer noch ein fucking fantastisches Album. Und ich bin stolz, sagen zu können, dass ich dabei geholfen habe, es mit ihm zu machen. Das sind wir alle.“