Ronnie James Dio: Kleiner großer Mann

Eine völlig stressfreie Umgebung war es jedoch nicht. „Wenn Ronnie zu den Proben kam, war immer mehr Anspannung im Raum“, so Campbell. „Er war der Boss. Er brachte jede Woche die Löhne mit und zählte sie in Bargeld ab – dann ließ er uns bis in die Morgenstunden proben, weil er wusste, dass wir es eilig hatten, in einen Club zu gehen und die Kohle auszugeben.“
Trotz solcher Probleme war HOLY DIVER ein sofortiger Klassiker: ein modernes Metal-Album, das auch auf Zeppelin, Lizzy und natürlich Rainbow Bezug nahm. „Es ist eins der Dinge, auf die ich am stolzesten bin“, sagte Ronnie, als wir Jahre später darüber redeten. „Das waren tolle Songs, großartig interpretiert.“

Aber während es musikalisch gut lief, wurde die Saat für den Zerfall des Original-Line-ups schon längst gesät. Für Bain war ein weiteres Anzeichen dafür, dass etwas faul war, die Entscheidung – von Ronnie allein getroffen –, die Band Dio zu nennen. „Ich dachte, es ist ein beschissener Name“, sagt er. „Es wäre mir lieber gewesen, sie hätten die Band The Carpets genannt als Dio.“ Laut Wendy wurde der Name aus rein praktischen Gründen ausgewählt. „Weil Ronnie damals einen Solo-Plattendeal hatte, war es schlichtweg einfacher, es so zu machen“, sagt sie. „Und ohne die anderen kleinmachen zu wollen, war es ja wohl Ronnies Name, der die Platte verkaufen würde, und zu der Zeit stand das Label eigentlich überhaupt nicht hinter uns. Wir mussten alles in unserer Macht Stehende tun, um es zu schaffen. Und wenn es funktionierte, würden alle davon profitieren.“
Und wie es funktionierte. Mit einem typischen Metal-Cover, auf dem ein Teufel und ein ertrinkender Priester zu sehen waren, erschien HOLY DIVER am 25. Mai 1983 zu stehenden Ovationen von Fans und Medien – was die im selben Jahr erschienenen Alben von Ronnies alten Bands Rainbow und Black Sabbath nicht gerade von sich behaupten konnten. Ein Jahr später bekam es in den USA die Gold-Auszeichnung. „Wir ahnten nicht, dass es sich so gut verkaufen würde, wie es dann letztlich der Fall war“, so Wendy. „Nach allem, was wir durchgemacht hatten, all den Hindernissen, kein Geld zu haben, und dann passierte es plötzlich…das war fantastisch. Kein ‚Ich hab‘s euch doch gesagt‘, sondern vielmehr ‚Ich hab‘s euch gezeigt!‘“

Die erste Tour als Dio begann im Juli 1983 in der Convert Barn in Antioch, Kalifornien (Kapazität: 3000). „Ich werde es nie vergessen“, so Campbell. „Jimmy kam bei ›Invisible‹ zu mir rüber und wollte sich auf mich stützen, genau in dem Moment, als ich mich wegdrehte, also fiel er von der Bühne. Doch er ließ sich davon nicht durcheinander bringen. Er war kurz weg, aber dann ging‘s weiter.“ Tatsächlich war Bain am Beginn eines gewaltigen Absturzes. Als der älteste und erfahrenste der drei Musiker, die Dio rekrutiert hatte, ärgerte ihn vor allem die fehlende Anerkennung für die Rolle der Band in der Entstehung von HOLY DIVER – vor allem von Ronnie und Wendy. „Ich bin nicht als Leiharbeiter eingestiegen, sondern unter dem Eindruck, dass wir eine richtige Band sein würden“, sagt er heute. „Ronnie hatte immer die Kontrolle, ja“, entgegnet Wendy. „Aber wir hatten alles finanziert. Sie hatten ihren Vorschuss bekommen, ob sie arbeiteten oder nicht. Und sie bekamen alle ihre Tantiemen, und bekommen sie bis zum heutigen Tag. Darüber sprechen sie natürlich nicht. Lass es mich so sagen: Die Band hieß Dio. All diese anderen Leute waren unbekannt.“

Als Ronnie nach London flog, um Videos für ›Holy Diver‹ und ›Rainbow In The Dark‹ zu drehen, flog auch Bain mit zurück und lud Campbell in sein Haus in Richmond ein. Das einzige Problem dabei war, dass der Rest der Band gar nicht in den Videos zu sehen sein sollte. „Der einzige Grund dafür, warum Jimmy und ich im ›Rainbow In The Dark‹-Video sind, ist, dass wir unerwünscht auftauchten“, so Campbell. „Es war Jimmys Idee. Er war echt sauer. Wir fuhren nach Soho, wo sie das Video drehten, tranken ein Bier und liefen dann rum. Der Regisseur sagte: ‚Großartig! Ihr solltet beim Video dabei sein!‘ Also ließen sie ein paar Instrumente auftreiben. Ronnie war natürlich nicht gerade begeistert, aber wir dachten, fuck it. Er sagte nichts, er sah uns nur mit diesem Blick an.“