Ronnie James Dio: Kleiner großer Mann

Eine Reise nach London, um neue Talente zu entdecken, erwies sich als erfolglos – Dio und Appice sahen sich aus Versehen sogar den Gitarristen einer Reggae-Band an. Stattdessen half Dios alter Bandkollege von Rainbow, Jimmy Bain, das Bild zu vervollständigen. Der 34-Jährige war ein harter Schotte, dessen kleine Statur seine stählerne Verfassung verbarg. Nach seiner Zeit bei Rainbow hatte der Bassist mit dem Ex-Thin-Lizzy-Gitarristen Brian Robertson die Wild Horses gegründet. Bain war gerade bei den letzten Konzerten einer Irlandtour, als er den Anruf von Dio bekam. „Es kam aus heiterem Himmel“, sagt Bain. „Er sagte, dass er Sabbath verlassen hatte und fragte, ob ich einen Gitarristen kannte.“
Dio behauptete später, dass Bain seinen Anruf missverstanden hatte – dass er einfach fragte, ob Bain irgendwelche guten Gitarristen kannte. „Jimmy brachte also seinen Bass mit und nahm irgendwie an, dass er auch dabei war“, sagte der Sänger. Laut Bain gab es keine Zweifel darüber, was Dio wollte: „Die Idee war es, zwei Amerikaner und zwei Briten in der Band zu haben. Ich hatte zwei Typen im Kopf. Einer war [der ehemalige Thin-Lizzy-Gitarrist] John Sykes, den ich aber für etwas groß hielt.“ Der andere war ein 20-jähriger Bursche aus Nordirland namens Vivian Campbell, dessen Band Sweet Savage für die Wild Horses eröffnet hatte. Bain hatte Campbell zwar nie tatsächlich spielen gehört, doch sein Ruf war ihm bekannt. „Die Fans schienen ihn sehr zu mögen, also brachte ich seinen Namen ins Spiel. Wir arrangierten ein Treffen im [Londoner Probestudio] John Henry‘s. Wir vier trafen ein, bauten auf und spielten. Es war einfach fucking magisch.“

Vivian Campbell schlief, als er den Anruf bekam, ob er Dio beitreten wolle. Es war mitten in der Nacht und sein Vater hatte ihn aufgeweckt, um ihm zu sagen, dass da ein betrunkener Schotte am Telefon sei. Es war Bain, der aus einem Hotelzimmer anrief, mit Dio und Appice im Hintergrund, und ihn fragte, ob er für „diese kleine Band“ am nächsten Tag in London vorspielen wolle.
Campbell war seit Mitte seiner Teenager-Jahre Mitglied der Belfaster NWOBHM-Band Sweet Savage gewesen. Sie hatten zwei wohlwollend aufgenommene Singles veröffentlicht und bei Thin Lizzy und Ozzy Osbourne im Vorprogramm gespielt. Campbell war ein Fan sowohl von Rainbow als auch von Sabbath, aber nur die von Dio angeführte Inkarnation von Letzteren. „Ich mochte Sabbath mit Ozzy nicht“, so Campbell, „aber das HEAVEN AND HELL-Album lief bei mir rauf und runter. Für mich war Dio ein großer Star.“ Campbell musste nicht lang überlegen, ob er Bains Angebot annehmen sollte. Sein Vater streckte ihm das Geld für das Flugticket vor und er flog gleich am nächsten Tag mit nichts als seiner Gitarre in der Hand nach London.
„Wir jammten auf ›Holy Diver‹, weil Ronnie das Lied schon geschrieben hatte“, erinnert sich Campbell. „Wir spielten es immer und immer wieder.“ In dem Versuch, Dio zu beeindrucken, bot er sein ganzes „Arsenal prahlerischer Gitarrentricks“ dar, aber erst als er wieder auf einfache Rock‘n‘Roll-Licks zurückgriff, zündete es. „Später spielte Ronnie mir das Band wieder vor und zeigte mir den exakten Moment, in dem er beschloss, dass ich in der Band sein sollte. Es war das Zeug, das ich gespielt hatte, als mir die Ideen ausgegangen waren. Er sagte, ‚Das ist der Scheiß! Da wusste ich, dass du der Richtige für mich bist!‘“

Sobald Campbell an Bord war, ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Wochen waren die vier in L.A. und arbeiteten in den Sound City Studios in Van Nuys, einem Innenhof mit einem Proberaum auf der einen und einem Aufnahmestudio auf der anderen Seite. Obwohl Dio schon zwei Stücke geschrieben hatte – ›Holy Diver‹ und ›Don‘t Talk To Strangers‹ -, entstanden alle anderen Lieder auf dem Debütalbum bei diesen Sessions.
Für den unerfahrenen Gitarristen war es aber kein Zuckerschlecken. Ronnie und Vinny waren beide verheiratet und lebten in L.A., aber Vivian und Jimmy mussten sich eine billige Dreizimmerwohnung in der Industriebrache von Oakland teilen, die Wendy und Ronnie für sie gemietet hatten. In einer fremden Stadt und ohne Freunde fühlte Campbell sich einsam. Bains Freizeitaktivitäten waren dabei auch nicht gerade hilfreich. „Er brachte immer Leute mit in die Wohnung“, so Campbell. „Sie lösten Koks am Küchentisch auf. Ich hatte nie gesehen, wie jemand Kokain genommen hatte, geschweige denn dass es jemand in einem Löffel über einer Dose schmolz. Ich sperrte mich in mein Zimmer ein. Ich stand morgens auf und Fremde lagen rum, völlig zugedröhnt.“