Ronnie James Dio: Kleiner großer Mann

Wendy Dio sagt, ihr Mann sei immer schon ein Anführer gewesen, sogar als Kind. „Er hatte schon mit zehn eine Band“, sagt sie heute. „Er war ein harter Typ. Ronnie war vielleicht klein, aber er hatte immer die Kontrolle.“ Im Fall seiner Solo-Band war es ein Fall von Notwendigkeit. Als Dio bei Black Sabbath ausstieg, war er kein wohlhabender Mann. Er und Wendy hatten im Mittelklasse-Viertel Tarzana von L.A. ein einstöckiges Haus gekauft, das sie sich mit mehreren Katzen und Hunden teilten. Nun mussten sie eine neue Hypothek darauf aufnehmen, um Dios eigenes Projekt zu finanzieren. „Wir hatten bei Rainbow überhaupt kein Geld verdient“, erinnert sich Wendy. „Mit Sabbath hatten wir ein bisschen Geld eingenommen und kauften das Haus. Aber es war sehr teuer, etwas Neues auf die Beine zu stellen, daher die neue Hypothek. Es war ein Risiko. Aber ich glaubte an ihn. Er glaubte an sich selbst.“
Nach dem Ausstieg bei Sabbath war Wendy Ronnies Managerin geworden. Einander vorgestellt wurden sie 1975 von Ritchie Blackmore, einem Freund von Aynsley Dunbar, dem ersten Ehemann der in Essex geborenen Wendy. Über die nächsten paar Jahre wurden sie unzertrennlich und heirateten 1978. Als Ehefrau hatte Wendy sich um Ronnie gekümmert wie eine Wolfsmutter um ihr Junges. Als Managerin wurde sie zum Kampfhund.

Ronnie hatte Sabbath mit einem weiteren wertvollen Aktivposten verlassen: Schlagzeuger Vinny Appice. Er war während der HEAVEN AND HELL-Tour als Vertretung für den drogenkranken Bill Ward eingesprungen. Als klar wurde, dass Ward nicht zurückkehren würde, blieb Appice für das zweite Sabbath-Album der Dio-Ära, MOB RULES, sowie das folgende Live-Album LIVE EVIL. Die beiden Italo-Amerikaner verstanden sich auf Anhieb. Im Sommer 1982 lud Dio Appice zum Abendessen ein und erzählte ihm von seinen Plänen, Sabbath zu verlassen und seine eigene Band zu gründen. Er fragte Vinny, ob er dabei sein wollte.
„Ich sagte: yeah. Fuck yeah!“, so Appice heute. „Ich war nur ein Junge, aber Ronnie war ein toller Anführer. Ich sah ihn wie einen Bruder. Ich liebte auch Tony und Geezer – sie baten mich, zu bleiben, aber es war viel leichter, mit Ronnie zu gehen und etwas Neues anzufangen.“
Die beiden verbrachten die nächsten Wochen damit, in einer kleinen Holzhütte hinter Ronnies Haus zu jammen, Vinny an den Drums, Ronnie am Bass. Er saß auf einem Hocker und sang“, so Appice. „Die Riffs von ›Holy Diver‹ und ein paar andere entstanden da. Und wir nahmen auf Kassetten auf.“

Sie begannen auch ihre Suche nach einem neuen Gitarristen. Einer der ersten Bewerber war Jake E Lee, ein 25-jähriger Heißsporn, der bei den L.A.-Möchtegerns Rough Cutt spielte, deren Managerin Wendy war (Lee behauptete später, das Riff zu ›Don‘t Talk To Strangers‹ geschrieben zu haben, einem von zwei Tracks auf HOLY DIVER, bei denen nur Dio als Autor genannt wird). Aber Ronnie wollte die Band international ausrichten. „Er mochte die Denkweise britischer Musiker“, so Wendy. „Ich glaube, deswegen wollte er britische Mitglieder in der Band.“