Titelstory: Die 100 besten Gitarristen aller Zeiten

AKUSTIK-VORBILD
JERRY REED
Von Dave Edmunds

Niemand scheint ihn auf dem Schirm zu haben, und ich glaube, ich weiß auch, warum das so ist: Er versuchte sich im Laufe seiner Karriere auch als Sänger – und war durchaus erfolgreich –, aber dummerweise ist er als Sänger längst nicht so gut wie als Gitarrist. Jerry veröffentlichte eine Reihe von akzeptablen Country-Alben, aber die wahren Schätze sind seine Instrumentals, die in diesen Alben versteckt sind. Er benutzte keine E-Gitarre, verzichtete auch auf Effekte, sondern spielte nur eine Akustische mit Nylon-Bespannung.

Ich lernte ihn auf dem Umweg über Chet Atkins kennen, den ich als 17-Jähriger unbedingt kopieren wollte. Atkins und Reed nahmen Anfang der Siebziger einige Alben zusammen auf – und da passierte es: Ich war wie hypnotisiert! Für mich ist er der technisch versierteste Gitarrist, den ich je gehört habe. Keiner kommt an ihn ran, nicht Django Reinhardt, nicht Segovia – und, bei allem Respekt, Eric Clapton kommt nicht mal in seine Nähe. Was er spielt, ist ungeheuer komplex, klingt aber trotzdem ganz selbstverständlich und einfach. Im Ernst: Kein Gitarrist kann spielen, was er gespielt hat. Es gibt Leute, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, so zu spielen wie er, aber ohne Erfolg. Es ist hoffnungslos. Er ver­öffentlichte zum Beispiel ein Instrumental names ›The Claw‹, das ich vergeblich nachzuspielen versuchte – und das ist noch eine seiner einfachen Nummern!

 

HEAVY-LEHRMEISTER
MARTY FRIEDMAN
Von Jason Becker

Als ich 16 war, schickte ich ein Demo an Shrapnel Records. Die Leute dort riefen mich an und sagten, ich solle Marty kennenlernen. Ich dachte damals, ich sei technisch fortgeschritten, weil ich Unterricht bei dem großartigen Jazzer Dave Creamer (Miles Davis) nahm. Aber als ich dann Marty Friedman in seinem winzigen Apartment in San Francisco besuchte und wir zu jammen begannen, wurde ich plötzlich ganz klein. Alles, was er machte, war völlig neu für mich: die exotischen Tonleitern, seine Phrasierungen, sein Timing, die Art, wie er die Noten dehnte. Mir war schlagartig klar, dass dieser Typ viel besser war als ich. Er kam danach häufig zu mir, und wir nahmen Songs auf meinem Vierspur-Gerät auf. Er brachte mir Sachen bei, und ich war wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog. Jeder Tag mit ihm brachte mir mehr als der Gitarrenunterricht eines ganzen Jahres. Wenn ich heute an einem Song arbeite und in eine Sackgasse gerate, frage ich mich noch immer: „Was würde Marty jetzt tun?“

 

DER MAINSTREAMER
JOE PERRY
Von Phil Kinman

Er mag nicht unbedingt der technisch versierteste Gitarrist sein, aber als Songwriter und Performer ist Joe Perry eine Klasse für sich. Zur Zeit von PUMP wurde ich auf ihn und Aerosmith aufmerksam; sein Solo in ›Love In An Elevator‹ ist rund und absolut stimmig. Er spielt auch eine exzellente Slide-Gitarre, wie man etwa auf ›Rag Doll‹ von PERMANENT VACATION hören kann. Perry ist nicht unbedingt ein Bilderstürmer, setzt seine Talente aber gezielt ein. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren schwappten Bands wie Led Zeppelin und die Rolling Stones in die USA – und amerikanische Bands wie Aerosmith griffen diese Einflüsse auf und brachten sie in den Mainstream ein.

 

AWARD-SAMMLER
STEVE MORSE
Von Steve Howe

In den Achtzigern fiel mir das Album WHAT IF von den Dixie Dregs in die Hände. Anders als so viele überproduzierte Platten aus diesem Jahrzehnt hatte Produzent Ken Scott WHAT IF einen sehr organischen Klang gegeben. Rod Morgenstein, ihr Drummer, schien von einem anderen Stern zu kommen, aber Steve Morse war nicht minder inspirierend. Im „Guitar Player“ wurde er fünf Jahre lang zum besten Gitarristen des Jahres gekürt – gleich nachdem ich die gleiche Auszeichnung bekommen hatte. Er erzählte mir später, dass ich ihn beeinflusst hätte – was natürlich mehr als schmeichelhaft war. Steve ist keiner der Jungs, die glauben, die Geschichte der E-Gitarre hätte mit Jimmy Page angefangen. Er hat (genau wie ich) einen historischen Ansatz und versucht, aus der Geschichte des Ins­truments zu lernen.

Es war also kein Wunder, dass wir gute Freunde wurden – und ich auf dem Dixie Dregs-Album INDUSTRY STANDARD aus dem Jahr 1982 mitspielen durfte. Und die Chemie zwischen uns ist so stark, dass es eines Tages sicher noch ein weiteres gemeinsames Projekt geben wird.

 

SKIFFLE-HELD
LONNIE DONEGAN
Von Brian May

Lonnies ›Rock Island Line‹ war pure Magie und hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck; in meinen ersten Jahren als Gitarrist spielte und sang ich wie er. Es war eine hervorragende Basis für mich, als ich später daran ging, meine Soli zu entwickeln. Lonnie, der Erfinder des Skiffle, war Englands erster Blues-Musiker. Und für mich eine Quelle der Inspiration.

 

JAZZ GALORE
DJANGO REINHARDT
Von Tony Iommi

Bevor ich professionell Musiker wurde, arbeitete ich als Schweißer. Einmal stellte man mich an eine Maschine, die ich nicht kannte – mit dem Resultat, dass ich die Kuppen meines Mittel- und Ringfingers verlor. Ich war mir sicher, dass meine Karriere vorbei war, bevor sie begonnen hatte. Dann gab mir mein damaliger Chef ein Album von Django Reinhardt und erzählte mir, dass dieser ebenfalls zwei Finger verloren hatte. Das war für mich wie eine Wiedergeburt. Ich habe gar nicht erst versucht, seine Sachen nachzuspielen, weil sie viel zu kompliziert waren, aber Django brachte mich zum Jazz.

 

GRUNGE-VORREITER
GREG SAGE
Von J. Mascis

Greg spielte bei The Wipers, und ihm gebührt die Ehre, eine Menge Leute auf den Weg gebracht zu haben, insbesondere in der Grunge-Szene. Als ich Gitarre lernte, habe ich mir auch einige Sachen von ihm angeeignet. Er vereint Punkrock und Hendrix, denn Greg hatte keine Hemmungen, in einem Punkstück auch mal eine klassische Leadgitarre zu integrieren. Er machte auch reichlich Gebrauch vom Vibrato-Arm – und zwar so, dass er mit der rechten Hand spielte und gleichzeitig das Tremolo drückte. Er benutzte immer eine SG Special mit einem aufgesetzten Bigsby. Ich habe auch eine SG Special – meine „Wipers-Gitarre“ –, und ihm zu Ehren benutze ich auch ein Bigsby.

 

KEIN KOPIST
FRANK MARINO
Von John Norum

Die meisten Leute halten den Kanadier für einen Hendrix-Epigonen. Was bis zu einem gewissen Grad verständlich ist, aber nur auf die Anfänge seiner Karriere zutrifft. Marino war erst 15 oder 16, als er sein erstes Album aufnahm! Nachdem er mit Mahogany Rush seinen Stil gefunden hatte, war er jedenfalls alles andere als ein Kopist. Klar, er kann superschnell spielen, aber er spielt mit Gefühl, hat offensichtlich viel Blues gehört und kann auch pro­blemlos Hardrock-Elemente integrieren.

Ich war noch jung, als ich 1977 das Mahogany Rush-Album WORLD ANTHEM erstmals hörte. Marinos Soli waren atemberaubend, sein Klang, seine Energie, der Einsatz des Vibratos – alles! Ich habe ihn im Laufe der Jahre regelmäßig live gesehen und war jedesmal beeindruckt. Richtig ist, dass er sich manchmal in 25-minütigen Jams verlieren kann und vielleicht mehr strukturiertes Songmaterial einbauen sollte. Aber andererseits habe ich vor dieser radikalen Haltung einen Riesen-Respekt. Ich habe Marino nie getroffen, hatte aber die Ehre, meinen Beitrag zu dem Tribute-Album SECONDHAND SMOKE abzuliefern. Für jemanden, der sich einhören will, empfehle ich entweder dieses Album oder WHAT’S NEXT aus dem Vorjahr. Marino spielt, als käme er von einem anderen Stern. Bis heute habe ich keine Ahnung, was er da macht und wie er es macht.
jack white 100 beste gitarristen
FELS IN DER BRANDUNG
JACK WHITE
Von Jimmy Page

Es ist einfach großartig, dass Jack von seinen Prinzipien nicht um einen Millimeter wegrückt. Natürlich braucht man nicht nur Prinzipien, sondern auch Talent. Und er hat eine einmalig genaue Vorstellung von dem, was er spielen will – und das macht ihn so erfrischend anders. Man kann die Ehrlichkeit, mit der er sich Musik nähert, einfach nur bewundern. Die meisten Musiker hätten längst faule Kompromisse geschlossen. Jack hat es nicht – und wird es auch nie tun. Er ist wie ein Fels in der Brandung. Und er weiß, warum er hier ist.

 

Eddie Van Halen 100 betse gitarristenEWIGES WUNDERKIND
EDWARD VAN HALEN
Von Richie Kotzen

Ich muss zu meiner Schande gestehen: Das Erste, was ich von Eddie mitbekam, war sein Solo auf ›Beat It‹. Ich hörte die Nummer im Radio und dachte: „Unfassbar, wer ist dieser unglaubliche Gitarrist?“ Dann besorgte ich mir ein paar Van Halen-Platten und wollte von da an so spielen wie er. Ich mochte damals Sachen wie Ozzy und Sabbath, aber nachdem ich dieses Solo gehört hatte, sah meine Welt anders aus. Alle Leute reden immer von dem typischen Eddie-Van-Halen-Sound, aber für mich ist es sein Timing, sein Rhythmus­verständnis, seine Phrasierungen, die ihn einmalig machen. Was für Gitarren und Verstärker er benutzt, spielt meiner Meinung nach eine untergeordnete Rolle.

Als ich ihn das erste Mal spielen sah, bekam ich den besten Platz im Haus: Ich hatte zufällig denselben Gitarrentechniker wie er und durfte deshalb vor dem Gig auch in den kleinen Raum unter der Bühne, in dem seine Gitarren gestimmt wurden. Auch die Show war unglaublich – und ich saß in der ersten Reihe. Wow!

 

KOMPLEXE AKKORDE
VINI REILLY
Von John Frusciante

Es gab eine Reihe von Gitarristen, auf deren Fährte ich mich begab und die meinen Sound nachhaltig beeinflusst haben. Einer war Vini Reilly von Durutti Column, der mich vor allem mit seiner Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckte. Er benutzt Flanger und Phaser und etwas Echo und spielt so ungewöhnliche Akkordfolgen, dass man als Hörer völlig den Faden verliert. Ich muss mich zumindest voll konzentrieren, um zu nachzuvollziehen, was er sich da ausgedacht hat. Gitarristen wie er, die nicht so sehr auf pure Technik Wert legen, sondern auf die Komplexität im Aufbau, waren immer meine Vorbilder. Dazu zählen auch Leute wie Johnny Marr, John McGeoch (Magazine, Siouxsie & The Banshees) und Andy Partridge (XTC).
leslie west 100 beste gitarristen
SCHWERGEWICHT
LESLIE WEST
Von Martin Barre

Leslie hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck, als uns Mountain Anfang der Siebziger auf einer Jethro Tull-Tour durch die USA begleiteten. Damals waren Support-Bands immer etwas problematisch, weil das Konkurrenzdenken sehr ausgeprägt war. Aber Mountain waren coole Typen, mit denen wir uns sofort verstanden. Sie hatten großartige Songs und waren vor allem live unglaublich gut aufeinander eingespielt.Gerade was das angeht, haben Jethro Tull viel von ihnen gelernt. Mir sind mindestens drei Personen bekannt, die durch Leslie beeinflusst wurden: ich selbst, John McLaughlin und Mick Ralphs, aber es gibt sicher noch viele mehr. Er war kein Megatechniker und legte auch keinen Wert darauf, besonders clever zu spielen, aber bei ihm zählte jede Note. Ich habe ihn aus den Augen verloren, als er mit West, Bruce & Laing weitermachte, aber meine Mountain-Alben habe ich noch alle zur Hand und lege sie auch regelmäßig auf. Für Neueinsteiger empfehle ich CLIMBING (1970) und NANTUCKET SLEIGH­RIDE (1971), aber ich liebe auch, was sie aus ›Theme From An Imaginary Western‹ machten, vor allem auf der Bühne.

 

RUHENDER STEIN
MICK TAYLOR
Von Slash

Er war mein größter Einfluss, und zwar ohne, dass es mir bewusst war. Mick Taylor spielte auf meinen drei Lieblings­alben der Stones: BEGGARS BANQUET, LET IT BLEED und ­STICKY FINGERS. Ich hörte sie schon als Junge, und als ich älter wurde und selbst Gitarre spielte, habe ich mich instinktiv an seinem Stil orientiert. Die Leute nennen immer Jimmy Page, Jeff Beck oder Angus Young – die offensichtlichen Kandidaten also –, aber es gab Gitarristen wie Mick Taylor und Joe Walsh, die ebenso wichtig waren. Taylor hatte diesen coolen, runden, bluesigen Ton, der ungemein effektiv war. Eines seiner größten Soli kann man auf ›Can’t You Hear Me Knocking‹ hören – es ist fast wie klassischer Eric Clapton: ganz simpler Stoff, aber die Töne werden meisterhaft platziert. Das ist etwas, das viele der jungen Gitarristen vergessen: dass es nicht das zweihändige Tapping, sondern diese einfache, aber effektive Spielweise ist, mit der man die Leute wirklich packt.

 

EDLER PIRAT
MICK GREEN
Von Mick Box

›Shakin‘ All Over‹ von Johnny Kidd And The Pirates war der unvergessliche Nummer-eins-Hit im Sommer 1960, der später von The Who (auf LIVE AT LEEDS), Humble Pie und vielen anderen Bands gecovert wurde. Mickey Green stieß allerdings erst ein wenig später zu den Pirates. Ich konnte mit ihm in einem Theater in Leytonstone in East London live sehen. Er hatte eine wundervolle Telecaster und hinterließ durch sein selbstbewusstes Auftreten einen tiefen Eindruck bei mir. Es war der Moment, in dem ich mich entschloss, selbst Gitarrist zu werden. Ich traf Mickey vor ein paar Jahren bei einem Festival in Skandinavien – und er verhielt sich wie ein perfekter Gentleman, als ich ihm begeistert erzählte, dass ich nur wegen ihm Musiker geworden sei. Im Londoner East End war er damals jedenfalls der ungekrönte König der Gitarre.