Titelstory: Die 100 besten Gitarristen aller Zeiten

FRÜH VERGLÜHT
MIKE BLOOMFIELD  
Von Jay Jay French

1967, als ich gerade 15 Jahre alt war, wurde ich krank und musste sechs Wochen lang das Bett hüten. Zum Glück hatte mir mein Vater vorher nicht nur eine Telecaster, sondern auch drei Alben gekauft: das Debüt der Paul Butterfield Blues Band, BORN UNDER A BAD SIGN von Albert King und BLUESBREAKERS WITH ERIC CLAPTON. Also hörte ich diese drei Alben rauf und runter und versuchte, auf der Gitarre ein paar Töne nachzuspielen.

Bloomfield war der erste Gitarrist, der mich mit einem eleganten, flüssigen Stil bekannt machte. Als ich das Butterfield-Album auflegte, hörte ich zum ersten Mal diese unglaublich samtenen, seidenen, sauberen Blues-Riffs. Claptons Stil – mit einer Les Paul und einem Marshall-Verstärker – fiel völlig anders aus und betonte die Phrasierungen, während Albert King auf den reinen, puren Klang setzte. Es war Bloomfield, der mich von den Dreien am meisten beeindruckte und damit auch meinen späteren Stil beeinflusste. Vor allem ein Song wie ›Blues With A Feeling‹ vom ersten Butterfield-Album half mir dabei, eigene Riffs zu konstruieren. Bloomfields SUPERSESSIONS-Album war unfassbar, und auch A LONG TIME COMIN‘ von Electric Flag empfand ich als Erleuchtung. Und man sollte auch Bloomfields bemerkenswerte Beiträge für Dylans HIGHWAY 61 REVISITED nicht außer Acht lassen.

Bloomfield starb 1981 im Alter von 37 Jahren, und sein Erbe ist leider in Vergessenheit geraten. Dabei war er (vor Hendrix) der einzige Amerikaner, der es mit Clapton, Beck und Page aufnehmen konnte. Er ist mein Mann.

 

DER STIL-JONGLEUR
ELLIOTT RANDALL
Von Paul Quinn

Angeblich ist auch Jimmy Page ein großer Fan: Elliotts Solo auf Steely Dans ›Reelin‘ In The Years‹ gehört wohl zu den seinen Lieblingen. Elliott kann perfekt mit den Stilen jonglieren: Er hat einen Fuß im Jazz, den anderen im Blues – und zudem ein unglaubliches Melodiegefühl, das er jederzeit abrufen kann. Und er schafft es, auf Knopfdruck das Tempo zu variieren. Einmal saß ich bei dem inzwischen verstorbenen britischen DJ Tommy Vance in der Show: Er hatte offensichtlich von meiner Vorliebe für Randall gehört. Vance legte nämlich Saxons ›Sixth Form Girls‹ auf – und dann ›Reelin‘ In The Years‹. Ich wurde ganz klein.“
joe bonamassa 100 beste gitarristen
ZUKUNFT DES BLUESROCK
JOE BONAMASSA
Von Leslie West

Ich habe seine Entwicklung seit Jahren verfolgt, nicht zuletzt, weil ich auf seinem Debüt beim Song ›If Heartaches Were Nickels‹ mitspielen durfte. Tom Dowd, der das Album produzierte, hatte Gregg Allman und mich eingeladen. Ich hielt ihn schon damals für ein unglaubliches Talent, gab ihm aber auch den Rat: Spiel lieber nur eine Note statt zwei. Bei Joe hatte man schnell den Eindruck, er sei ein 45-jähriger Blues-Veteran, dabei war er gerade Mitte 20. Er erwähnte unser Gespräch später in einem Interview, also vermute ich, dass er darüber nachgedacht hat. Er durfte ja schon als Zwölfjähriger mit B.B. King spielen – und mit 14 tauften sie ihn „Superjoe“. Er spielt erheblich schneller als ich, aber sein Stil bleibt immer melodisch. Und er hat einen wunderbaren Ton. Ich hörte, dass Eric Clapton mit ihm jammte, als Joe im vergangenen Jahr in der Royal Albert Hall auftrat. Der beste Beweis, dass er eine überaus rosige Zukunft vor sich hat.

 

KAMEL MIT GESCHMACK
ANDY LATIMER
Von Mikael Åkerfeldt

Seit meiner Kindheit liebe ich Heavy Metal und den verzerrten Sound elektrischer Gitarren. Viele, die mich oder meine Band kennen, haben aber sicher dennoch damit gerechnet, dass ich Andy Latimer zu meinem Favoriten küren würde. Gerade meine Solo-Arbeit hat er nämlich definitiv beeinflusst. Er spielt geschmackvoll und feinfühlig, kann aber auch auf die Tube drücken. Es gibt einen Camel-Song namens ›Lunar Sea‹, der richtig abgeht – und trotzdem verliert Andy nie die Kontrolle.
Mein erstes Album war SNOW GOOSE. Es haute mich total um. Und mehr noch: Immer, wenn ich es höre, fühle ich mich irgendwie heimisch. Und bis heute ist Andy meine Wahl, wenn es um die E-Gitarre in der Rockmusik geht.
Ich glaube fast, dass er mehr aus Zufall Leadgitarrist wurde. Jedenfalls besitzt er das Feeling, um das sich bei mir alles dreht. Technik und aller Schnickschnack sind mir völlig egal.
Wenn Andy Latimer ein Solo spielt, spürt man, dass es direkt aus seinem Herzen kommt – und dadurch auch in deinem Herzen landet. Es passiert nicht allzu oft, dass ich dieses Gefühl bei anderen Gitarristen habe.

 

lennon 100 beste gitarristen
DER VERKANNTE BEATLE
JOHN LENNON
Von Steve Diggle

Natürlich kennt man ihn eher als Sänger und Komponisten, aber ich habe seine Rhythmus-Arbeit immer geschätzt, weil er die Dinge so simpel wie möglich halten konnte. Meine Mutter kaufte mir die Cover-Single ›Twist And Shout‹, und zwar direkt 1964, als sie veröffentlicht wurde. Für mich das die Essenz von Musik. Es gibt viele Ausnahme-Gitarristen, aber oft können sie keine Songs ­schreiben. Und es gibt nun mal nichts Besseres als Stücke mit cleveren Akkordwechseln, wie Lennon sie erfand.

Vielleicht überrascht jetzt viele, dass ich, ein Musiker der frühen Punk-Bewegung, eine dekorierte Legende wie Lennon lobe:  Punk zeigte ja nie mit dem Finger auf konkrete Personen, es ging mehr darum, die musikalische Selbstgefälligkeit anzuprangern. Aber die wirklich großen Songs sind eben die, die alle Trends überdauern, und ein Klassiker wie ›Help‹ mit seinen klugen Arrangements ist ein Parade­beispiel dafür, wie eine Gitarre brillant eingesetzt werden kann.

 

jeff beck 100 beste gitarristenGITARREN-DENKMAL
JEFF BECK
Von David Gilmour

Ich mutiere zu einem peinlich-pathetischen Fan, wenn‘s um Jeff geht. Seit ›Hi Ho Silver Lining‹, ich muss damals um die 20 gewesen sein, habe ich ihn vergöttert. In vielerlei Hinsicht ist er der beste Gitarrist, den die Welt gesehen hat. Selbst 40 Jahre, nachdem er mit den Yardbirds in der Szene auftauchte, erweitert er seine Grenzen ständig. Er gibt sich nicht mit reinem Wiederkäuen zufrieden, sondern sucht ständig neue Herausforderungen. Ich tendiere dazu, auf feste Größen zurückzugreifen, mich mit eingespielten Musikern zu umgeben und ausreichend zu proben. Wenn ich dann auf die Bühne gehe und einen schlechten Tag erwische, wird die Musik immer noch fantastisch klingen. Jeff dagegen arbeitet ohne Netz und doppelten Boden. Er ist einfach eine Klasse für sich.