The Deep Dark Woods – Gespür für die Geschichte

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Grau ist der Himmel über Saskatoon, das Thermometer zeigt minus zwölf Grad. Ryan Boldt hat trotz des frostigen Winterwetters in seiner kanadischen Heimat gut Lachen, denn mit JUBILEE, dem ausgezeichneten fünften Album seiner Band The Deep Dark Woods, rennt er bei den Anhängern unverfälschter Americana-Klänge offene Türen ein.

Seit acht Jahren existiert das Quintett nun schon, doch trotz fast einem halben Dutzend Platten und vielen Tourneen auf beiden Seiten des Atlantiks sind die bisherigen Karriere-Highlights für Boldt schnell ausgemacht. Die beiden Gastspiele im altehrwürdigen Ryman Auditorium in Nashville, einst Heimat der legendären Radiosendung „Grand Ole Opry“, und in der „Johnny Cash Show“ sind dem Frontmann am besten im Gedächtnis geblieben. „Der Ort hat einfach so viel Geschichte“, sagt er im CLASSIC- ROCK-Interview fast ehrfürchtig.

Genau dieses ausgeprägte Geschichtsbewusstsein sorgt dafür, dass The Deep Dark Woods mit JUBILEE vielen ähnlich inspirierten Alternative-Country-Acts mindestens eine Nasenlänge voraus sind. „Früher hatten die Musiker ein gutes Gespür für die Historie. Das fehlt in der modernen Musik oft“, glaubt Boldt. „Du kannst heutzutage Musiker treffen, die behaupten, Bluegrass zu spielen, ohne auch nur von den Stanley Brothers gehört zu haben. Das ist ein großes Problem.“ Boldt dagegen beschäftigt sich fast ausschließlich mit alter Musik – und das aus vielerlei Gründen. „Einer davon ist die Soundqualität“, erklärt er. „Vielen Menschen ist das nicht bewusst, aber die Art und Weise, wie ein Song aufgenommen wurde, hat viel damit zu tun, warum sie ihn mögen. Wenn ich Dan Penn ›You Left The Water Running‹ durch billige Mikrofone hätte singen hören, hätte mich der Song vermutlich nicht so gepackt.“

Um ihre Vision von einem ursprünglichen, authentischen Sound nicht zu verfälschen, haben die Kanadier ihre Platten bislang selbst produziert. Dieses Mal saß allerdings der für seine Zusammenarbeit mit Father John Misty und Dawes bekannte Jonathan Wilson am Mischpult. „Wir wussten, dass er ein unglaubliches Fachwissen auf dem Gebiet alter Aufnahmetechniken hat, und außerdem mag er die gleiche Musik wie wir“, rechtfertigt Boldt die Entscheidung. „Er schien der perfekte Partner zu sein – und das war er dann auch.“ Doch auch wenn die fünf Musiker klanglich den Blick zurückschweifen lassen und auf ihrem neuen Album ihre Affinität für die frühen Werke von kanadischen Lichtgestalten wie The Band, Neil Young & Crazy Horse oder Gordon Lightfoot weiterhin allgegenwärtig ist, treten sie keinesfalls auf der Stelle. Dezent eingesetzte Synthesizer sorgen unerwartet für Atmosphäre, und Jungspund Clayton Linthicum, der letztes Jahr den tourmüden Gitarristen Burke Barlow ersetzte, sorgt dafür, dass The Deep Dark Woods musikalisch offener sind als je zuvor.

Textlich bewegt sich Boldt derweil auf ähnlichem Terrain wie einst Bob Dylan und The Band zu BASEMENT-TAPES-Zeiten und erkundet die Folk-Tradition des „Old, weird America“ (wie Greil Marcus es einst nannte). Er straft mit seinen oft trostlosen Erzählungen von Saufgelagen, verlorener Liebe und anderen Missgeschicken den Albumtitel Lügen. Fast könnte man glauben, der Sänger und Songwriter gehöre nicht in die Gegenwart. „Manchmal wünsche ich mir in der Tat, ich hätte zu der Zeit gelebt, als mein Dad geboren wurde“, gesteht er. „Das Leben scheint damals simpler gewesen zu sein und die Menschen wurden nicht ständig mit irgendeinem Dreck überflutet. Letztlich gibt es aber in jeder Epoche unschöne Dinge. Man muss einfach versuchen, sie auszublenden.“ JUBILEE bietet den idealen Soundtrack dazu.

Carsten Wohlfeld