Dave Stewart: Die Magie des Moments

Dave Stewart
Mit seinem Medienunternehmen „Weapons Of Mass Entertainment“ hat der britische Tausendsassa in seiner Wahlheimat Los Angeles eine Ideenschmiede geschaffen, die kreative Lösungen für Musik, Film, TV, Buch, Theater, Medien und IT anbietet. Kaum zu glauben, dass er für seine Soloalben nach Nashville düst, um dort ganz altmodisch zu arbeiten.

Eine Glückszahl? Hat Dave Stewart nicht. Doch wer sein Album LUCKY NUMBERS nennt, muss mit Fragen zu Zahlenmystik, Aberglauben und Spieltrieb rechnen. Und so referiert der eloquente Brite über das Leben in Metaphern. „Das Leben ist wie eine Lotterie und ich finde es spannend zu erleben was passiert, wenn ich eine Karte ausspiele“, sagt der 61-jährige Musikveteran vieldeutig. „Aber im realen Leben gehe ich nicht in Casinos oder spiele um Geld. Ich habe auch nie Musik gemacht, um damit möglichst viel zu verdienen. Ich erschaffe einfach Dinge, die ich mag: Musik, Fotos, Essays, Filme. Und glücklicherweise gefällt das anderen Menschen.“

Und nicht gerade Wenigen. Geschätzte 100 Millionen Alben hat der Mann aus dem nord-englischen Sunderland verkauft, die meisten mit Counterpart Annie Lennox als Pop-Rock Duo Eurythmics. Auch als Studiomusiker und Produzent ist seine Vita beachtlich: Acts wie die Ramones und Bon Jovi, Aretha Franklin und Tom Petty nahmen seine Dienste in Anspruch. Er schreibt Hits am Fließband für Katy Perry und Gwen Stefani und ist selbst Teil der Supergroup SuperHeavy um Mick Jagger. Damit nicht genug. Stewart entwickelt TV-Konzepte und dreht Filmdokumentationen, macht Fotoausstellungen und schreibt auch schon mal ein Musical mit Ringo Starr. Mit dem Hospital Club hat er unter dem Motto „Create, Connect and Collaborate“ ein Kreativzentrum in London gegründet. „Es ist eine Frage wie viel Energie man in sich trägt“, antwortet Stewart lächelnd auf die Frage wie er all diese Aktivitäten geregelt kriegt. „Ich bin einfach verdammt schnell. Manche Menschen halten sich mit unnützen Dingen auf. Sie verplempern ihre Zeit. Manche Menschen können sich auch nur auf eine Sache konzentrieren, aber ich mache am liebsten alles auf einmal.“

Gelegentlich auch Musik. Inzwischen nur für sich selbst, „zur Entspannung“ wie er behauptet. Und nicht für irgendwelche Erwartungshaltungen. So inspiriert ihn 2011 der Fund einer alten Gretsch-Gitarre in einem Londoner Second-Hand-Laden zum Album BLACKBIRD DIARIES. Als Stewart herausfindet, dass der Sechssaiter einst dem Country-Musiker Red River Dave gehörte, reist er nach Nashville und schreibt ein Album auf dieser Gitarre. Davon beflügelt, nimmt er im Jahr darauf gleich noch den Nachfolger THE RINGMASTER GENERAL auf. LUCKY NUMBERS beschließt nun die Trilogie dieser Roots-Music-Alben, die Stewart rein nach dem Lustprinzip einspielte. Denn der passionierte Hutträger ist bekanntlich ein leidenschaftlicher Liebhaber alter Instrumente, Mikrofone und Verstärker und fand in den Blackbird Studios von Nashville sein Spielzeugland. „Der Besitzer John McBride ist berühmt für seine Sammlung von altem Equipment, er besitzt mehr als tausend Mikrofone und hunderte alter Instrumente und Verstärker aller Dekaden. Und obendrein die wohl umfangreichste Sammlung aller Beatles-Singles dieser Welt“, schwärmt Stewart. Nicht umsonst gastierten hier bereits Songwriter-Ikonen wie Bruce Springsteen und Emmylou Harris oder Rock-Acts wie die Kings Of Leon und die White Stripes.

Natürlich hat Stewart wieder eine Menge Sängerinnen an seiner Seite, diesmal unter anderem Vanessa Amorosi, Laura Michelle Kelly, Ann Marie Calhoun und Karen Elson. „Das ist das weit größere Geheimnis als die Zahlenmystik“, witzelt Stewart. „Wie lernt dieser Kerl bloß all die wundervollen Sängerinnen kennen? Die Antwort lautet: Es passiert einfach! Die Damen tauchen einfach in meinem Leben auf, schreiben mir oder schicken mir Songs. Ich wiederum fühle mich zu bestimmten Stimmen und Charakteren hingezogen, zu Sängerinnen mit einer gewissen Ausstrahlung und einem eigenen Stil. Die Gänsehaut entscheidet letztlich, wen ich kontaktiere.“ Böse Stimmen indes behaupten, ohne weiblichen Counterpart sei Stewart ohnehin völlig geliefert. Der winkt müde lächelnd ab. „Ich sage dir, warum ich so gerne mit Frauen arbeite: Sie sind zuverlässig, zielstrebig und haben so gut wie nie einen Kater.“

Rekordverdächtige fünf Tage hat der Gentleman, der für seinen Perfektionismus gefürchtet ist und Tontechniker und Produzenten reihenweise in den Wahnsinn trieb, für LUCKY NUMBERS gebraucht. Doch Stewart ist weder altersmilde, noch nachlässig. Sein Arbeitsansatz hat sich verändert. Der Kitzel der Spontaneität und die Lust der ersten Aufnahme geben dem Studioveteran heute den Kick. Nicht die klangliche Perfektion einer Bassdrum. „Du gibst jedem Song etwa drei, vier Stunden“, erklärt er seine Arbeitsweise, „dabei sind alle Musiker und Sänger im Raum anwesend. Ich gehe die Nummer ein, zwei Mal mit allen durch und wir proben einzelne Parts. Dann nehmen wir sofort auf. So zu arbeiten habe ich vor drei, vier Jahren wieder entdeckt und es fasziniert mich. Ich habe in so vielen Studios mit modernsten Produktionsmitteln gearbeitet, das reizt mich einfach nicht mehr. Ich will zurück zum Ursprung. So wie alles begonnen hat. Nur wenn du mit anderen Leuten spontan und live spielst, fängst du die Magie des Moments ein.“

So birgt der Schlussstein seiner Nashville-Trilogie akustisch gefärbten Roots Rock, was nicht zuletzt an so legendären Studiogitarristen wie Tom Bukovac und Dan Dugmore liegt. Pop-Fans indes drehen sich vermutlich eher ermüdet ab und fragen sich, ob die Zeiten des glamourösen Pop ihres Idols endgültig vorüber sind. „Ich habe meine Musik nie als glamourösen Pop betrachtet“, gibt sich Stewart entrüstet, „meine Spiritual Cowboys vielleicht, die hatten etwas von diesem Flair, das gebe ich zu. Aber dann habe ich experimentelle Alben wie GREETINGS FROM THE GUTTER gemacht, mit Bootsy Collins und Lou Reed. Ich mag dieses Pop-Kriterium irgendwie nicht.“

Natürlich kann nicht jedes seiner Alben die Charts erstürmen, wie er das einst mit den Eurythmics schaffte. Unlängst floppte die von Stewart produzierte TV-Sitcom „Malibu Country“ und wurde vom US-Sender ABC abgesetzt. Doch wie ein Profispieler versteht es der ehrgeizige Elder Statesman inzwischen auch, mit Niederlagen umzugehen. „Als Engländer eine TV-Serie in Amerika zu etablieren ist so gut wie unmöglich. Mir ist schon klar, dass nicht alle meine Konzepte erfolgreich sein können. Aber das wäre ja auch furchtbar langweilig.“ So wie eine Glückszahl, die immer funktioniert.

Stefan Woldach