Das Letzte Wort: Vince Neil (Mötley Crüe)

Jubelstürme und Exzesse, Abstürze und Dramen – der Mötley Crüe-Sänger hat viel erlebt und so manche Krise durchlitten. Vielleicht ist der deshalb der Meinung, dass man jede Sekunde seines Lebens voll auskosten sollte.

Wenn eines sein Leben bestimmt hat, dann ist es das stete Auf und Ab. Vincent Neil Wharton, der in diesem Jahr 50 geworden ist, hat im Laufe der vergangenen 30 Jahre einiges erlebt – Höhen wie Tiefen. 1981, als er als letztes Mitglied zu Mötley Crüe stieß, schien es noch so, als könnte die Band und Neil nichts aufhalten. Doch nur drei Jahre spät, die Crüe hatte sich gerade zu internationalem Ruhm aufgeschwungen, ereignete sich eine Tragödie. Vince Neil verursacht unter Alkohol- und Drogeneinfluss einen Autounfall, bei dem Hanoi Rocks-Drummer Nicholas „Razzle“ Dingley stirbt. Ein Trauma, von dem er sich lange Zeit nicht erholt. 1992 wird Neil bei Mötley Crüe gefeuert, er startet daraufhin eine Solokarriere. 2004, im Zuge der erfolgreichen 2001er-Band-Biografie „The Dirt“ kehrt der Sänger zu seiner Stammband zurück.

Vince, du bist in Compton aufgewachsen, einer Stadt im Einzugsgebiet von Los Angeles, die für ihre Bandenkriege berüchtig ist. Wie war es, dort groß zu werden?
Nun, alles andere als einfach. Es kam vor, dass Kinder niedergeschossen worden sind, nur weil jemand ihre Schuhe haben wollte. Schon als Junge musste ich einen Mord mit ansehen. Ziemlich krass also, aber das war mir damals noch nicht klar – ich dachte, das wäre normal.

Mit 17 bist du zum ersten Mal Vater geworden. Inwiefern hat dich das verändert?
Wie man sich denken kann, war ich darauf überhaupt nicht vorbereitet. Im Grunde haben meine Eltern meinen Sohn großgezogen, nicht ich.

Dein Highschool-Kumpel Tommy Lee hat schon früh versucht, dich dazu zu bringen, in seine Band einzusteigen. Doch du hattest ziemlich harte Worte für ihn auf Lager, „lahm“ gehört noch zu den netteren Worten, die du verwendet hast. Warum?
Man darf nicht vergessen, dass Tommy zwar davon träumte, ein Weltstar zu werden, aber im Grunde noch nichts in der Hand hatte. Mötley Crüe existierten zu diesem Zeitpunkt nicht, es gab noch nicht einmal den Namen. Ich hingegen war schon in der Szene aktiv, sang bei Rock Candy, eine ziemlich coolen Gruppe. Also sagte ich Tommy ab. Zwei Wochen später geriet ich jedoch in Streit mit meiner Band, also rief ich bei Mr. Lee an und fragte, ob der Job noch zu haben sei. War er nicht – denn er hatte in der Zwischenzeit einen anderen Frontmann gefunden. Doch der flog schon nach einer Woche wieder raus. Der Rest ist Geschichte.

Zu Beginn deiner Karriere hat sich David Lee Roth zu deinem Mentor aufgeschwungen. Wie kam es dazu, und was hat er dir geraten?
Ich weiß bis heute nicht, ob David wirklich auf unsere Musik stand, doch er war immer da, wenn wir live auftraten. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass unser Publikum zu 80 Prozent aus Frauen bestand. Er hat mir immer offen und ehrlich seine Meinung gesagt, wenn wir kurz vorstanden, einen neuen Plattenvertrag zu unterschreiben oder Geld anlegen wollten. Doch wie es eben so ist: Seine Tipps gingen zum einen Ohr rein und anderen wieder raus. Von heutigen Standpunkt aus muss ich sagen, dass ich ihn wirklich dafür bewundere, einer jungen, unerfahrenen Band wie uns solche Ratschläge mit auf den Weg gegeben zu haben – obwohl es letztlich nicht viel gebracht hat.

In der öffentlichen Wahrnehmung gilt Nikki Sixx als der Geschäftsmann der Crüe, Mick Mars als kreativer Kopf, während Tommy Lee eigentlich nur noch dabei ist, weil er sich der Band verpflichtet fühlt. Wieviel Wahrheit steckt in dieser Einschätzung?
Nikki ist jemand, der sich gerne als jemand darstellt, der sich im Musikbusiness perfekt auskennt. Soll er machen, das ist mir egal. Was Mick angeht: Ja, er ist wirklich das musikalische Herz der Band. Ohne ihn ginge nichts. Und Tommy? Na ja, es gab sicher Zeiten, in denen er selbst keine Lust mehr auf Mötley Crüe hatte. Aber das geht doch jedem irgendwann so, wenn er 30 Jahre dabei ist. Mir übrigens auch.

Und welche Rolle spielst du innerhalb der Band?
Ich bin lediglich der Sänger – im Posiviten wie im Negativen. Mein Job ist es, im Rampenlicht zu stehen.