Das letzte Wort: Jim McCarty (The Yardbirds, Renaissance)

jim mccartyDie Yardbirds, das waren nicht nur die Gitarrengenies Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page. Nein, das waren auch und nicht zuletzt Sänger Keith Relf und Schlagzeuger Jim McCarty. Die beiden hatten die legendäre Bluesrockcombo zu Beginn der 60er Jahre gegründet – und 1968 wieder aufgelöst, als ihnen der Sinn nach experimentelleren, von Jazz und Klassik beeinflussten Sachen stand. Sie formten ihre neue Band Renaissance (die sie nur zwei Jahre später wieder verließen) und machten sich damit zu Vorreitern des Prog Rock.

Relf starb 1976 auf tragische Weise nach einem Stromschlag durch eine nicht geerdete E-Gitarre, McCarty macht bis heute Musik und hat mittlerweile zahlreiche Soloplatten herausgebracht. Anlässlich des jüngst veröffentlichten Mitschnitts eines Renaissance-Konzerts im Fillmore West 1970 sprachen wir mit dem Drummer über alte Zeiten und seine „quasi spirituelle“ Freundschaft zu Keith Relf.

Was kommt dir in den Sinn, wenn du die über 45 Jahre alten Renaissance-Aufnahmen auf LIVE AT FILLMORE WEST 1970 hörst?
Ich finde, wir waren eine tolle Truppe, wenn ich so zurückblicke. Es gab damals einigen Trubel auf unserer US-Tour, denn weil es die Band von Keith Relf und mir war, war das Publikum auf heavy und bluesy eingestellt. Die Leute waren dann schon etwas sprachlos, als unser Keyboarder John Hawken ihnen auf einmal mit Beethoven kam. Es war auch nicht hilfreich, dass auf der Tour neben uns noch die Kinks, Savoy Brown und an diesem Abend Paul Butterfield, dieser großartige Mundharmonikaspieler, auftraten. Es gab auch einige Probleme innerhalb der Gruppe, denn manche von uns waren den harten Touralltag nicht gewohnt, sodass alles ein wenig nervenaufreibend und zitterig lief. Besonders Jane Relf tat sich sehr schwer damals. Ich kann verstehen, dass die neue Version der Band mit Annie Haslam (ab 1971, Anm. d. A.) die Dinge anders angegangen ist als wir. Es ist mir öfter passiert, dass ich in Dinge involviert war, die neu und frisch waren, ohne dass ich daraus langfristig Kapital geschlagen hätte. Das bedaure ich ein wenig.

Du hattest zuvor auch die Yardbirds schon nach ein paar Jahren aufgegeben. Was wolltest du mit Renaissance anders machen?
Keith und ich waren einfach ausgelaugt. Wir waren vier oder fünf Jahre mehr oder weniger ununterbrochen auf Tour gewesen mit den Yardbirds, hatten mehr oder weniger dasselbe Material jeden Abend gespielt. Die Kreativität innerhalb der Band war aufgebraucht, es fiel uns schwer, mit einer neuen „Hitsingle“ um die Ecke zu kommen, und das war 1968 noch sehr nötig. Also dachten wir daran, etwas anderes zu machen: Nachdem wir zusammen ein paar Songs geschrieben hatten, formten wir eine neue Band. Wir holten John Hawken und Louis Cennamo ins Boot und entschieden uns dann, auch Keiths Schwester Jane zu engagieren, weil sie gerne sang. Wir verbrachten einige Tage in meinem Haus in Surrey und planten ein Live-Set, das eine Stunde dauern sollte oder so, ohne Unterbrechung. John war ein großartiger Rockpianist, er hatte diesen Jerry-Lee-Lewis-Style drauf, doch einmal, als wir ›Island‹ spielten, fing er plötzlich an, Beethoven reinzubringen. Wir liebten es! Und so war unser Prog-Sound geboren.

„Wir konnten stundenlang miteinander reden – und haben dabei eventuell auch ein paar Joints geraucht. Als er gestorben ist, hat mich das nur noch mehr angespornt, mit der Musik weiterzumachen.“ (Jim McCarty über Keith Relf)

Du warst mit Keith Relf zusammen bei den Yardbirds und bei Re­­naissance. Was war es, das euch verband? Und dachtest du nach seinem plötzlichen Tod je daran, mit der Musik aufzuhören?
Wir waren auf einem quasi spirituellen Level miteinander verbunden. Wir teilten uns nicht nur auf jeder Tournee ein Hotelzimmer, wir hatten auch dieselben „alternativen“ Interessen, die man damals eben so hatte: Fliegende Untertassen, Meditation, Buddhismus, das Leben nach dem Tod und solche Sachen. Wir konnten stundenlang miteinander reden – und haben dabei eventuell auch ein paar Joints geraucht. Als er gestorben ist, hat mich das eigentlich aber nur noch mehr angespornt, mit der Musik weiterzumachen.

In den 60er Jahren warst du ein Teil des Swinging London. Das muss eine großartige Zeit gewesen sein.
Die 60er Jahre waren absolut unglaublich für mich. Alles ging so dermaßen schnell, überall passierten so viele kreative Dinge. Das Establishment wurde in die Knie gezwungen. Es ist wunderbar, dass die originalen Yardbirds zumindest einige Jahre lang Bestand hatten – es fühlt sich mittlerweile an wie eine ganze Lebensspanne.

Welche Künstler waren es, die dich in deiner Kindheit dazu inspiriert haben, selber Musiker zu werden?
Ich bewunderte zuallererst Schlagzeuger wie Joe Morello und Buddy Rich. Später fand ich Buddy Holly und die Everly Brothers toll, ebenso da­­mals populäre Blues-Stars wie Howlin’ Wolf und Jimmy Reed. Auch Burt Bacharach mochte ich sehr. Später entdeckte ich dann Ry Cooder, den ich vor allem für seine interessanten Kollaborationen schätze.

Wenn du auf deine Karriere zurückschaust, welche Zeit war am schönsten?
Die besten Momente hatte ich wohl um 1966 herum, mit Jeff Beck im Line-up der Yardbirds. Wir tourten damals durch die USA, was als Teenager immer unser Traum gewesen war. Wir gehörten zur sogenannten „Britischen Invasion“ und arbeiteten schließlich in den Chess Studios in Chicago, um ›Shapes Of Things‹ aufzunehmen. Das ist bis heute meine Lieblingssingle der Yardbirds.

Woran arbeitest du zurzeit?
Ich arbeite gerade noch an einem neuen Soloalbum, das ich in Toronto aufgenommen habe. Terry Brown war als Produzent dabei und Alex Lifeson von Rush ist auf einem Track als Gast zu hören. Momentan suche ich noch nach der richtigen Vertriebsart, aber mit der Musik und dem Sound bin ich sehr zufrieden.

Und wenn du nicht gerade Musik machst, womit verbringst du dann deine Zeit?
Ich schätze Aktivitäten, die man im Freien ausführen kann, wie Wandern und Tennis. Ich interessiere mich jedoch immer noch für spirituelle Dinge wie Buddhismus und Meditation, ebenso für antike Kulturen.

Könntest du dir eigentlich vorstellen, jemals etwas anderes zu machen als Musik?
Ich hätte früher als Versicherungsmathematiker arbeiten können, ich habe das immerhin mal studiert. Ein ziemlich profitabler Beruf. Aber ich bin immer noch sehr zufrieden mit dem, was ich mache. Gerade arbeite ich an einer Autobiografie, die ist jetzt fast fertig.