Daniel Lanois (Black Dub)

Black Dub 2010e_bearbEr ist der Produzent von U2, Neil Young, Bob Dylan, Peter Gabriel und vielen anderen. Doch Daniel Lanois macht auch eigene Musik – und die, so zeigt sein neues Projekt Black Dub, ist nicht minder ambitioniert als die seiner renommierten Klientel. CLASSIC ROCK hat den 59-Jährigen in seinem Studio in Toronto besucht und mit ihm über eine ungewöhnliche Karriere und ausgefallene Sounds gesprochen.

Daniel, du giltst als rechte Hand des exzentrischen englischen Klangtüftlers Brian Eno. Darf man fragen, worauf die Arbeitsbeziehung beruht?
Wahrscheinlich sind wir beide gleichermaßen positiv verrückt. (lacht) In dem Sinne, dass wir nichts lieber tun, als stundenlang an irgendwelchen Sounds zu basteln und mit technischem Equipment herumzuspielen. Das gibt uns den größten Kick. Und bevor ich ihn traf, habe ich lange in einem Studio in Hamilton, Ontario, gearbeitet, meine Fähigkeiten verbessert und Hunderte von Alben aufgenommen, die kaum jemand kennt. Es waren Gospel-Platten und wirklich obskure Sachen. Doch dann bekam ich diesen denkwürdigen Anruf von Brian, dem sie scheinbar zu Ohren gekommen sind. Er schlug mir vor, etwas Gemeinsames zu probieren. Was dann so gut funktioniert hat, dass wir uns entschieden, diese Zusammenarbeit auszudehnen. Und gerade in den frühen Achtzigern hatten wir einen unglaublichen kreativen Lauf.

Dabei ist auch THE UNFORGETTABLE FIRE entstanden. Ein Album, das dich zum Haus- und Hofproduzenten von U2 gemacht hat. Was gibst du dieser Band, das sie von einem anderen Produzenten scheinbar nicht bekommt?
Ganz einfach: Zwischen uns herrscht blindes Vertrauen – und eine Art nonverbale Kommunikation. Ich war schon an so vielen U2-Alben beteiligt, dass wir nicht noch groß was durchsprechen müssen, sondern einfach loslegen können. Und U2 sind toll, wenn sie jammen. Sie sind als Live-Band groß geworden und haben schon als Kids eine Menge Shows gespielt. Deshalb haben sie auch kein Problem mit dem Improvisieren. Das ist bis heute ihre große Stärke. Und wenn Eno und ich da aufspringen, verwandelt sich das Ganze zu einem tollen, merkwürdigen Gebräu.

Wobei du ja auch noch mit anderen Künstlern arbeitest. Wer ist für dich interessant – wer weniger?
Wenn es darum geht, einen Job zu übernehmen, ist mein einziges Kriterium: Ich muss spüren, dass jemand an einen faszinierenden Ort gehen und neuen Boden erschließen will. Also rein kompositorisch gesprochen. Und wenn sich jemand gut benimmt, ein solides Management, ein Label und einen seriösen Tour-Veranstalter hinter sich hat, dann weiß ich, dass die Musik, die wir da machen, auch ganz sicher auf die Bühne gelangen wird. Denn natürlich willst du als Produzent Platten machen, die gut auf der Stereoanlage klingen, aber es ist auch nett, wenn sie live unterstützt werden.

Was z.B. für Neil Young gilt, mit dem du LE NOISE aufgenommen hast?
Richtig. Und ich wollte schon immer ein Album mit Neil machen. Doch ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, weil er nie angerufen hat. Aber jetzt, da er das getan hat, ist es wie der Beginn einer interessanten Beziehung. Denn er erkennt, dass ich es liebe, neue Wege und Ansätze zu finden. Genau wie er. Denn so sehr Neil ein Traditionalist ist, so hat er auch einen Heißhunger auf neue Techniken und Sounds. Und er mag die Idee, dass wir gemeinsam in unerforschtes Gebiet vorstoßen. LE NOISE ist übrigens der Spitzname, den er mir nach den ersten Sessions verpasst hat. Keine Ahnung, warum. Ich nehme das einfach mal als Kompliment.

Wobei Black Dub, deine neue Band, ja einem ähnlichen Ansatz zu folgen scheint wie die Zusammenarbeit mit Neil Young: Alle Kompositionen beruhen auf konspirativen Live-Jams. Und zwar mit erstklassigen Musikern wie Jazz-Drummer Brian Blade und Sängerin Trixie Whiley. Geht es dir um handgemachte Musik, quasi als Gegenpol zur blutarmen musikalischen Moderne?
Durchaus. Und ich finde, das ist etwas, was nie außer Mode geraten sollte. Wenn das Pendel irgendwann zurückschwingt, ist das Gegenteil von durchgestylter Musik eben solche, die auf einer richtigen Performance beruht. Was der Hörer hoffentlich genauso empfindet. Also, dass man bei elektronischer Musik vielleicht mit Showeffekten und vorproduzierten Sounds arbeiten kann, und das alles ziemlich cool ist. Aber dass es im Grunde nichts Besseres gibt, als jemandem zuzuhören, der volles Risiko eingeht – und alles gibt, was er hat. Egal was auch passiert: Wir als Menschen haben immer Appetit auf etwas, das sich direkt vor unseren Augen entfaltet.

Und woher stammt der Name Black Dub bzw. warum hast du ihn für ein Projekt gewählt, das nur wenig mit Reggae zu tun hat?
Ich habe in den vergangenen 15 Jahren viel Zeit auf Jamaika verbracht. Und ich liebe die Dub-Kultur, die ja aus den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern stammt. Eben von Leuten wie Lee Scratch Perry, die mit ganz wenig Studio-Equipment extrem viel geleistet haben, und vor allem jede Menge Soul besaßen. Danach streben auch wir in unserer Arbeit. Und wenn ich Musik produziere, verwende ich eine ähnliche Technik: Ich nehme einzelne Teile aus einem Song heraus und bearbeite sie so lange auf meinem Operations­tisch, bis sie einen vollkommen neuen Sound besitzen. Sprich: Bis sie ungewöhnlich und cool klingen. Dann füge ich sie wieder in ihren ursprünglichen Kontext ein und sorge somit für eine exotische, frische Note. Für et-was, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Insofern mache ich es wie die Jamaika-Jungs: Ich nutze die Technik, um innovative Ansätze zu finden – aber nie auf Kosten der Seele.

Um ein Haar wäre Black Dub aber auch dein letztes musikalisches Unterfangen gewesen. Schließlich hattest du im Juni einen schlimmen Motorradunfall und musstest mehrere Wochen auf der Intensivstation verbringen. Geht es dir mittlerweile besser?
Die Knochen sind so gut wie verheilt. Und ich stehe auch schon wieder auf der Bühne bzw. arbeite an neuer Musik für eine Installation. Aber der Unfall war wirklich heftig. Es waren das Nierenbecken, sechs Rippen, das Schlüsselbein, und ich hatte Blutungen rund um die Lunge. Also innere Verletzungen von den gebrochenen Rippen. Dabei war das mein allererster Unfall. Und das erste Mal, dass ich überhaupt im Krankenhaus war. Deswegen ist das Motorrad auch vorerst eingelagert – bis nächstes Jahr. Denn wenn wir im Frühjahr nach Europa kommen, würde ich gerne ein paar Runden drehen. Sofern man mich lässt. (lacht)