D-A-D – Erfahrungswerte

Die vier Dänen wissen ganz genau, wie der Hase im Business läuft – schließlich halten sie sich nunmehr bald drei Jahrzehnte im Musikgeschäft. Die Konsequenz: D-A-D ruhen in sich, strahlen eine ungeheure Gelassenheit aus und lassen sich selbst vom kraftraubenden Nachwuchs nicht aus der Bahn werfen.

D A D 03Energie ist eines der Losungsworte, mit denen sich Jesper Binzer zurzeit am meisten beschäftigt. Der Sänger der dänischen Rockgruppe D-A-D führt ein kraftraubendes Leben, immer auf dem Sprung zwischen den Anforderungen eines international erfolgreichen Musikers und seinen Verpflichtungen als Familienoberhaupt und Vater dreier Kinder. Binzers Töchter sind bereits 17 und 18 Jahre alt, sein Sohn dagegen gerade mal neun. Und in diesem Alter hält ihn der Kleine mächtig auf Trab. „Mit schulpflichtigen Kindern kann man auch als Mu-siker dem bürgerlichen Leben nicht entrinnen“, stöhnt er morgens um elf, nachdem er früh aufgestanden ist, das Frühstück zubereitet und seinen Filius für die unterschiedlichen Unterrichtsfächer präpariert hat. „Man staunt, wie viel Energie ein so kleiner Junge von einem abfordert.“

Energie ist aber auch das Attribut, mit dem sich die neueste D-A-D-Scheibe DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK perfekt umschreiben lässt. Zwar fehlt der Band inzwischen jenes ungestüm Wilde, das die Dänen Anfang der Neunziger auszeichnete und ihrer Musik den Beinamen „Cowpunk“ einbrachte. Doch lahm oder gar kraftlos sind auch die Songs auf DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK in keinster Weise, ganz im Gegenteil: Obwohl niemals das Gaspedal bis zum Bodenblech durchgetreten wird, nehmen die neuen Songs schnell Fahrt auf, manövrieren ihre Zuhörer durch viele abgelegene Ecken der Rockmusik und verfolgen konsequent starke Hooks und feine Gesangslinien. Das alles klingt wie aus einem Guss und ist das Resultat weiterhin großer Ambitionen und genauester Kenntnisse eigener Stärken.

Zumal die Musik in einem für D-A-D eher ungewöhnlichen Arbeitszyklus entstanden ist: „Von donnerstags bis sonntags gaben wir Konzerte und arbeiteten dann jeweils von montags bis mittwochs im Proberaum an neuen Songs. Somit zogen wir die Bühnenklamotten quasi überhaupt nicht aus, sondern waren die gesamte Woche über in unserem Rock’n’Roll-Kosmos gefangen. Daraus entstand eine unglaubliche Dynamik, die nun auf dem Album zu hören ist. Ich meine: Wir wissen, dass wir keine Jugendlichen mehr sind, und morgens direkt nach dem Aufstehen fühle ich mich oftmals sogar fast schon alt. Aber durch diese intensive Arbeitsweise konnten wir unsere Vitalität zu 100 Prozent abrufen und sie mit unserer langjährigen Erfahrung kombinieren.“

Eine Erfahrung übrigens, die D-A-D noch einmal genauer auch über ihr geschäftliches Umfeld hat nachdenken lassen. Die neue Scheibe erscheint erneut auf dem Plattenlabel des früheren Böhse Onkelz-Boss’ Stefan Weidner (Künstlername: Der W). Der nahm die dänischen Rocker vor drei Jahren sogar als Vorband mit auf Tournee, was für Binzer & Co. diesmal je-doch nicht in Frage kommt: „Wir wollen diesbezüglich wieder mehr auf Distanz gehen und unser eigenes Publikum erreichen. Ich will jetzt nicht behaupten, dass zu Stefans Konzerten immer noch ausschließlich Onkelz-Fans kommen, aber für das, was wir machen, waren die Konzerte mit ihm nicht der geeignete Rahmen.“

Eines muss allerdings noch genauer geklärt werden: Wer oder was ist eigentlich mit DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK gemeint? Binzer grinst breit über das ganze Gesicht: „Ich werde den umstrittenen Begriff jetzt nicht in den Mund nehmen, denn wie du weißt, wurde er uns verboten, aber mit etwas Fantasie kann man erkennen, dass die neue Scheibe quasi unseren früheren Namen trägt.“

Zur Erklärung: Als D-A-D Mitte der Achtziger an den Start gingen, hieß die Band noch Disneyland After Dark, musste ihn jedoch nach der juristischen Intervention eines gewissen amerikanischen Zeichentrick-Imperiums auf die drei Anfangsbuchstaben herunterkürzen. Binzer: „Ich fand das Kürzel D-A-D immer schon langweilig und trauere unserem alten Bandnamen nach. DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK ist unser elftes Al-bum, sozusagen das Debüt nach den ersten zehn Veröffentlichungen und hoffentlich der Beginn von zehn weiteren Scheiben. Deshalb soll es wieder einen Namen haben, den wir sehr gerne noch als Band tragen würden. Diesmal sind wir cleverer, diesmal wird er mittels römischer Buchstaben auf dem Cover so verklausuliert, dass man uns nicht wieder verklagen kann.“