CRYSTAL PALACE – Meodie und Härte

Mit ihrem Album THE SYSTEM OF EVENTS punkten Crystal Palace nicht nur bei Prog-Rock- Fans. Sänger Yenz erläutert die Bandphilosophie.

Text: Matthias Mineur

Man benötigt lediglich ein bis zwei Strophen, einen Refrain und vielleicht noch das anschließende Solo, um die historischen Vorlagen des Crystal-Palace-Sounds zu erkennen. Ohne Zweifel haben die vier Musiker Yenz (Gesang), Frank Köhler (Keyboards), Frank Brennekam (Schlagzeug) und Nils Conrad (Gitarre) ihre Lektion Genesis und Marillion, Eloy und Saga gelernt. Dass ihr aktuelles Album THE SYSTEM OF EVENTS dennoch nicht wie eine bloße Kopie wichtiger Prog-Rock-Legenden klingt, sondern durch Ideenreichtum und Eigenständigkeit überzeugt, ist die eigentliche Überraschung dieser Veröffentlichung. „Wir persönlich haben im Jam und Kompositionsprozess nicht unbedingt an diese Bands gedacht. Allerdings waren wir zum Schluss selbst überrascht und hatten mitunter das Gefühl: Das klingt ja ähnlich wie diese oder jene Scheibe“, gesteht Frontmann Yenz. „Natürlich lassen sich unsere Hörgewohnheiten nicht leugnen. Jeder ist mit seinem Idol groß geworden, das beeinflusst schon etwas.“

Dennoch unterscheiden sich Crystal Palace von den Vorbildern ihrer Jugend durch einen ganz anderen künstlerischen Ansatz. Ihre Musik habe keine bewussten progressiven Elemente, ebenso wenig wie hoch- technische Instrumentalparts, beschreibt Yenz die stilistische Marschrichtung auf THE SYSTEM OF EVENTS: „Vielleicht sind wir auf unsere Art progressiv, weil wir musikalisch keine Selbstdarsteller sein wollen. Der Song steht bei uns immer im Vordergrund. Ob unser Sound Retro oder Prog ist, soll der Hörer entscheiden, wir sehen uns eher als Art- Rock-Band. Für uns sollte zukunftsweisende Musik in erster Linie für den normalen Zuhörer sein und nicht nur für andere Musiker.“

Um dieses Ziel zu erreichen, haben sich Crystal Palace tatkräftige Hilfe von der Elite ihrer Zunft geholt: Neben Porcupine-Tree-Bassist Colin Edwin verewigen sich auf THE SYS- TEM OF EVENTS auch die beiden RPWL-Mitglieder Yogi Lang (Keyboards) und Kalle Wallner (Gitarre). Große Namen also, und in musikalischer Hinsicht natürlich ein echter Trumpf, den Crystal Palace stolz ausspielen. „Colin haben wir über Facebook kontaktiert, um ihn zu einer Zusammenarbeit zu inspirieren“ erzählt Yenz. „Er war von unseren fortgeschrittenen Ideen sehr angetan und zog mehrere Titel in Betracht. Da ›Beautiful Nigthmare‹ ein wenig an die frühen Pocupine Tree erinnert, wussten wir, dass er auf diesem Track gleich zu Hause sein würde. Yogi Lang wiederum ist durch das Mixen hauptverantwortlich für den Gesamtsound des Albums und hatte auf einige Passagen einen großartigen Einfluss, speziell bei den Keyboards. Beim Titeltrack hatte auch Kalle Wallner tolle Ideen und lieferte sich herrliche Solo-Duelle mit Nils.“

Die Zutaten sind also allesamt exquisit, die Produktion des Albums ist über jeden Zweifel erhaben und der künstlerische Anspruch der Beteiligten bei allem erkennbaren Selbstbewusstsein angenehm bescheiden: „Unser Sound ist meines Erachtens eine nicht allzu verkopfte Mischung aus Prog oder auch Art-Rock mit einem sehr melodischen Einschnitt. Wir klingen weder altbacken noch supermodern. Wir versuchen ein- fach, eine gute Mischung aus melodischer Weichheit mit einem härteren Einschlag zusammenzubringen. Uns geht es darum, gute Songs zu komponieren und stets für Gegensätze offen zu sein. Oft erwartet man nicht unbedingt Melodisches in einem Song, in dem es gerade kracht oder auch umgekehrt.“