Chickenfoot – Komplexes Konstrukt

chickenfoot-group-standard-approved-publicity-shot-5-0375-credit-leann-muellerAuf ihrem zweiten Album III ist die Allstar-Truppe zu einer Einheit zusammengewachsen. Doch was sich auf Platte so herrlich anhört, wird auf der Bühne nicht umzusetzen sein, denn ein Mitglied wird fehlen: Chad Smith, weil er mit den Chili Peppers zu viel zu tun hat. Wie Chickenfoot das hart erarbeitete Wir-Gefühl auch mit Ersatzmann Kenny Aronoff erhalten wollen, verrät Gitarrist Joe Satriani.

Joe Satriani ist für gewöhnlich ein Einzelkämpfer. Seinen Job erledigt der Gitarrist normalerweise allein, ab und zu heuert er Teilzeitkräfte an, die seinen Soloscheiben Groove und Takt geben. Gesang? Kennen Satriani-Fans nur vom Hörensagen. Doch auch ein Alphatier sehnt sich ab und an nach Gesellschaft, nach Austausch mit Gleichgesinnten, die auf Augenhöhe mit ihm agieren. „Ich bin glücklich. Aber das heißt das noch lange nicht, dass ich deshalb keine unerfüllten Träume mehr habe.“ Deutlicher kann man den Wunsch nach einer richtigen Band mit richtigen Songs nicht ausdrücken. Nach Songs, in denen der Gitarrist eine wichtige, aber eben nicht die alleinige Rolle spielt. Kurz: nach Songs mit Gesang. Satriani will Stücke komponieren, wie sie einst einem Jimi Hendrix, einem Jimmy Page oder einem Keith Richards gelungen sind.

Wie es sich anfühlt, Teil eines großen Ganzen zu sein, hat Satriani bereits am eigenen Leib erfahren. 1988 nämlich, als der damals 32-Jährige Mitglied von Mick Jaggers Band ist. Damals saugt er das magische Flair auf, das nur Lieder verbreiten können, deren Texte die Fans mitsingen können – und das auch wirklich tun, eben weil die Zeilen weltberühmt sind. „There’s a lady who’s sure all that glitters is gold“ oder „Please allow me to introduce myself, I’m a man of wealth and taste, I’ve been around for a long, long year, stole many a man’s soul and faith“ und „Hey Joe, where you’re goin’ with that gun in your hand“. Wer einmal auf einer Bühne gestanden und erlebt hat, wenn Tausende Menschen synchron in die Worte eines Sängers einstimmen, vergisst das nie wieder.

Mick Jagger sucht damals lediglich Zerstreuung während einer Stones-Pause. Satrianis Engagement ist daher von Beginn an befristet. Drei Jahre später sieht die Sache für den US-Wundergitarristen schon ganz anders aus: Deep Purple haben soeben den Exzentriker Richard Blackmore gefeuert, müssen aber aus vertraglichen Gründen noch eine Reihe von Shows spielen, für die sie entsprechend kurzfristig einen neuen Gitarristen brauchen. Satriani springt ein und – man muss es so deutlich sagen – lässt die Fans mit seiner überbordenden Spielfreude den zuletzt zunehmend lustlosen Blackmore schnell vergessen. Doch auch diese Liaison ist nicht von Dauer: „Es hat mir damals das Herz zerrissen“, erinnert sich Satriani an den Moment, als er sich entscheiden musste, ob er langfristig bei Purple bleiben wollte oder nicht. „Jeder möchte gern den Applaus ernten, den man als fester Bestandteil einer Legende nun mal bekommt, wenn man Hits wie ›Smoke On The Water‹, ›Woman From Toyko‹ oder ›Highway Star‹ spielt. Aber meine zentrale Frage lautete: Will ich diese Songs für den Rest meines Lebens spielen?“

Satriani zweifelt, holt sich den Rat von berufenen Kollegen, wiegt sorgfältig das Für und Wider ab – und lässt sich letztendlich von Steve Vai überzeugen, der ihm vor Augen führt, wie es Yngwie Malmsteen bei Alcatrazz, John Sykes bei Whitesnake oder ihm selbst bei Zappa und der Band von David Lee Roth ergangen ist: Sie alle sind nur Behelfsmusiker, Nachfolger, zweite Wahl. „Steve meinte zu mir: Möchtest du das wirklich sein, der ewige Ersatz für Blackmore? Das würde dich unglücklich machen.“

Satriani entscheidet sich daraufhin gegen Deep Purple und für die Fortsetzung seiner Karriere als Solo-Instrumentalist. Damals ein Risiko, aus heutiger Sicht sicherlich der bestmögliche Schritt. „Ich mochte ohnehin nur die Purple-Scheiben bis 1973“, gibt Satriani zu. „Die Songs ohne Ian Gillan fand ich nur noch halb so spannend. Außerdem bin ich kein Brite. Und ehrlich gesagt war ich auch der Meinung, dass die Band Ritchie Blackmore zurückholen sollte. Aber das wollten Purple partout nicht. Eines Tages saß ich mit Jon Lord in einem Café in Barcelona, und er fragte mich, was ich von Steve Morse als künftigen Purple-Gitarristen halten würde. Ich fand es eine glänzende Idee.“

Eine noble Geste, die zugleich auch von einem enormen Selbstbewusstsein zeugt. Das hat sich Joe Satriani im Laufe der Jahrzehnte hart erarbeitet. Inzwischen gilt er zu Recht als wichtigster Sologitarrist der Gegenwart und blickt auf eine Karriere zurück, die ruhmreicher und glorreicher kaum hätte verlaufen können. Und doch: Dieser Wunsch, Mitglied einer richtigen Rockband mit Sänger zu sein, will einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden. So gesehen ist die Gründung von Chickenfoot für Satriani fast so etwas wie Notwehr. Zumal: Wer mit den ehemaligen Van Halen-Recken Sammy Hagar (Gesang) und Michael Anthony (Bass) sowie Schlagzeuger Chad Smith (Red Hot Chili Peppers) gemeinsame Sache machen kann, muss schon gehörig mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn er da Nein sagt.

satrianiChickenfoot ist also die Inkarnation des Satriani-Traums: eine Band voller Superstars, in der er Songs für einen Sänger schreiben kann. „Ich bin ein echter Rocker“, betont der Gitarrist. „Als ich 1970, als 14-Jähriger, diese Musik kennenlernte, entdeckte ich als Erstes die Bands, die das Genre erfunden und geprägt haben: Led Zeppelin, Mott The Hoople, Rolling Stones, Cream – sie alle waren meine Helden.“ Das bekommen auch seine Chickenfoot-Kollegen zu spüren. „Sie dachten, ich wäre einer dieser Fiedelfritzen, die den ganzen Tag nur Skalen dudeln und kaum die Finger stillhalten können. Anfangs waren Sam und Michael jedes Mal sichtlich verblüfft, wenn ich in einer Pause ›Honky Tonk Women‹ oder ›Get Down To It‹ anstimmte.“

Nach der ersten Überraschung freuen sich die beiden aber darüber – denn insbesondere für Sammy Hagar stellt Satriani den idealen Sparringspartner für seine weitere Karriereplanung dar. Bei Van Halen ist der Sänger nämlich recht unsanft vor die Tür gesetzt worden, und obwohl seine „Cabo Wabo“-Nachtclubs in Mexiko, Nevada und am Las Vegas Strip ordentlich laufen, sieht er sich nicht als reiner Gastronom und erfolgreicher Schnapsbrenner (der „Cabo Wabo“-Tequila zählt zu den meistverkauften Amerikas). Allerdings hat der Mann auch die Nase voll von einer Band, die von einem alkoholkranken Supertalent Stück für Stück in Richtung künstlerische Insolvenz geführt wird.

Satriani kommt da gerade recht – er ist das pure Gegenteil von Eddie Van Halen: bodenständig, etwas schüchtern und ein unkomplizierter Typ. Diese Gleichung mag umgekehrt nicht gelten, dennoch eint die beiden Superstars mehr als nur gegenseitiger Respekt. „Sam ist einfach grandios“, schwärmt Satriani, „er steckt voller Ideen, hat genaue Vorstellungen davon, was er will und was nicht. Gleichzeitig geht er auch mal Kompromisse ein, was in einer Band wie dieser sicherlich kein Nachteil ist.“

Natürlich wird auch bei Chickenfoot hinter den Kulissen gerungen, um Ideen, Songs, Texte, um die Richtung, in die sich ein Stück entwickeln soll. „Das Gute daran ist: Wir alle haben den gleichen Ehrgeiz und wollen immer den besten Song schreiben, der jemals unseren grauen Zellen entsprungen ist“, gibt Satriani zu Protokoll. „Aber natürlich werden meine Ideen einer genauen Überprüfung unterzogen. Fast alle Vorschläge werden verändert, und zwar so lange, bis alle damit einverstanden sind. Aber dadurch entstehen Songs, die besser sind als die Ursprungsidee, auf der sie basieren. Ich kenne das schon: Wenn ich zwei Songs anschleppe, sagt Sam: ‚Der eine ist eigentlich ganz gut, aber er hängt etwas in der Mitte. Der zweite gefällt mir nicht, aber der Part am Ende klingt brauchbar.‘ Mit diesen Jungs zu arbeiten, gleicht einer einzigen Puzzleaktion.“

Ein Puzzle, das sich auf CHICKENFOOT III zu einem packenden Ganzen zusammenfügt. Da gibt es tatsächlich die von Satriani gewünschten Stones-/Humble Pie-Querverweise, Erinnerungen an große Van Halen-Zeiten und schlicht strukturierte Rocknummern, die aufgrund ihrer Eingängigkeit sofort aufs Kleinhirn zugreifen. Man hört auf Anhieb die künstlerische Weiterentwicklung zum 2009er-Chickenfoot-Debüt. Was zu Beginn der Band-Karriere noch etwas inhomogen und zersplittert geklungen hat, fügt sich nun zu einer Einheit zusammen. „Die Festival-Auftritte und Einzel-Shows haben eine Menge bewegt“, erläutert Satriani die Gründe für diesen erfreulichen Fortschritt, der ein echtes Wir-Gefühl entstehen lassen hat. „Vor allem die Clubtour war wunderbar: Wir spielten in klitzekleinen Läden vor maximal 400 Leuten, die Konzerte fanden noch vor der Veröffentlichung unseres Debüts statt, sodass niemand die Songs kannte. Die Bühnen waren so winzig, dass ich mir vorkam wie früher, als ich als 15-Jähriger durch die Bars von New York getingelt bin. Diese Gigs haben uns zusammengeschweißt und uns erkennen lassen, wer Chickenfoot wirklich sind.“

Allerdings: Das Wir-Gefühl bekommt bereits vor der Veröffentlichung von CHICKENFOOT III einen empfindlichen Dämpfer: Chad Smith wird die kommende Tournee aussetzen müssen und – so zumindest der aktuelle Stand der Dinge – der Band wohl auch generell nicht mehr zur Verfügung stehen. Schon während der ersten Tour hat sich der Drummer der Red Hot Chili Peppers als Achillesferse erwiesen: Nach einer Show in Paris, in der eine alte Schulterverletzung aus einem Motorradunfall wieder aufbricht, muss Smith während der laufenden Konzertreise acht Tage lang pausieren. Auch die Nachholkonzerte können nicht stattfinden, da Smith schon wieder Chili Peppers-Termine auf dem Zettel hat. Satriani, Hagar und Anthony akzeptieren dies stillschweigend, wollen sich zukünftig aber nicht mehr ihre Planungen vom proppenvollen Kalender ihres Trommlers verhageln lassen. „Die Peppers sind einfach zu beschäftigt“, erklärt Satriani lapidar, ärgert sich aber natürlich, schon so frühzeitig einen Einschnitt ins Personalgefüge vornehmen zu müssen. „Es tut mir leid, weil Chad die Band mit gegründet hat und immerhin noch bis zum letzten Ton an CHICKENFOOT III beteiligt war. Aber was sollen wir machen? Diese Band muss spielen, sie gehört auf die Bühne – zur Not eben auch ohne ihn.“

Kenny_Aronoff1_CreditAlex_SolcaFür Ersatz ist bereits gesorgt: Die Nachfolge von Chad Smith wird Kenny Aronoff antreten, ein in Musikerkreisen überaus geschätzter Drummer, mit illustren Arbeitgebern wie Elton John, Meat Loaf, Lynyrd Skynyrd, Bob Seger oder Jon Bon Jovi in seinem Lebenslauf. Satriani hat zwar noch nie mit Aronoff gespielt, doch die beiden kennen sich. Damals, 1988 bei Mick Jagger, wären sie um ein Haar Kollegen geworden: „Wir liefen uns bei den Auditions über den Weg. Ich bekam den Job, Kenny ging leer aus. Geschadet hat’s uns beiden nicht.“