Nachruf: Captain Beefheart 15. Januar 1941-17. Dezember 2010

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Obwohl er rund 30 Jahre musikalisch nichts mehr von sich hat hören lassen, gilt DON GLEN VAN VLIET alias CAPTAIN BEEFHEART nach wie vor als einflussreichstes Genie der Rockwelt. Nun ist er verstorben – wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag.

Kann ein weißer Mann den Blues singen? In den sechziger Jahren wurde diese Frage ernsthaft diskutiert, ausgehend von der absurden These, dass man auf dem Baumwollfeld groß geworden sein musste, um den Zwölftakter authentisch zu inszenieren. Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei um latent rassistischen Humbug handelte, dessen Umkehrschluss immerhin die Frage aufgeworfen hätte, ob schwarze Musiker in Sinfonieorchestern spielen sollten, obwohl sie mehrheitlich nicht in Leipzig oder Wien geboren wurden, schufen schwach pigmentierte Musiker längst Tatsachen: Der Engländer Eric Burdon sang den Blues, der Texaner Johnny Winter ebenso, und der war und ist nun wirklich ziemlich weiß. Don Van Vliet sang ihn auch, und zwar so intensiv wie kaum ein anderer – egal, welcher Hautfarbe.

Als Captain Beefheart durfte er mit seiner Magic Band 1964 beim Pop- und Easy-Listening-Label A&M Records vorspielen, einige Tracks wurden sogar aufgezeichnet, doch einen Plattenvertrag erhielt er nicht: Beefhearts düsterer Blues und seine Stimme, die zwischen dem drahtigen Schnarren eines Howlin’ Wolf und seismischem Grollen changierte, fehlte schlicht und ergreifend das „kommerzielle Potenzial“. Was gewiss den Tatsachen entsprach, denn als Hitparadenstürmer ging Captain Beefheart bekanntlich eher nicht in die Pop-Annalen ein.

Wenige Jahre später, die Hippies deklamierten gerade in San Francisco die Ära von Liebe & Frieden, hatte sich der Zeitgeist geändert: Plattenfirmen fahndeten nach „ungewöhnlichen“ Künstlern, und Beefheart kam beim Indie-Label Buddah Records unter. Ungewöhnlich war sein offizielles Debüt SAFE AS MILK in der Tat: Seine Magic Band klang streckenweise wie eine elektrifizierte Hillbilly-Combo, der man LSD ins Root Beer geschüttet hatte, Ry Cooders kantige Slidegitarre, die ungeraden Rhythmen und Beefhearts frei assoziierte, surreale Lyrik verbanden sich zu einem grandios eigenständigen Werk – das an der Kasse jedoch floppte. Womit Beefhearts musikalischer Werdegang prototypisch vorweggenommen wurde: Kritiker und ein harter Kern von Fans liebten seine Werke, das avantgardistische Meisterstück TROUT MASK REPLICA von 1969 etwa schafft es bis heute in einschlägige Bestenlisten, doch ein größeres Publikum verweigerte sich stets den Klängen des Captains. Die passten nämlich in keine Schublade, was auch auf ihren Macher zutraf: In den späten sechziger und siebziger Jahren, als Drogen in der Musikszene allgegenwärtig waren, galt der erklärte Abstinenzler Beefheart als Außenseiter. Wer derartige Musik machte, ohne Drogen zu nehmen, der musste irgendwie „naturstoned“ sein, und das kam vielen offenbar suspekt vor. Im Rock-Business mit all seinen Eitelkeiten und Gepflogenheiten fühlte sich Beefheart jedenfalls nie so ganz heimisch.

Großen Respekt genoss er allerdings unter Musikern, die sich von seiner innovativen Mixtur aus Blues, Rock, Free Jazz und Neutönerei inspirieren ließen. Tom Waits outete sich als Fan, Post-Punks wie der Gang Of Four und den Pixies diente er als Kompass, Sonic Youth und die White Stripes coverten gar seine Stücke.

In einer Idealwelt, in der künstlerische Integrität und Kultstatus mit baren Dollars aufgerechnet werden, wäre Beefheart, der Musiker, gewiss ein reicher Mann geworden. Doch selbst seine Versuche in der realen Welt, mit braveren, zugänglicheren Werken ein Stück vom Kuchen abzubekommen, misslangen – und brachten auch noch die Kritiker auf, die selbstgerecht von Ausverkauf schwadronierten. UNCONDITIONALLY GUARANTEED und BLUEJEANS & MOONBEAMS hießen 1974 die viel gescholtenen Werke, die heute bei weitem nicht so uninspiriert klingen, wie seinerzeit behauptet wurde.

Drei weitere Alben nahm Beefheart noch auf, die ihn zwar mit der Kritikerzunft versöhnten, doch kommerziell betrachtet wenig einspielten. Wer Beefheart-Platten kaufte, der war häufig über einen Umweg zu des Meisters Werken gelangt: Frank Zappa.

Schon als Teenies hatten die beiden Schulfreunde im kalifornischen Wüstenkaff Lancaster nicht nur ihre Liebe zu R&B und Blues geteilt, sondern auch gemeinsam von einer Karriere im Musikbusiness geträumt. 1963 entstanden gar gemeinsame Demo-Aufnahmen, die jedoch ohne Konsequenzen blieben. Es war Zappa, der ihm den Namen Captain Beefheart verpasst hatte, auch wenn die Legende überliefert ist, dass Van Vliets exhibitionistisch veranlagter Onkel seinem besten Stück just diesen Namen gegeben hatte. Zappas und Beefhearts Wege trennten sich jedenfalls, erst Ende der Sechziger fanden die beiden wieder zusammen, als Beefheart seine Platten auf Zappas neuem Label Straight Records veröffentlichte. Auf Zappas 1975er-Album BONGO FURY gab Beefheart ein Gastspiel, tourte gar gemeinsam mit den Mothers Of Invention, doch der Perfektionist Zappa und der Instinktmusiker Van Vliet wollten nicht so recht harmonieren. Letzterer begann damals zudem, sich verstärkt seinem zweiten künstlerischen Standbein zu widmen: der Malerei.

Dass sich Rockmusiker als bildende Künstler verwirklichen, ist weit verbreitet, dass die dabei entstehenden Werke bestenfalls Amateurniveau erreichen, leider auch. Don Van Vliet war eine der ganz wenigen Ausnahmen. Beefheart-Fan und Malerfürst Julian Schnabel hatte ihn davon überzeugt, sich stärker der Malerei zuzuwenden, nach anfänglichem Misstrauen reagierte New Yorks Kunstszene dann auch sehr wohlwollend auf Van Vliets abstrakte Werke. Seine Ausstellungen waren gut besucht, einzelne Stücke erzielten sogar beträchtliche Kaufpreise. Noch im vergangenen Jahr erntete seine aktuelle Ausstellung in New York begeisterte Kritiken.

Mit Captain Beefheart, dem Musiker, hatte Don Van Vliet bereits in den achtziger Jahren gebrochen, sein letztes Album, ICE CREAM FOR CROW, war 1982 erschienen, danach herrschte Funkstille.

Von seiner Kunst konnte Van Vliet gut leben, auch wenn seine Werke nicht die astronomischen Preise erzielten, die manche Zeitgenossen verlangen konnten. Doch um Geld – jenseits dessen, was man braucht, um landläufig „gut zu leben“ – war es Don Van Vliet wohl ohnehin nie gegangen. Seine vielfältigen Talente nutzte er so, dass er einfach das tat, was er eben tun musste, und zwar genau so und nicht anders. Ein Freigeist, dem Konventionen und Erwartungen wenig bedeuteten. Und ein Künstler, gar keine Frage, ob nun das Plattenstudio sein Werkzeug war oder Pinsel und Leinwand. Don Van Vliet erlag am 17. Dezember vergangenen Jahres einer langjährigen Erkrankung an Multipler Sklerose. Er wurde 69 Jahre alt.