Bryan Adams im Interview: „Saumäßig viel Energie“

Bryan Adams PressefotoBryan Adams (56) sitzt am einen Ende der lächerlich großen Suite im Berliner „Soho House“, am anderen Ende baut gerade ein Fernsehteam seinen Kram ab, es herrscht ein ausgesprochenes Gewimmel. Wer sich davon null aus der Ruhe bringen lässt? Bryan Adams selbst. Stoisch, knapp und mit hintergründigem Humor antwortet er in einer Viertelstunde mehr Fragen weg als manche Kollegen an einem ganzen Tag. Man ahnt: Dieser trockene Knochen muss privat ein verdammt amüsanter Zeitgenosse sein. Anlass des Gesprächs ist Adams‘ neues Album GET UP, auf dem er neun eher kurze, sehr konzentrierte und textlich auf den Punkt gebrachte Lieder singt. Die Platte ist also exakt wie der Mann selbst.

Bryan, du kennst dich in Berlin ganz gut aus, die Redaktion deines Fotomagazins „Zoo“ ist hier in der Stadt ansässig. Was hast du heute noch vor?
Leider gar nichts. Ich bin nur zu den Interviews gekommen und werde nachher bei der Präsentationsfeier meiner Plattenfirma auftreten. Hätte ich mehr Zeit, würde ich aber sicher noch ein bisschen herumspazieren. Ich gucke gerne, was es Neues gibt, das lohnt sich in Berlin besonders. Die Stadt verändert sich immer so schnell.

Magst du Veränderungen im Stadtbild? Manche Städte tun sich ja schwerer damit als andere.
Ja, was sollte ich dagegen haben? Neue Gebäude, neue Was-auch-immer – das finde ich gut und positiv und auch wichtig für eine Stadt, damit sie weiter frisch und vibrierend bleibt.
(Er guckt sich das Aufnahmegerät des Gegenübers an, ein relativ altes, aber dennoch robustes Teil mit Speicherkarte.) Wo kriegt man das?

So gut wie gar nicht mehr. Sie werden leider nicht mehr gebaut. Dieses hier ist eines der Letzten.
(Auf Deutsch) Oh, Scheiße.

Dein deutsches Lieblingswort?
Eines meiner Lieblingswörter. Ich kenne aber noch ein paar andere. Zum Glück.

Stichwort „frisch und vibrierend“. Du hattest ein ereignisreiches Jahr. Erst das Co­v­­er­album TRACKS OF MY YEARS vor einem Jahr, jetzt bereits GET UP, ein echt kraftvolles, rockiges, sehr direktes neues Album. Woher der Fleiß?
Ich bin doch nie faul! Ich arbeite gern ergebnisorientiert und effizient. Das halte ich für wichtig. Und für die Art, wie ich arbeite, ist Effizienz sehr sinnvoll. Außer TRACKS OF MY YEARS kam letztes Jahr auch noch die 30-jährige Geburtstagsausgabe von RECKLESS raus, ich habe an den Projekten echt parallel gearbeitet. Auf der anderen Seite: GET UP zu vollenden, hat locker zwei Jahre gedauert.

Es ist ein sehr geradliniges Rockalbum geworden.
Das ist wohl wahr. Eine ziemlich klassische Rock’n’Roll-Platte, fast wie in den Fifties. Na ja, nicht ganz. Aber ein bisschen.

Warum hast du dieses Album genau jetzt ge­­macht?
Das ergab sich einfach so. Keine große Strategie, ein reines Lustprojekt. Zum ersten Mal haben der Songwriter Jim Vallance und ich ein vollständiges Album zusammen geschrieben. Ich bin echt ganz begeistert, was wir da zusammen hinbekommen haben.

Sogar die Kritiken sind sehr gut.
Total. Ein Journalist schrieb sogar, es sei „schockierend gelungen“. Das hat mich dann schon gefreut.

Bist du geschockt, wie rockig es klingt?
Nein. Genau so sollte es ja werden. Mein Kopf steckte tief drin im Rock’n’Roll. Ich denke, live werden die neuen Songs super ankommen.

Viel Energie.
Saumäßig viel Energie.

Wo kommt die her auf deine alten Tage?
Na na! Ich bin doch erst Mitte 50, Jim ist in seinen Sechzigern, und Jeff Lynne, der das Al­­bum produziert hat, ebenfalls. Wir sind junge Männer (lacht).

Man kann Jeff Lynnes Einfluss deutlich hören. Die Stücke erinnern manchmal ein wenig an ELO oder an seine Arbeit mit Tom Petty.
Ich weiß, und das ist doch schön. Alle Produzenten haben ihren Sound. Du weißt ungefähr, was du bekommst, wenn du einen Jeff Lynne engagierst. Das ist ganz normal, das war auch schon so bei meinen Platten mit Mutt Lange.

Warum hast du dir diesmal Jeff Lynne ausgesucht?
Weil er ein großartiger Produzent ist. Echt, ich rede das nicht nur so daher. Er hat diese Songs wirklich zum Leben erweckt.

Kennt ihr euch schon lange?
Ich glaube seit 1987, als wir uns nach einem Konzert von mir in Birmingham trafen. Dann sahen wir uns mal hier und mal da, aber im letzten Jahr haben wir eine Menge Zeit zu­­sammen verbracht, um dieses Album auf die Reihe zu kriegen.

Ist es sinnvoll, einen Produzenten zu kennen, bevor man mit ihm arbeitet?
Man muss vorher nicht befreundet sein. Sinnvoll ist vor allem, seine Arbeit zu kennen.

Habt ihr auf die klassische Weise produziert: zwei Jungs, einen Monat lang eingeschlossen im Studio?
Nein, das ging Song für Song. Jim und ich haben die Demos geschrieben, die haben wir dann Jeff geschickt. Wenn es ihm gefiel, hat er daran gearbeitet, wenn nicht, hat er es weggeworfen. Irgendwann war das Album fertig. Und klar, hin und wieder bin ich zu ihm nach Los Angeles gefahren, habe hier mal was ge­­sungen und dort mal ein bisschen Gitarre gespielt. Das meiste lief auf die moderne Art und Weise – Computerfiles.

Ist das kein Widerspruch, wenn man solche altmodischen Songs aufnimmt?
Ach, wieso denn? Ein Album wird nicht da­­durch besser oder natürlicher, wenn der Studioschweiß von fünf Musikern noch von der Hülle tropft. Wir gehen mit der Zeit.

Du hast gesagt, du hättest GET UP besser schon vor 25 Jahren aufgenommen.
Ja.

Hast du aber nicht. Stattdessen erschien vor 25 Jahren WAKING UP THE NEIGHBOURS mit der Überschnulze ›Every­thing I Do‹.
Ich weiß, aber das war schon okay so. Nach RECKLESS hätte GET UP sicher gut gepasst. Aber was soll’s, dann kommt es eben jetzt. Der Punkt jedenfalls ist, dass es damals, Ende der 80er, ein perfekter Zeitpunkt für dieses Album gewesen wäre.

Du sagst also nicht, es hätte 1990 rauskommen sollen …
… sondern rauskommen können. Obwohl: Doch, ich wünschte, ich hätte es schon vor 25 Jahren gemacht. Irgendwie wäre das damals eine coole Sache gewesen.

Fassen wir zusammen: GET UP ist zeitlos.
Das ist meine Hoffnung. Drücken wir die Daumen.

Auch RECKLESS klingt ja bis heute nicht wirklich veraltet. Kommt immer Musik ohne Haltbarkeitsdatum heraus, wenn Bryan Adams loslegt?
Das ist zumindest immer der Plan, die Idee. Natürlich wünsche ich mir, dass meine Musik für alle Zeiten gespielt wird. Doch dafür gibt es keine Garantie.

Bei dir hat’s aber ganz gut geklappt, oder?
Geht so. Ich habe ein paar Klassiker. Hätten noch mehr sein können. War aber okay. Man wird sehen, wie es in 30 Jahren aussieht.

Na ja, komm…
Ich war nicht schlecht, aber es gibt Kollegen in meiner Generation mit deutlich mehr Klassikern. Ich bin aber glücklich, ich bin zufrieden.

Beklagen kannst du dich wirklich nicht.
Nein. Ganz sicher nicht. Sowieso nicht. Ich beklage mich nie.