Werkschau: Bruce Springsteen

bruce springsteenNicht umsonst gilt Springsteen als einer der besten Songwriter seiner Generation – sein Katalog strotzt nur so vor unvergesslichen Klassikern und Hymnen.

Unverzichtbar

BORN TO RUN (Columbia, 1975)

Das Album, das Springsteens Karriere rettete, nachdem die Verkaufszahlen der ersten beiden enttäuscht hatten. Es bewies, dass er hymnischen Rock schreiben konnte, der Phil Spector Konkurrenz machte. Während das Titelstück und ›Thunder Road‹ von jeher zu den Live-Standards zählen, sind romantischere, orchestralere Tracks wie ›Backstreets‹ und ›She‘s The One‹ die übersehenen Juwelen. Es finden sich nur acht Stücke auf BORN TO RUN, doch Bruce schuftete fast zwei Jahre daran. Er schrieb jede Textzeile Dutzende Male um, experimentierte mit Streichern und verbrachte zahllose Stunden damit, die Reihenfolge festzulegen. Das Ergebnis dieser Folter ist sein Meisterwerk.

DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN (Columbia, 1978)

Wo Springsteen mit BORN TO RUN nach Größerem innerhalb des Amerikanischen Traums strebte, war DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN das genaue Gegenteil. Die Texte waren einfach, direkt, überschaubar und fast Hemingway-esk. Der ewige Optimismus von BORN TO RUN war ausgelöscht, sowohl inhaltlich als auch in der Produktion, die sich bei Hardrock-Stücken wie ›Adam Raised A Cain‹, ›Prove It All Night‹ und ›Streets Of Fire‹ auf die Gitarren konzentrierte. Das klavierbasierte ›Racing In The Street‹ stellt den Höhepunkt dar. DARKNESS… markiert das erste Mal, das Depression – echte Dunkelheit – in seinem Schaffen durchschien, und zwar besser als je zuvor oder danach.

Wunderbar

THE RIVER (Columbia, 1980)

Sein erstes Doppelalbum gab ihm den Raum für einige der Popsongs, die er für frühere Alben geschrieben, dann aber doch weggelassen hatte. ›The Ties That Bind‹, ›Jackson Cage‹ und ›Stolen Car‹ waren Juwelen, die zwar nicht so eingängig waren wie einige früheren Sachen, im Kontext von THE RIVER jedoch grandios zur Geltung kamen. Der Text des Titelstücks erstreckt sich von einer ungewollten Schwangerschaft über einen verlorenen Job, eine Autofahrt entlang eines Speichersees, einen Fluch bis zu einem Spuk. Lauter essenzielle Elemente eines jeden guten Springsteen-Lieds.

NEBRASKA (Columbia, 1982)

Sein düsterstes Album und vielleicht eines der düstersten der Popgeschichte. Auf einem Kassettenrekorder aufgenommen, erschien es erst nach einem Kampf mit dem Label, das ein Popalbum wollte. NEBRASKA ist das Springsteen-Album, das am häufigsten von späteren Indierockern als Inspiration genannt wird, doch es bekam einige der schlechtesten Kritiken seiner Karriere, zumindest anfangs – ein Kommentar lautete „Born To Crawl“. Mit den Jahrzehnten hat sich diese Meinung jedoch grundlegend geändert und heute erscheint es oft in den oberen Rängen von „Die besten Alben aller Zeiten“-Listen.

BORN IN THE USA (Columbia, 1984)

Sein meistverkauftes Album, das ihn zum Superstar machte. Das Cover mit der Flagge ist zum festen Bestandsteil seiner Ikonografie geworden. Gleichzeitig ist es auch die Platte, der man selbst als Fan am ehesten überdrüssig wird, da die fünf US-Top-10-Singles damals so unausweichlich waren. Dennoch hatten ›No Surrender‹, ›I‘m On Fire‹ und sicher ›Downbound Train‹ ihre brodelnden Kehrseiten, während das Titelstück wohl einer der missverstandensten Hits aller Zeiten ist – Springsteen schrieb es sarkastisch und desillusioniert, doch der Refrain wurde zum Schlachtruf tumber Patrioten.

TUNNEL OF LOVE (Columbia, 1987)

„Mann trifft Frau und sie verlieben sich.“ Doch Liebe ist alles andere als das und TUNNEL… dokumentiert die Zweifel des damals frisch verheirateten Sängers. Man fragt sich, was seine Frau Julianne Philips wohl von dieser Zeile hielt: „The house is haunted and the ride gets rough“ („Es spukt im Haus und die Reise wird be-schwerlich“). Bruce hat stets behauptet, dass seine Texte nicht autobiografisch sind, aber TUNNEL OF LOVE ist so stark, weil sie es hier eben doch sind. ›Walk Like A Man‹, die Ode an seinen Vater, ist das bewegendste Lied, das je über eine Vater-Sohn-Beziehung entstanden ist.

Anhörbar

THE WILD, THE INNOCENT & THE E STREET SHUFFLE (Columbia, 1973)

Für jeden anderen Künstler wäre dies ein karrieredefinierendes Album gewesen, allein schon wegen ›Rosalita‹ und ›Fourth Of July, Asbury Park (Sandy)‹, doch für Bruce wurde es aufgrund seines anfänglichen Scheiterns – nur 75.000 Verkäufe, 65.000 davon in Philadelphia – zum Problem. Seite 2 ist jedoch die beste Seite aller seiner Alben. Sie fängt mit dem romantischen ›Incident On 57th STreet‹ an, geht über zur verrückten Liebe in ›Rosalita‹ und endet mit der majestätischen Ballade ›New York City Serenade‹. Allein die Stärke dieser Seite hielt seine Karriere am Leben.

THE GHOST OF TOM JOAD (Columbia, 1973)

Eine Hommage an Woody Guthrie, John Steinbeck und John Ford und dabei fast so düster wie NEBRASKA. Springsteen fand hier endlich seine Stimme als Solokünstler, und nachdem das Missverständnis zu ›Born In The USA‹ offenbar immer noch schmerzte, zeigten ›Youngstown‹ und ›Galveston Bay‹ ganz klar die Schattenseiten des Vietnamkriegs. ›Sinaloa Cowboys‹ hingegen behandelt den aktuelleren Drogenkrieg, während es in ›Across The Border‹ um Ein-wanderung geht. Höhepunkt ist jedoch eindeutig das Titelstück mit seinem direkten Text, im dem die Hauptfigur auf der Suche ist, wie alle seine Charaktere.

THE RISING (Columbia, 2002)

Kurz nach der TUNNEL…-Tour feuerte Springsteen die E Street Band, was seinem kreativen Output in der Folge sehr schadete. Für THE RISING fand er wieder mit seinen alten Brüdern zusammen und das Ergebnis war eine Rückkehr zur Topform. Thematisch war es Bruces Antwort auf 9/11, und ein wütender Springsteen ist immer auch ein leidenschaftlicher. Das Titelstück oder auch ›My City Of Ruins‹ zeigten, dass seine Songwriting-Muse ihn noch nicht verlassen hatte. Zwar fehlte dem Werk ein wenig der Zusammenhang, doch dank einiger starker Lieder war das Album den direkten Vorgängern letztlich dann doch überlegen.

Sonderbar

HUMAN TOUCH (Columbia, 1992)

Bruce hatte sich von der E Street Band getrennt, als er mit der Arbeit an diesem Album begann, und auch wenn er hervorragende Musiker als Ersatz eingestellt hatte, war es doch nicht dasselbe, wie mit einer Band zu spielen, die er seit Teenager-Zeiten kannte. Außerdem war die Platte überproduziert. Er behauptete später, sie sei gescheitert, weil er versucht habe, „glückliche Lieder“ zu schreiben, aber es war einfach nicht sein bestes Material, ob glücklich oder traurig. HUMAN TOUCH erschien gleichzeitig mit LUCKY TOWN – zwei unterdurschnittliche Werke, die erstmals seinen Status als Kritikerliebling erodieren ließen. Er überlebte diese Phase. Seine Fans auch.