Bob Dylan: Verrat in Newport

bob dylan 1965Als Bob Dylan vor 50 Jahren, am 25. Juli 1965, beim Newport Folk Festival zum ersten Mal mit elektrischer Gitarre und Rockband auftrat, kam es zum Eklat. Die Folkgemeinde war außer sich, buhte den Sänger aus und zeterte: „Verrat!“ Der empörte Pete Seeger wollte gar mit einem Beil das Kabel der Tonanlage zerschlagen. Soweit die Legende – was aber geschah damals wirklich?

Lederjacke, Beatles-Stiefeletten, Fender-Gitarre. Es war ein neuer Bob Dylan, den das Publikum am Sonntagabend des 25. Juli 1965 zu sehen bekam. Bis dahin hatten die Besucher des Newport Folk Festival „ihren“ Dylan anders gekannt, nämlich mit ausgebeulter Jeans, Arbeiterhemd und Akustikklampfe. Nun also stand er da in schicken Carnaby-Street-Klamotten – und rockte elektrisch.

Kurz zuvor erst hatte er der puristischen Folkgemeinde mit BRINGING IT ALL BACK HOME eine harte Nuss zu knacken gegeben. Eine ganze Seite des Albums hatte Dylan mit einer Rockband eingespielt. Prompt hatte die LP als seine erste den Sprung in die Billboard-Top-Ten geschafft. Folge: Die Kids in den Vorstädten hatten Dylan entdeckt, desgleichen die Boulevardpresse. Er war jetzt ein Popstar.

Für den intimen, fast familiären Rahmen in Newport, wo die kleine Folk-Elite um Pete Seeger, Dave van Ronk, Alan Lomax und Joan Baez (deren Liebesbeziehung zu Dylan gerade zerbrochen war) das Sagen hatte, war er damit, so viel stand fest, zu groß geworden. Gezeigt hatte sich das schon am plötzlichen Starrummel bei Dylans Ankunft auf dem Festival. Und auch am enormen Erfolg seiner eine Woche zuvor veröffentlichten Single ›Like A Rolling Stone‹. Die Wirkung dieser sechs Minuten währenden sonischen Ungeheuerlichkeit auf die junge Jugendkultur war kaum zu überschätzen, man sprach über nichts anderes. Der Song wurde dann auch zu Dylans erstem Top-Ten-Hit.

Umso unverständlicher, dass man dem Songwriter für seinen Auftritt am finalen Festivalabend mal gerade eine Viertelstunde eingeräumt hatte, eingequetscht zwischen Cousin Emmy und den Sea Island Singers, zwei der traditionellsten Acts, die in diesem Jahr vor Ort waren. Bei einem Festival-Workshop am Tag zuvor hatte Dylan noch drei akustische Songs vorgetragen. Für seinen sonntäglichen Auftritt aber hatte er anderes vor. Schon am Samstagnachmittag hatte er dem Organisten Al Kooper erklärt, dass er „das nachspielen [wollte], was wir auf der LP gespielt haben“. Gemeint war die elektrische Seite von BRINGING IT ALL BACK HOME.