Black Country Kommunion – Gefangen im goldenen Käfig einer Supergroup

Renato NunesVor drei Jahren erst waren sie der große Paukenschlag der Rockwelt. Eine Supergroup aus Glenn Hughes, Joe Bonamassa, Jason Bonham und Derek Sherinian, die den englischen Rock der 1970er wieder auf die großen Bühnen dieser Welt bringt, sollte es werden. Nach ihren gefeierten Alben I und II haben die vier nun ihr neues Werk AFTERGLOW fertiggestellt.

Die Veröffentlichung eines neuen Albums ist in den meisten Fällen ein freudiger Anlass, bei dem es in einem Interview die üblichen Themen wie Songwriting, Albumproduktion und geplantes Touren zu besprechen gibt. Im Gespräch mit CLASSIC ROCK muss sich Glenn Hughes jedoch auch Unangenehmes vom enttäuschten Rockstar-Herzen reden
und lässt dabei wenig optimistische Töne anklingen.

Glenn Hughes, die Stimme des Rock, teilt sich seine Stelle bei Black Country Communion mit drei vielbeschäftigten Herren; allen voran Blues-Riese Joe Bonamassa, der seinen Termin-Kalender auch ohne BCC bis zum Bersten gefüllt hat. So war es allein an Hughes, Material für ein drittes Album zu schreiben, obwohl das Songwriting bei den früheren Werken I und II noch auf alle Bandmitglieder verteilt war. „Das hat sich jetzt geändert. Auf diesem Album sind es Hughes und Bonham. Warum das so ist? Weil die Band es so wollte. Sie wollten dass es Glenn Hughes‘ Musik ist. Sie haben mir mit dem Sound von Black Country vertraut. Das Black Country (Ballungsgebiet im Norden und Westen Birminghams; Anm.d.A.) hat einen ganz eigenen Sound, der von Robert Plant, John Bonham, Tony Iommi, Ozzy, Geezer, Rob Halford, Stevie Winwood und auch mir geprägt wurde. Falls ich morgen gehen müsste – keine Sorge, ich sterbe nicht und ich bin auch nicht krank – wäre AFTERGLOW der perfekte Schlussakkord. Wenn AFTERGLOW 1987 geschrieben worden wäre, hätten wir es wohl 15.000.000 Mal verkauft, denn es ist ein starkes Album.“

Die Band, die auf Hughes‘ Initiative gegründet wurde, entwickelte sich Jahr für Jahr immer mehr zu seiner ganz eigenen Sache. „Du kannst jeden aus der Band fragen und sie würden sagen, dass BCC meine Band ist. Ganz einfach weil ich drei Jahre lang 365 Tage mein Leben dieser Band gewidmet habe. Ich habe meine Solokarriere auf Eis gelegt und Joe wollte mich als Fahnenträger der Band“, so Hughes über die Bedeutung von BCC. Entsprechend intensiv ist auch seine Beziehung zu AFTERGLOW. „Ich liebe das Album, denn es ist dramatisch, gefühlvoll und ich glaube, ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Mein Freund Joe Elliott von Def Leppard hat es schon gehört und er meinte, es klingt als ginge es dabei um Leben und Tod für mich. Ich glaube, dieses Album klingt sehr verzweifelt; nicht aus finanziellen Gründen! Es ist voll von Angst, Aggression und Gefühlen“, schwärmt Hughes über sein ganz eigenes Black Country-Baby.

Grund zur Verzweiflung hatte Hughes genug. Während er sich vollkommen dem neuen Album gewidmet hat und dies noch immer tut, hat Bonamassa kaum Zeit für BCC, das für ihn mehr eine Art Nebenprojekt zu sein scheint. „AFTERGLOW zeigt, wie ich mich fühle und was in mir vorgeht. Es ist düster und aggressiv. Diese Stimmung ist auch das Resultat der Ereignisse in BCC. Das geht wirklich schon eine ganze Weile.“

Ob dieser schwerlichen Bedingungen musste AFTERGLOW in nur fünf Tagen gemeinsam mit dem inoffiziellen fünften Bandmitglied und Produzenten Kevin Shirley eingespielt werden. Anders als manche Bands, die in solch überhasteten Studioarbeiten ein erstrebenswertes Ziel sehen, war der Zeitdruck bei BCC unfreiwillig. „Ich muss ganz ehrlich sein. Ich werde hier nicht behaupten, dass es cool ist, ein Album in so kurzer Zeit aufzunehmen. Das ist es nämlich nicht. Es ist verfickt schwierig. Das Studio ist 100 Kilometer von meinem Haus entfernt und ich wollte jeden Tag nach Hause zu meiner Frau und meinen Hunden. Ich musste also immer durch den Verkehr hin und her fahren. Dazu mussten wir jeden Tag mindestens zwei Lieder aufnehmen und die Jungs hatten nicht einen einzigen Song gehört, bevor sie ins Studio kamen. Sie konnten gar nicht vorbereitet sein, weil ich das Album weitestgehend alleine geschrieben hatte. Wir saßen also im Regieraum mit unseren Akustikgitarren und ich spielte ihnen einen Song vor. Sie übten ihn und dann gingen wir in den Aufnahmeraum. So lief das Lied für Lied. Es war so stressig, dass ich nicht einmal Zeit hatte, um pinkeln zu gehen“, macht sich Hughes Luft. Um ein qualitativ hochwertiges Album, wie AFTERGLOW es ist, in so kurzer Zeit fertig zu stellen, bedarf es der ganz besonderen Arbeitsweise von Kevin Shirley. „Es ist kompliziert mit ihm zu arbeiten. Er steht mit der Band im Aufnahmeraum ohne Kopfhörer. Er hört nichts außer dem Schlagzeug und dirigiert uns. Das dauerte eine Weile, bis ich verstand, wie er das macht. Er ist sehr talentiert und zugleich eine sehr merkwürdige Person. Ohne ihn hätten wir es nie in fünf Tagen geschafft.“

Glenn Hughes ist anzumerken, wie viel Herzblut er in AFTERGLOW gesteckt hat und so bricht es nun vollends aus ihm heraus: „Es ist sehr traurig. Ich will das den Lesern von CLASSIC ROCK klar machen. Ich bin der Leader der Band, weil Joe es so wollte. Er ist ein sehr erfolgreich tourender Solokünstler und ich wünsche ihm ein langes erfolgreiches und glückliches Leben. Aber Joe gehört einfach dem Blues. Er hat mit einer Rockband geflirtet. Jetzt war er mit uns für eine kurze Zeit ein Rockstar, aber ich glaube, er fühlt sich als Blueser wohler. Ich will damit höflich sagen, dass ich Platten mit Leuten machen will, die bereit sind, einhundert Prozent ihrer Zeit zu diese Sache geben. ‚Wenn du das nicht kannst, dann muss ich mir etwas anderes suchen.‘ Ich kann ja niemanden dazu zwingen. Ich denke mir nur: ‚Komm schon, jetzt zeige doch bitte ein wenig Liebe für Black Country Communion!‘ Joe kann das nur auf den Alben. Ob es jemals eine Tour mit der Band geben wird? Ich weiß es nicht! Wäre das meine Entscheidung, wäre die Antwort zu einhundert Prozent: Ja!“

So spricht Hughes das wohl brisanteste Thema an, das über ein Fortbestehen von Black Country Communion entscheiden dürfte. Für das Bühnenmonster Hughes zählt in erster Linie, seine Lieder live zu spielen. Nur wenige Tage nach dem Interview wurde auch noch das einzige bislang einberaumte Konzert, das im Januar 2013 in Wolverhampton hätte stattfinden sollen, abgesagt. Angesichts dieser Neuigkeiten kommt Glenns Standpunkt beinahe einer offiziellen Auflösung der Band gleich: „Sollte BCC jemals auseinanderbrechen, wird das aus einem einzigen Grund passieren: Wenn wir nicht live spielen“, um seinen Standpunkt zu stärken, klatscht er zu jeder Silbe in die Hände.

Hughes ist sichtlich bemüht, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und nicht schuld an Missverständlichkeiten zu sein und versucht klarzustellen, dass es ihm nicht um Hetzerei geht. „Wie wäre es, wenn ich hier Lügen erzählen würde? Ich will nicht als Lügner vor den Fans stehen. Deshalb sage ich, dass ich auf Veränderungen hoffe. Das ist alles“, erklärt er diplomatisch.

Sollten die nötigen Veränderungen aber nicht eintreten ist für Hughes klar, dass es kein Black Country Communion ohne Joe Bonamassa geben wird. Ganz zum Überraschen von Hughes hat ausgerechnet dieser selbst, der zur Zeit sein Studioalbum DRIVING TOWARDS THE DAYLIGHT und die Live-CD/DVD BEACON THEATRE: LIVE FROM NEW YORK promotet, sowie eine ausgiebige Frühjahres-Tournee angekündigt hat, diese Möglichkeit ins Spiel gebracht. Im Internet hatte er öffentlich vorgeschlagen, einen Ersatz für ihn zu suchen, ohne davor persönlich mit seinem Bandleader darüber gesprochen zu haben. „Das hat mich wirklich entsetzt. Ich schrieb ihm eine Mail. Ich meinte: ‚Joe, ich habe nie daran gedacht, dich zu ersetzen. Ich habe nie daran gezweifelt, dass du in der Band sein willst. Ich habe eine Band mit dir gegründet und ich dachte, es wäre eine Band aus Brüdern‘“, klagt Hughes. Dass es ihm bei all den Querelen nicht ausschließlich um das Fortbestehen seiner Band, sondern auch um die Gesundheit und die Karriere seines „Bruders“ Joe geht, will Hughes geklärt wissen: „Heute Morgen erst habe ich Joe persönlich gewarnt: ‚Du wirst ausbrennen!‘ Jeder sagt ihm das gleiche, aber er und sein Manager Roy werden alles machen, was sie wollen, weil sie glauben, alles zu wissen. Ich sage da nichts Böses, aber ich will auch nichts beschönigen!“

Hughes ist, das Schicksal von Black Country aber auch sein eigenes betreffend, klarer Realist. Und so sieht er einer unangenehmen Wahrheit ins Auge. „Ich werde immer älter. Ja, es geht mir gut und ich sehe auch noch gut aus. Ich bin eine Rock‘n‘Roll-Sau und all das, aber der Punkt ist doch, dass ich keine 25 Jahre mehr habe so wie Joe. Ich habe auch andere Dinge zu tun. Ich habe Pläne“, verkündet er beinahe trotzig. Seit mehreren Monaten bereitet Glenn ein neues Projekt vor, das laut ihm 2013 zu einem aufregenden Jahr für den Rock werden lasse. Details möchte er jedoch noch nicht verraten. „Bis Weihnachten kann ich bekannt geben, mit wem ich zusammen arbeiten werde. Ich kann euch sagen, dass ihr diese Leute kennt. Das sind sehr berühmte Musiker und Grammy-Gewinner, die Millionen von Platten verkauft haben. Natürlich wird es eine Rock‘n‘Roll-Band sein“, orakelt er geheimnistierisch.

Eigentlich wäre mit dem optimistischen Blick auf eine Alternativ-Zukunft abseits von Black Country Communion ein guter Schlusspunkt für ein aufgewühltes Gespräch gefunden, aber Hughes, der sich zwischen Wut, Enttäuschung und Hoffnung zu befinden scheint, möchte auf Nummer sicher gehen: „Ich weiß auch nicht. Ich will doch, dass das weiter geht. Aber ich glaube man sieht und hört mir an, dass die Dinge verkehrt laufen. Ich stehe immer in der Schusslinie. Besonders im Internet bin ich der Böse, der angeblich gesagt hätte, es sei vorbei. Das habe ich nie getan. Unsere Fans sind keine Trottel. Jeder zur Hölle weiß, warum wir nicht spielen. Ein für allemal: Glenn hat nicht die Band ruiniert! Glenn hat alles dafür getan, um die Band zusammenzuhalten! Aber ich kann eben nicht in einer Band sein, die keine fucking Band ist!