Black Country Communion

Black country Communion 2011e @ Christie GoodwinZweiter Frühling

Das Leben von Glenn Hughes ist eine emotionale und auch körperliche Achterbahnfahrt. Auf die Höhenflüge der Siebziger folgte der freie Fall. Doch mit Black Country Communion, der Allstar-Gruppe mit Hughes, Gitarrist Joe Bonamassa, Drummer Jason Bonham und Keyboarder Derek Sherinian, geht es nun wieder steil bergauf. Neuer Energiespender für den Gipfelsturm ist dabei der Nachfolger zum letztjährigen Debüt, der den schlichten Titel „2“ trägt.

Glenn Hughes liebt feinen Zwirn. Sich man sich die ständig wechselnde Garderobe des britischen Rockstars an, so ahnt man, welche Massen an Hosen, Hemden, Anzügen, Shirts, Schuhen und Accessoires sich in seinem Kleiderschrank im kalifornischen Städtchen Rancho Palos Verdes befinden müssen. Shopping steht ganz oben auf seiner Prioritäten-liste, wenn er die Städte dieser Welt bereist. Dabei bevorzugt Hughes Geschäfte, die Mode mit jugendlichem Flair führen. Denn sein wichtigstes Look-Kriterium lautet: Lässt er mich jünger aussehen? Doch nichts von dem, was heute seine Gestalt ziert, erreicht nur ansatzweise das legendäre Outfit bei seinem wohl berühmtesten Auftritt auf dem Ontario Speedway in Los Angeles am 6. April 1974. Deep Purple präsentieren sich bei ihrer damaligen Show im Rahmen des „California Jam“ in bester Mark III-Besetzung und begeistern durch eine mitreißende Performance. Doch der Star des Abends ist nicht etwa Sänger David Coverdale, der im Jahr zuvor in einer englischen Boutique entdeckt und unter großem Medientamtam zum neuen Purple-Frontmann deklariert wurde. Star ist diesmal auch nicht Ritchie Blackmore, obwohl der exzentrische Gitarrist als Höhepunkt der Show seine Gitarrenanlage abfackelt. Nein, Star dieser Nacht ist Glenn Hughes: mit wallender Mähne, weißem Bass und schneeweißem Anzug und nacktem Oberkörper. Die Art, wie er sich bewegt, die Wucht seines Bass-Spiels, sein Gesang, sein Charisma: Hughes ist der personifizierte Sex, das perfekte Sinnbild für das, was Rockmusik in den Siebzigern bedeutet.

Das alles liegt über 37 Jahre zurück. Und doch: Es gibt einen direkten Bezug zwischen jenem „California Jam“-Auftritt und der neuen Scheibe von Black Country Communion. Hughes ist zum ersten Mal seit damals wieder Mitglied einer echten Supergroup. Er sagt: „Als Solokünstler stand ich viele Jahre auf Funk und Soul, aber diese Musikrichtungen sind nichts für riesige Bühnen, sie gehören in kleine, schwitzige Clubs. Mit Black Country Communion dagegen kehre ich jetzt in die Rock-Arenen zurück. Im Grunde genommen bin ich mit dieser Band wieder bei meinen Anfängen angekommen. Es ist wie damals im Jahr 1974, eine Heimkehr. Ich konnte mich innerlich gar nicht dagegen wehren, wieder in einer richtigen Rockband zu spielen – es musste einfach passieren. Das Erstaunlichste daran: Es fühlt sich an wie die natürlichste Sache der Welt.“

Hießen die Kollegen damals Blackmore, Coverdale, Jon Lord und Ian Paice, gehören zu Black Country Communion der US-Blues-Wundergitarrist Joe Bonamassa, Schlagzeuger Jason Bonham, Sohn des unvergessenen Led Zeppelin-Trommlers John Bonham und inzwischen selbst eine echte Persönlichkeit, sowie Derek Sherinian, der bei Dream Theater zu Ruhm gekommen und unter anderem mit Kiss oder Alice Cooper musiziert hat. „Ja, es ist in der Tat eine Allstar-Besetzung“, weiß Hughes, „aber keine in der Art wie damals bei Purple. Denn wir sprechen miteinander, buchen uns nicht in verschiedenen Hotels ein und lassen uns auch nicht in eigenen Limousinen durch die Gegend chauffieren.“ Der Seitenhieb auf Ritchie Blackmore ist unüberhörbar.

Dass es dennoch hinter den Kulissen zunächst mächtig schepperte, bevor aus der Idee Black Country Communion tatsächlich eine aktive Band werden konnte, hängt wohl tatsächlich mit dem juristischen Hickhack um die Na-mensrechte zusammen und nicht mit persönlichen Animositäten der Protagonisten. Das unterstreicht Hughes jedenfalls nachdrücklich: „Wir mögen uns, zocken gerne Playstation, lieben alle guten Kaffee und lachen über dieselben Witze. Jeder geht freundlich und respektvoll mit den anderen um. Derek ist mittlerweile auch Ehemann und Vater, Jason und ich wiederum teilen das Schicksal, schwere Alkoholiker gewesen zu sein. Das alles verbindet.“

In der Tat: Sowohl Bonham als auch Hughes rühren heutzutage keinen Tropfen an. Dass beide dennoch zu Suchtverhalten neigen, merkt man im täglichen Leben: Jason Bonham schüttet massenweise Cola in sich hinein. Während andere ihren Männerdurst auf der Bühne mit kohlensäurefreiem Wasser löschen, steht am Bonham-Drumkit immer eine ganze Batterie Cola-Flaschen, literweise abgepackt. Und Hughes? Der Adrenalinspiegel in seinem Körper ist auch weiterhin konstant hoch, zwar ohne Zuhilfenahme von Drogen oder Alkohol, jedoch unterstützt durch eine unbändige Willens- und Antriebskraft. Irgendwelche chemischen Hilfsmittel? Nun, zumindest sind keine bekannt.
Nachweisbar dagegen ist die Vorreiterrolle, die Hughes in dieser Band spielt. Das hängt natürlich auch mit den vielfältigen Beschäftigungen seiner Mitstreiter zusammen – vor allem Bonamassas Solokarriere brummt wie ein wildgewordener Bienenschwarm –, aber auch mit der unerbittlichen Konsequenz, die Hughes an den Tag legt. Als im September letzten Jahres unter vernehmbarem Blätterrauschen das Debütalbum BLACK COUNTRY COMMUNION erschien, hatte er in Gedanken schon den nächsten Schritt getan. Und als zu Weihnachten Bonamassa, Sherinian und Bonham bei Hughes anklopften, um mit ihm über die Ausrichtung und das Timing der zweiten Scheibe zu sprechen, war er es, der die Messlatte festlegte. „Es geht um Songs, Songs und immer wieder Songs“, sagt er, „sich auf den Lorbeeren auszuruhen, war noch nie mein Ding. Ich muss hundertprozentig hinter einem Album stehen können. Bewusst etwas Halbgares zu veröffentlichen, käme mir nie in den Sinn. Nach einer solch starken Scheibe wie unserem Debüt fragten wir uns also: ,Können wir es schaffen, einen weiteren Albumklassiker zu schreiben?‘“

Danach ging es Schlag auf Schlag. Hughes machte sich umgehend an die Arbeit. Er berichtet, wie er nächtelang an neuen Ideen feilte, Fragmente in seinem kleinen Studio im ersten Stock des Hauses aufnahm und wieder löschte, Arrangements austüftelte und wieder verwarf. „Meine Frau lag schon im Bett, als ich mit dem Komponieren begann. Ich hatte also Ruhe vor dem üblichen Alltags-Durcheinander – so konnte ich immer schon am besten arbeiten.“
Zehn der insgesamt zwölf Stücke stammen von ihm, ein weiterer (›The Battle For Hadrian’s Wall‹) kommt von Joe Bonamassa, der zwölfte Track (›Save Me‹) entstand im Studio – als Gemeinschaftsprojekt aller Bandmitglieder inklusive Produzent Kevin Shirley. Dies zeigt, dass bei Black Country Communion trotz Hughes’ Vormachtstellung ein gesundes Demokratieverständnis vorherrscht: „Jeder hatte bei allen Songs volles Mitspracherecht, sogar unser Produzent Kevin. Denn natürlich darf der Hauptkomponist aus seiner Führungsrolle keinen Anspruch auf Exklusivität ableiten – jede Stimme zählt gleich viel. Manchmal gewinnt man dabei, manchmal verliert man. So ist das eben. Aber ich konnte stets mit dem Endergebnis leben, und das ist mir wichtig.“ Als „Vater“ dieser Produktion bezeichnet sich Hughes allerdings nicht, er geht diplomatischer vor: „Sagen wir es mal so: Ich bin derjenige, der die Black Country Communion-Flagge trägt.“

Dass der Mann ein erstklassiger Songschreiber ist, wissen seine Fans, er hat es im Laufe der Jahrzehnte mehrfach bewiesen. In seinen Kompositionen mischen sich rhythmische Raffinesse mit famosen Melodien, Blues mit Rock, Tiefgang mit Struktur. Und sogar etwas Soul und Funk schimmern durch, vor allem im Hinblick auf seine Gesangspassagen. Hughes trägt jede Textzeile voller Inbrunst vor, wohl auch deshalb, weil sie (in Ausschnitten) tatsächlich über reale Ereignisse seines Lebens berichten. Und zwar vor allem die aus den harten Zeiten. „Die Achtziger waren eine dunkle Periode für mich, aber es gab auch schon früher schlimme Moment“, gesteht Hughes. Er gibt zu, dass er lange Zeit unter dem dramatischen Ende von Purple-Interims-Gitarrist Tommy Bolin gelitten hat. Dessen Drogentod im Dezember 1976 war ein Schock für ihn. „Ich schwöre bei Gott, dass ich keine Ahnung davon hatte“, sagt er noch heute. Vielleicht auch deshalb, weil er sich mehr für Bolins Freundin Karen Ulibarri interessierte (die er später heiratete, von der er sich aber Jahre später wieder scheiden ließ). Doch er behauptet: „Als es Tommy immer schlechter ging, bat er mich, auf Karen aufzupassen. Ich folgte seinem Wunsch. Ich denke, dass Karen und ich eigentlich nicht füreinander bestimmt waren, aber es passierte dann schließlich doch.“

Viele in ihrem Umfeld hatten die Tragödie kommen sehen, die Frage im Purple-Camp lautete eigentlich nur: Wen wird es letztendlich treffen – Bolin oder Hughes? Wie hatte David Coverdale auf dem Album COME TASTE THE BAND (1975) in der Nummer ›Dealer‹ seine Gruppenmitglieder öffentlich gewarnt: „If you fool around with the dealer, remember soon, you’ll have to pay, he’ll creep behind you like a hunter just to steal your soul away.“
Diese finsteren Jahre mit vielen Fehlern und voller Selbstzweifel hat sich Hughes auf dem neuen Black Country Communion-Album von der Seele schreiben wollen – und er konnte dies zudem mit einer minimalen Kurskorrektur verbinden. „Die einzige klitzekleine Schwäche unseres Debüts ist, dass einige Texte der rauen Gangart der Musik nicht vollends gerecht geworden sind. Manches war zu ‚bunt‘ formuliert“, findet er heute, gut acht Monate nach Veröffentlichung. „In den neuen Songs passt diese Mischung besser zusammen.“ Hughes spricht insbesondere vom Track ›Little Secret‹, der ge-nau die oben genannte Problematik aufgreift und die eigenen Verfehlungen thematisiert. Mehr als in dieser Nummer, so der Brite, könne man kaum über ihn und sein früheres Leben erfahren. Und auch sonst sei BLACK COUNTRY COMMUNION 2 in jeder Zeile absolut offen und ehrlich. Man glaubt es ihm, insbesondere angesichts der fabelhaften Gesangsleistungen, die authentischer kaum sein könnten.

Natürlich hofft Hughes nun insgeheim, dass zu den vielen Gold-Schallplatten, die er in seiner Purple-Ära bekommen hat, noch weitere dazukommen. Schließlich liebt er Auszeichnungen – nicht ohne Grund hat er extra einen Innenarchitekten damit beauftragt, das Innere seines Anwesens so zu gestalten, dass die Awards bestens zur Geltung kommen. Doch Black Country Communion haben tatsächlich das Potenzial dazu: Die Qualität der Songs stimmt, hinzu kommen ihr sagenhafter Ruf und die geradezu überbordenden Talente – daraus könnte sich richtig Kapital schlagen lassen. Ob es dann so viel wird, dass sich Hughes zum zweiten Mal in seinem Leben leisten kann, 50.000 US-Dollar dafür auszugeben, dass sein Rolls Royce das seltene L.A.-Kennzeichen „GH1“ bekommt, sei dahingestellt. Doch zum Glück sind auch jene Zeiten vorbei, in denen er – sturzbetrunken und bar jeglicher Selbstachtung – auf Aftershow-Partys versucht hat, ›Smoke On The Water‹ auf dem Klavier zu spielen. Eine neue Ära ist angebrochen, und Glenn Hughes will das Beste daraus zu machen. Und zwar mit wilder Entschlossenheit.

Matthias Mineur