Black Country Communion – Flaggenträger

In den 80er Jahren war Glenn Hughes ganz unten angekommen: Der einstige Deep Purple-Star betäubte sich mit Fusel und Drogen, vernachlässigte die Körperhygiene, ihm fielen sogar ein paar Zähne aus. Diese Zeiten sind zwar längst vorbei, doch seltsamerweise erinnert sich der Star von Black Country Communion gerne an sie zurück.

Black country Communion 2011a @ Christie GoodwinSicherlich darf man nicht alles, was Glenn Hughes in seinem ab-wechslungsreichen Leben öffentlich zum Besten gegeben hat, für bare Münze nehmen. Der exzentrische Brite, der mit Deep Purple seine größten Erfolge bereits im jungen Alter von 22 feierte, anschließend aber schmerzhaft auch die Tiefpunkte einer Musikerlaufbahn kennenlernen musste, gehört nicht eben zu den Leisetretern im Rock-Kosmos. Zumal ihm offensichtlich jedwede Selbstzweifel oder Schüchternheit fehlen. Sein unmissverständliches Credo: „Seht her, ich bin etwas Besonderes!“ Mitunter lag Hughes mit dieser Einschätzung mächtig daneben, blamierte sich bis auf die Knochen oder nervte Kollegen mit seinem permanenten Star-Gehabe. Doch mit seiner neuen Allstar-Truppe Black Country Communion ist der Bassist momentan tatsächlich zum zweiten Mal in seiner Kar-riere bigger than life.

Die Presse ist von BCC restlos begeistert, und die Fans liegen Hughes mehr denn je zu Füßen. Er weiß das: „Die Leute nennen mich ‚The Voice Of Rock‘, was wirklich sehr süß ist. Also sollte ich dementsprechend rocken“, erläutert Hughes die stilistische Ausrichtung seiner sensationellen Gruppe, die Ende Oktober mit LIVE OVER EUROPE eine Konzert-DVD ihrer 2011er-Tournee veröffentlicht hat. Im Rückblick auf seine Phase als Soul- und Funk-Musiker erklärt er: „Ich bin nicht schwarz, sondern weiß, es hat lange gedauert, bis ich das herausgefunden hatte. Es ist so: Ich war mal bei Deep Purple, und die Leute lieben diese Stimme, die Glenn-Stimme (singt die Zeile „All I Here“ von ›Burn‹). Also gut Leute, ich bin zurück!“

Nur wenige seiner Fans trauern den Solozeiten des 60-Jährigen nach, die überwiegende Mehrheit freut sich über seine neue Band, die nicht nur namentlich (Joe Bonamassa an der Gitarre, Jason Bonham am Schlag-zeug sowie Derek Sherinian an den Keyboards) für Aufsehen sorgt, sondern musikalisch die großen Vorschusslorbeeren mehr als nur bestätigt. Man könnte auch sagen: Black Country Communion sind die zurzeit heißeste Rockband der Welt! Glenn Hughes jedenfalls würde diesen Satz sofort unterschreiben.

Endgültig in die Vergangenheit gehören seiner Einschätzung nach die Jahre, in denen er mit Rock’n’Roll, Ruhm und Reichtum nicht umgehen konnte. „Mitunter sehe ich alte Fotos oder Filmaufnahmen von mir aus den 80ern, als ich fett war, unrasiert, ungepflegt, als mir Zähne fehlten“, erinnert er sich voller Scham. „Ich schaue diese Bilder gerne an, denn ich weiß, dass ich solche Aufnahmen brauche. Ich brauche Geschichten wie: ‚Glenn, weißt du noch, als du mich zuhause besucht hast und meinen Hund ficken wolltest?‘ Ich muss solche Geschichten unbedingt hören, denn sie zeigen mir, dass ich mittlerweile ein anderer Mensch geworden bin. Ich lebe nicht mehr in der damaligen Zeit, sondern ich lebe im Hier und Jetzt.“

Tatsächlich wirkt der Mann rundum vital. Kein einziges Gramm Übergewicht schleppt er mit sich herum, Blick und Habitus sind klar, Hughes sieht in Anbetracht seines jahrelangen Suff-und-Drogen-Lebens erstaunlich gesund aus. Kein Zweifel: Black Country Communion sind unübersehbar sein Jungbrunnen. Er fühle sich wohl wie lange nicht mehr, bestätigt Hughes diesen Eindruck, sein Elan während der für LIVE OVER EUROPE mitgeschnittenen Konzerte sei schier grenzenlos gewesen: „Es ist für mich ein Traum, weil es unser Plan war, mit dem zweiten Album zu touren. Wir wollten es gleich richtig machen und nicht nur zweiter Gast sein. Es sollte eine vollständige Tournee sein, um die Marke zu etablieren. Wir sind eine Band – nicht nur ein Projekt – von vier Jungs, die zusammenkommen und dann wieder auseinandergehen. Wir wollen uns als Rock’n’Roll-Band durchsetzen, als eine organische Live-Band. Es gibt keinen Magier hinter einem Vorhang – was man bei Black Country Communion hört, sind echte Sounds, so wie man es kennt.“ Und dann wird Glenn Hughes, der in seinem Leben bereits so ziemlich alles erlebt hat, neben dem üblichen Pathos sogar fast ein wenig sentimental: „Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, genau die Musik zu machen, die meine Fans von mir erwarten. Deswegen rammen Black Country Communion auf dieser Tour die Flagge tief in den Boden und sagen: ‚Hier sind wir – und wir legen das Fundament für alle Rockfans!‘“