Black Country Communion – Die Zangengeburt

Black Country Communion 2010 @ Robert Knight 3Der Start hätte durchaus problemloser ausfallen können: Ein Streit um die Namensrechte sowie Unstimmigkeiten zwischen den Musikern haben das Projekt von Glenn Hughes, Joe Bonamassa, Jason Bonham und Derek Sherinian anfangs stark belastet. Manch einer befürchtete, und das nicht zu Unrecht, dass das Debütalbum vielleicht nie in die Läden kommen würde. Doch einige reinigende Verbalgewitter und Rechtsanwaltbesuche später ist es nun soweit: Black Country Communion bringen am 17. September ihr erstes Werk auf den Markt.

Aller Anfang ist schwer – das gilt für Supergroups ganz besonders. Denn wenn renommierte Rocker wie Glenn Hughes, Joe Bonamassa, Jason Bonham und Derek Sherinian ein gemeinsames Projekt ankündigen, dann schlägt das natürlich Wellen in der Szene. Und: Der Druck auf die Beteiligten steigt. Joe Bonamassa, einer der Protagonisten von Black Country Communion, versucht auf seine ganz eigene Art und Weise, damit klarzukommen: „Natürlich haben die Menschen hohe Erwartungen, wenn sich vier etablierte Musiker zusammentun. Aber wenn ich von mir ausgehe, dann kann ich nur sagen: Es ist mir egal, wer in der Band spielt, für mich zählt die Qualität der Songs. Und wenn die nicht stimmt, hilft auch alles andere nichts!“

Ziemlich bodenständige Einstellung, insbesondere für jemanden, der momentan zu den angesagtesten jungen Bluesrock-Talenten zählt. Im Grunde könnte er sich denken, dass das alles keine Rolle spielt. Die Leute greifen schon zu, wenn sie die vier Namen auf dem CD-Sticker sehen. Doch das ist Bonamassa zu wenig, geht ihm gegen den Strich. Er will mehr: „Ich möchte ein herausragendes Album mit Black Country Communion machen“, betont er. „Alles andere wäre nur Verarsche. Wir wollen uns doch nicht wie Pferde vor einen Promokarren spannen lassen.“
Der Gitarrist glaubt an das Potenzial der Band, wie er schon im Interview in CLASSIC ROCK #1 betont hat. Die Songs stehen für ihn im Mittelpunkt, und die sind nach Bonamassas Auffassung „sehr, sehr gut“ geworden.

Der Bluesrocker beweist damit nicht nur, dass er mit Herz und Leidenschaft bei der Sache ist, sondern erweist auch seinen Kollegen Respekt. Sänger Glenn Hughes kennt er seit drei Jahren – und spätestens seit einem gemeinsamen Jam im House Of Blues-Club im letzten November schwärmen sie gegenseitig vom jeweiligen Genius des anderen. Bei besagter Show ist nicht nur deutlich geworden, dass die beiden auch musikalisch harmonieren, sondern zugleich auch den Grundstein für die Entstehung von Black Country Communion legten. Produzent Kevin Shirley, der ebenfalls vor Ort war, schlug damals schon vor, dass die beiden ein gemeinsames Projekt starten sollten. Und zwar am besten mit Jason Bonham und Derek Sherinian. So einfach kann es manchmal sein – zumindest am Anfang.

Hughes jedenfalls war sofort begeistert von der Idee und wollte direkt loslegen. Die besondere Konstellation der Band hatte es ihm angetan, denn insbesondere mit Jason Bonham verbindet ihn eine langjährige Freundschaft, die bis in Bonhams früheste Kindheit zurückreicht. „Ich kannte Jasons Vater John sehr gut, denn er kam oft vorbei, um mit meiner damaligen Band Trapeze zu jammen“, erinnert sich Hughes, der später bei Deep Purple einstieg. „Eines Tages besuchte ich Bonham zu Hause. Als ich reinkam, saß John gerade mit dem damals vierjährigen Jason vor dem Drumkit und brachte ihm einige Tricks bei. Und jetzt spielt er gemeinsam mit mir in einer Band. Für mich ist das eine Ehre – denn es gibt nicht viele Menschen, die schon mit beiden Bonhams zusammengespielt haben. Auch mit Derek verbindet mich eine langjährige Beziehung. Ich kenne ihn seit über 20 Jahren. Er ist wirklich ein grandioser Keyboarder!“

Die Rahmenbedingungen könnten also perfekter nicht sein. Alle Beteiligten verstehen sind und schätzen einander, ein Produzent steht auch schon bereit. Könnte also sofort losgehen. Doch dann tauchen die ersten Probleme auf. Der Wunsch-name für das Projekt ist schon vergeben – eine Band namens Black Country meldet ihre Rechte an, als sie erfährt, dass sich Hughes, Bonamassa, Bonham und Sherinian so nennen wollen. Um einen langwierigen und teuren Prozess zu vermeiden, einigen sich die Parteien. Aus Black Country werden Black Country Communion.

Doch damit nicht genug. Parallel zum Hickhack über den Projektnamen meldet sich Kevin Shirley via Facebook zu Wort. Er schäumt vor Wut – und wirft den Musikern und deren Managern Habgier und Geltungssucht vor, lediglich Joe Bonamassa spart er in seiner Tirade aus. Hintergrund der Attacke: Wie so häufig bei Supergroups wollen alle Beteiligten (und insbesondere die dahinterstehenden Geschäftspartner) ein großes Stück vom Riff-Kuchen abhaben. Ein Hauen und Stechen setzt ein, das Shirley zur Weiß-glut treibt. „Die Sache wird wohl nicht wieder ins Reine kommen“, sagt er den Kollegen vom britischen CLASSIC ROCK-Magazin. „Es ist wirklich eine Schande, denn die Songs sind viel zu gut, um einfach so auf einer Festplatte zu versauern. Doch die Idee, die dahinterstand, ist in dieser Form einfach nicht umzusetzen. Black Country Communion sollten von den unterschiedlichen Talenten der beteiligten Musiker leben, Einflüsse von Deep Purple und Led Zeppelin in sich vereinen und das Ganze auf ein neues, anderes Niveau hieven. Doch der Teamgeist und die Kameradschaft, die im Studio noch zu spüren war, ist nun vollständig verschwunden. Die Gier hat sie vernichtet.“

So emotional und sicherlich auch etwas naiv diese öffentliche Wortmeldung von Kevin Shirley auch war – sie hat tatsächlich dazu geführt, dass die vier Musiker ihre Haltung neu überdenken wollten. Endlich brachten sie alle Probleme auf den Tisch – und arbeiteten gemeinsam an einer Lösung. Ein Silberstreif am Horizont.

„Nun, Kevins Posting hat uns dabei geholfen, die Dinge wieder etwas objektiver zu betrachten. Jedem von uns war klar, dass nun etwas passieren musste. Also schnappten wir uns ein Telefon, riefen uns gegenseitig an und besprachen die nächsten Schritte. Jeder durfte seine Bedenken klar und deutlich äußern, und das war wichtig“, sagt Bonamassa rückblickend. „Manche Dinge ließen sich relativ schnell aus der Welt schaffen, bei anderen dauerte es eine Weile. Jeder von uns steht beispielsweise bei einem anderen Management, Label oder Tourveranstalter unter Vertrag. Die Leute dort haben natürlich Angst, dass ihnen Black Country Communion in der Quere kommen, wenn sich Konzerte oder Veröffentlichungstermine überschneiden. Daher mussten wir eine Weile hin- und herüberlegen und etliche Zugeständnisse machen, doch am Ende ist alles gut ausgegangen. Jeder ist zufrieden. Das Wichtigste an der ganzen Geschichte war für mich die Erkenntnis, dass die Freundschaft zwischen Glenn, Jason, Derek und mir an erster Stelle stehen muss – danach erst kommt alles andere!“

Das sieht auch Glenn Hughes so, mit dem Shirley alles andere als zimperlich umgesprungen ist. Doch der 59-Jährige, der seit über vier Jahrzehnten im Rock-Geschäft vorne mitspielt, gibt sich inzwischen geläutert. Er weiß, dass Fehler passieren – und speziell im Musikbusiness sind die Geier selten weit. Obwohl er sich der Tatsache bewusst ist, dass es – zumindest auf Dauer – nicht einfach sein wird, das Projekt Black Country Communion als konstant tourende Band am Laufen zu halten, freut er sich darüber, dass zumin-dest für die ersten Schritte eine Lösung gefunden werden konnte. „Es gab heftige Geburtswehen, um es vorsichtig zu formulieren“, setzt Hughes an. „Das will ich auch gar nicht bestreiten. Aber im Grunde ist das gar nicht mal so schlecht. Rock’n’Roll ist nicht schön. Die Musik packt man nicht einfach in eine schicke gelbe Box, bindet ein Schleife drumherum und bringt sie zum Nachmittagstee mit. Rock’n’Roll muss immer unberechenbar und schmutzig sein. Anfangs ist bei Black Country Communion ein bisschen dreckige Wäsche gewaschen worden – und wenn schon…

Das gehört jetzt der Vergangenheit an! Ich zumindest freue mich auf die neuen Herausforderung. Seit Jahren war ich kein Teil einer Band mehr. Jetzt kann ich mich wieder voll ausleben. Und das ohne den ganzen Kram von früher, die Drogen, den Alkohol und all das Zeug. Die Leute fragen mich immer, wieso ich glaube, dass ich heute besser singe als mit 25. Die Antwort ist ganz simpel: Weil ich nicht auf Crack bin. Und weil es Gott gut mit mir gemeint hat, indem er dafür sorgte, dass ich meine Stimme trotz der höllischen Drogenphasen nicht ruiniert habe. Jetzt kann ich wieder mit einer Band rocken, und zwar auf großen Bühnen und in einem angemessenen Rahmen. Das ist großartig!“

Eine erste Kostprobe ihres Könnens haben Black Country Communion bereits abgeliefert. Im März, während Bonamassas US-Tourstopp im kalifornischen Riverside, gab der frisch formierte Vierer sein Live-Debüt. Joe Bonamassa verzichtete dafür auf seinen Solo-Zugabenblock und holte seine drei Kollegen zu sich auf die Bühne. Dort spielten sie das Cover ›Mistreated‹ sowie die erste, von den Fans bejubelte Eigenkomposition ›One Last Soul‹.

Mitte September bekommt die Welt nun das komplette Album zu hören – mehr zu den einzelnen Songs ist im Rezensionsteil dieser CLASSIC ROCK-Ausgabe nachzulesen. Glenn Hughes selbst beschreibt die Scheibe als „traditionelles Rockalbum, das aber durchaus den Maßstäben der heutigen Zeit gerecht wird. Und, das ist mir ganz wichtig, wir sprechen hier über Rock. Von Trendanbiederung ist hier also weit und breit nichts zu hören. Wir wollten lediglich das ausdrücken, was wir selbst fühlen – und es sollte so klingen, dass wir diese Atmosphäre auch live wiedergeben können. Das ist uns definitiv gelungen.“

Bleibt nur die Frage, ob der Supergroup-Stempel für Black Country Communion nun auf lange Sicht eher Fluch oder Segen sein wird. In Sachen Starthilfe ist er natürlich un-schlagbar, doch die Aktion könnte auch einige Rückstöße zur Folge haben. Ein nicht ganz unberechtigter Einwand, mit dem sich auch Joe Bonamassa schon beschäftigt hat: „Ich hoffe, dass wir mit Black Country Communion Menschen erreichen, die sich für die Songs interessieren, nicht nur für die Musiker, die dahinter stehen.“ Das sieht auch Glenn Hughes ähnlich. Er wäre sogar gerne bereit, die Stücke für sich allein sprechen zu lassen. Das Etikett „Supergroup“ haben Black Country Communion seiner Ansicht nach gar nicht nötig. „Es gibt immer Vor- und Nachteile, wenn man mit diesen Vorschusslorbeeren ins Rennen geht. Das hat man bei Chickenfoot und Them Crooked Vultures deutlich gesehen“, so der Sänger. „Aber um es in aller Deutlichkeit zu sagen – es waren nicht wir, die sich das Wort ,Supergroup‘ ausgedacht haben. Mir wäre es auch lieber, wenn uns die Leute als ,die neue Band‘ oder eben Black Country Communion bezeichnen würden. Aber es ist nun einmal so, dass die Menschen den Schlagzeilen und den großen Namen hinterherhecheln und ihnen mehr Bedeutung zumessen, daher werden solche Begriffe erfunden. Und die können für einen Act gut und schlecht zugleich sein.“

Doch egal was die Zukunft für Black Country Communion bereit hält – jetzt ist für die Musiker erst einmal die Zeit gekommen, die ersten Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Sie bewerben die Platte – und freuen sich auch jetzt noch über die großartige Zeit, die sie gemeinsam im Studio verbracht haben. „Wir haben hart gearbeitet, darauf kann jeder von uns wirklich stolz sein“, betont Bonamassa. „Daher hätte es mich wirklich traurig gemacht, wenn dieses Album wegen der Streitigkeiten nie erschienen wäre. Manche Momente während der Aufnahmen waren einfach magisch. Ich konnte oft kaum glauben, wie sich Jason und Glenn gegenseitig angestachelt haben. Und dann kam auch noch Derek dazu, und das Ganze verband sich zu einem unglaublich dichten, intensiven Soundgewebe. Anfangs hat es zwar noch ein wenig im Getriebe geknirscht, doch als alles geölt war, lief der Motor auf Hochtouren – und zwar mit einer Kraft, die sich gewaschen hatte!“