Billy Idol im Interview: Der letzte Rebell

Eigentlich ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt, geschweige denn Musik macht. Was sich Billy Idol in den 80ern und frühen 90ern an Drogen aller Couleur einverleibt hat, ist geradezu unmenschlich. Doch der gebürtige Brite hat es nicht nur überlebt, sondern auch sehr amüsant dokumentiert – in seiner Autobiografie DANCING WITH MYSELF und auf seinem neuen Album KINGS & QUEENS OF THE UNDERGROUND, mit dem er ein Comeback nach neunjähriger Plattenpause feiert. CLASSIC ROCK hat ihn in Berlin getroffen und festgestellt: Der Mann ist noch genau wie früher. Eben der letzte Rebell.

Was sich auch optisch niederschlägt. Denn William Michael Albert Broad trägt noch dieselbe kurze, wild abstehende Platinumhaarpracht wie auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Dazu schwere Lederjacke, Vivienne-Westwood-Hemd, schwarze Jeans und Creepers – also genauso wie in den goldenen 80ern, als er mit REBEL YELL, WHIPLASH SMILE und CHARMED LIFE einen Bestseller nach dem anderen landete, der Frauenschwarm schlechthin war und den Status eines internationalen Superstars genoss. Nur, dass die Gesichtsfurchen inzwischen etwas tiefer sind, die phosphorisierten Hollywood-Zähne wohl auch im Dunkeln leuchten und er lieber ein stilles Wasser schlürft als ein frisch gezapftes Bier. Doch schließlich ist er ja auch schon 58 und hat – wie er süffisant erzählt – wirklich nichts, aber auch gar nichts ausgelassen. Womit er zu verstehen geben will, dass er das berühmte Lemmy-Gen besitzt, eigentlich längst unter der Erde liegen statt im vornehmen Ritz Carlton am Potsdamer Platz sitzen müsste, und er mehr als berechtigt ist, seine Lebensgeschichte in Wort und Musik zu fassen. Denn genau darum geht es bei der Kombination aus Buch und Tonträger, die im November Gegenstand einer ausführlichen Deutschland-Tour ist. Aber eins nach dem anderen…

Billy, wenn man sich die autobiografischen Texte auf KINGS & QUEENS OF THE UNDERGROUND vor Augen führt, hat man das Gefühl, das Album wäre nichts anderes als dein Leben, verpackt in Songs. Wie therapeutisch ist das Ganze? Und was hast du dabei über dich selbst erfahren?
Es ist schon so, dass mir erst beim Verfassen, also beim gezielten darüber Nachdenken, bewusst geworden ist, was für einen unglaublichen Mist ich über die Jahre verzapft habe. Ich meine, ich habe zum Beispiel erst jetzt erkant, wie übel mein Drogenproblem wirklich war – und wie halbherzig meine Versuche, davon loszukommen. Denn mit Drogen zu experimentieren ist ein Riesenspaß. Das Ding ist nur, dass diese sogenannte Hochzeitsreisensphase, in der alles toll ist, nicht lange anhält. Sondern irgendwann sorgen sie halt dafür, dass du tot oder verrückt bist bzw. im Knast landest. Und ich empfinde nichts davon als sonderlich aufregend.

Was dich nicht daran gehindert hat, bis Mitte der 90er weiterzumachen…
Ich liebe es, für die Musik zu leben. Und dieser ganze Rock’n’Roll-Lifestyle, mit allem, was dazu gehört, war einfach nur ein Mittel, um der Musik näher zu kommen – um sie so hinzukriegen, wie sie sein sollte. Denn Drogen können dir auch dabei helfen, deinen Horizont zu erweitern oder dich besser zu konzentrieren. Ich bin zum Beispiel ein bisschen AAD – ich leider unter einem Aufmerksamkeitsdefizit. Und das ist eine Krankheit, die es in meiner Kindheit noch gar nicht gab. Aber ich bin mir sicher, wenn man sie damals als solche erkannt hätte, dann hätte man es wie heute gemacht – man hätte mir jede Menge rezeptpflichtige Drogen verschrieben. Insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass ich früher – vielleicht sogar unbewusst – Drogen genommen habe, um mich besser konzentrieren zu können. Natürlich ist das nicht der Sinn der Sache, aber ich hatte eine Menge Spaß dabei und würde nie behaupten, dass ich das nicht getan hätte. Gleichzeitig musste ich Anfang der 90er aber doch etwas kürzer treten. Denn ich hatte Kinder, die einen Vater brauchten, und das hat definitiv für ein Umdenken gesorgt. Als ich dann das Buch geschrieben habe, wurde mir klar, dass ich mich da wirklich etwas zusammengerissen und auch verändert habe. Ich meine, ich war sogar fünf Tage in der Rehaklinik, was ich gehasst habe. Im Ernst: Diese AA-Sitzungen waren gruselig. Nur: Ich musste wieder die Kontrolle über mich erlangen, das war mein Ziel. Ich wollte nicht zum Opfer meines zügellosen Appetits werden.

Bedauerst du denn irgendetwas? Wünschst du dir, du hättest schon früher auf die Bremse getreten?
Ich bedauere gar nichts. Es ist nur so, dass ich mittlerweile erkenne, was da alles schief gelaufen ist. Eben dass die Drogen gerade in den 90ern dafür gesorgt haben, dass ich kaum noch Musik zustande gebracht habe und dass alles ein bisschen langsamer wurde. Denn es hat wirklich lange gedauert, bis ich mich von ihnen befreien konnte. Gleichzeitig – und das ist eine Tatsache – kommt man aber nie völlig davon los. Im Sinne von: Ich werde immer ein Junkie, ein Alkoholiker und ein Sex-Süchtiger sein. Gib mir eine Linie, ein Bier und du da, komm gefälligst her und gib mir einen Blowjob. (lacht)

Das klingt nicht wirklich geläutert.
Warum auch? Ich hatte eine fantastische Zeit, und für mich stand sie für vollkommene Freiheit – während ich gleichzeitig nicht gemerkt habe, welche Fesseln ich mir selbst ans Bein binde. Es ist also ein zweischneidiges Schwert. Und du musst dir klar sein, worauf du dich da einlässt. Nämlich dass es durchaus passieren kann, dass du ein schlimmes Ende nimmst. Ich kenne etliche Leute, die zwar leben, die aber doch nicht mehr wirklich im Hier und Jetzt sind. Einfach, weil sie zu viel Gas gegeben haben. Und ich möchte nicht dasselbe Schicksal erleiden – selbst, wenn ich zum Beispiel immer noch Pot rauche und das eine oder andere Glas trinke. Der Unterschied zu früher ist, dass ich mich damals während dieses Interviews komplett hätte vollaufen lassen.

Aber du hattest auch Momente, in denen dein Körper nicht mehr mitgespielt hat, in denen er quasi den Dienst verweigert hat…
Ja, und das habe ich auch erkannt. Einfach, weil diese Weckrufe gar nicht zu ignorieren waren. Und damit meine ich nicht nur den Motorradunfall von 1990, der sicherlich der größte und schmerzhafteste war, sondern da waren noch mehr. Aber erst als ich 1994 eine Überdosis genommen habe, musste ich quasi reagieren. Nach dem Motto: Was willst du – Gesundheit oder Tod?

Das war eine Überdosis GHB, eigentlich Steroide für Bodybuilder…
Und der Witz war, dass es ganz legal in Fachgeschäften für gesunde Ernährung, in sogenannten Health-Food-Stores, erhältlich war. (lacht) Insofern haben es damals viele Leute genommen, und es sorgte dafür, dass man problemlos drei Tage am Stück durchmachen konnte, was toll war. Ein Riesenspaß. Das Problem war nur, dass man nicht zu viel nehmen durfte, weil man sonst in ein Koma fiel und jeder dachte, du wärest tot oder würdest sterben. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in irgendwelchen verfluchten Krankenhäusern aufgewacht bin, aber es war der Horror, die Augen zu öffnen, diese hässlichen Decken anzustarren und zu erkennen: „Nicht schon wieder!“ Das ist mir so oft passiert, dass es irgendwann nur noch peinlich war. Also gerade gegenüber meinen Kids.

Und es muss ein teurer Spaß gewesen sein – genau wie die zweijährigen Sessions zu CHARMED LIFE, die eine einzige Orgie gewesen sein sollen. Weißt du, wie viel die Produk­tion gekostet hat?
Es muss ein Vermögen gewesen sein. Weshalb ich es eigentlich gar nicht wissen möchte. Es war bestimmt eine Wahnsinnssumme. Wobei es aber auch so ist: Es war ein gutes Album, das sich hervorragend verkauft und sich somit selbst finanziert hat. Nur: Wahrscheinlich hätten wir es auch wesentlich günstiger aufnehmen und dabei genauso viel Spaß haben können. Doch das war damals halt so üblich, und CHARMED LIFE war ein Party-Album, das bei einer einzigen großen Party entstanden ist. (lacht)

Vermisst du das in der heutigen Rockmusik?
Ja, was ist mit der heutigen Jugend los? Hat die verlernt, Spaß zu haben? Also wenn ich noch einmal jung wäre, ich würde mich wahrscheinlich umbringen, bei dem ganzen Zeug, das es heute so gibt. Aber – und das ist wichtig: Wir haben damals auch etwas geschaffen, dass hervorstach und das immer noch relevant ist. Einfach, weil wir uns entsprechende Mühe gegeben haben, und weil Keith Forsey ein so guter Produzent war, dass er sichergestellt hat, dass die Platten auch heute noch geil klingen. Das war uns wichtig, darauf haben wir eine Menge Energie und Zeit verwendet, und das ist es ja auch, worum es beim Punkrock ging – nämlich etwas zu machen, das bleibenden Einfluss auf die Gesellschaft hat und die Kultur verändert.

Ist das der Grund für den nostalgischen Albumtitel – für KINGS & QUEENS OF THE UNDERGROUND? Handelt es sich dabei um eine Hommage an eine bessere, eine rebellische Zeit, als Musik noch eine gesellschaftliche Relevanz besaß?
Nun, es ist meine Geschichte – und die von vielen Leuten aus dieser Zeit, die nicht mehr bei uns sind, aber deren Attitüde, deren Idealismus und deren Musik wirklich etwas bewegt hat. Eben, weil sie sich gekümmert haben. Und weil sie – genau wie ich – dem Rock’n’Roll einen kräftigen Tritt in den Hintern verpassen wollten. Wir sagten: Es ist Zeit für etwas Neues, für Veränderungen, dafür, das gesamte System neu zu starten.

Wobei dir The Clash mit ihrer „no Elvis, no Beatles, no Rolling ­Stones“-Parole aber eindeutig zu weit gingen.
Ich fand es wichtig, dass wir gesagt haben, dass es höchste Zeit für Veränderungen war. Und mit diesem Statement haben sich The Clash abgegrenzt und einen klaren Standpunkt bezogen. Was ich mit Generation X auch getan habe. Aber wenn Tony James und ich ehrlich waren, mussten wir zugeben, dass wir sehr wohl mit diesen Gruppen aufgewachsen waren. Und Elvis war anfangs einfach großartig, genau wie die Beatles und die Stones. Sie alle standen für Anarchie und Rebellion – für das, was auch wir wollten. Und sie waren genauso leidenschaftlich und engagiert wie wir. Nur 1977 hatten sie halt all das verloren, was wir an ihnen toll fanden. Weshalb wir etwas Neues brauchten, etwas mit frischer Energie. Und das war Punk. Gleichzeitig habe ich aber auch nie vergessen, dass ich mit sechs Jahren eine Beatles-Single gekauft hatte, nämlich ›She Loves You‹. Ein toller Song. Für mich war Punk nur eine neue Version davon.

Die du gelebt hast – schließlich warst du Mitglied von Chelsea und Generation X bzw. gehörtest zum Bromley Contingent, zum inneren Zirkel der Sex Pistols…
Das war mein Leben, ja. Ich war von Anfang an dabei.

Fortsetzung auf Seite 2