Bill Wyman: Bill, der Digger

bill wyman 2015Ob auf der Suche nach antiken Gegenständen, Blues-Klassikern oder alten eigenen Songs: Ex-Stones-Bassist Bill Wyman gräbt gerne Dinge aus. Das Resultat seiner Forschungsarbeit in eigener Sache: BACK TO BASICS, seine erste Soloplatte seit 23 Jahren.

Die Vergangenheit ist nicht immer gnädig gestimmt. Wenn Bill Wyman an seine Soloplatten aus den späten 70ern und frühen 80ern zurückdenkt, bekommt er heute schon mal Kopfschmerzen. „Da waren ein paar Sachen drauf, dich ich mir besser hätte verkneifen sollen“, sagt er und lacht. Der Song ›Jump Up‹ vom 82er-Album BILL WYMAN zum Beispiel. „Eine Art Reggae-Partysong, von dem die Plattenfirma meinte, er käme in den Staaten gut an. Ich hätte da besser auf mein Bauchgefühl hören sollen.“ Und auch die Hochheiligen Rolling Stones, bei denen Wyman von 1962 bis zu seinem Austritt 1993 Bassist war, hätten ein paar Nummern aufgenommen, die er lieber nicht zu Gehör gebracht hätte. Zum Beispiel? „›Let’s Spend The Night Together‹“. Das kommt überraschend. Bill Wyman schnauft am Telefon kurz durch, dann sagt er: „Das war mit immer zu zappelig. Aber letztlich spielen diese Jugendsünden keine Rolle mehr. Die Gesamtbilanz der Rolling Stones ist ja ganz ordentlich, würde ich sagen.“

Nein, ein Prahlhans ist dieser Bill Wyman heute nicht mehr. Einer der größten Rockstars der 60er, 70er und 80er Jahre klingt heute wie ein Schuldirektor kurz vor der Pension: besonnen, abgeklärt, freundlich. Im Vorfeld zu den Interviews gab es nur eine Bitte: nichts Privates. Die Sache mit der viel zu jungen Mandy Smith, mit der er in den 80ern zusammen war und die er später heiratete, hängt ihm noch immer nach. Und es ist ja auch zu grotesk, dass sein Sohn Stephen später – Wyman und Mandy waren da schon geschieden – Mandys Mutter heiratete, sodass Bill Wyman nicht nur der Schwiegervater seiner Ex-Schwiegermutter wurde, sondern der Opa seiner eigenen Ex. Wer will schon freiwillig über solche familiären Kapriolen reden?

Also lieber zu BACK TO BASICS, seiner ersten Soloplatte nach 23 Jahren, die schließlich der Anlass des Gesprächs ist. Das Album ist eine Sammlung alter und neuer Songs, die meisten solide Rock’n’Blues-Stücke, professionell gespielt und arrangiert. „Ausgangspunkt waren einige Ausgrabungen, die ich gemacht habe“, erklärt Wyman. Der 78-Jährige hatte unlängst ein paar verstaubte Tapes gefunden, die der digitalisierte und dann noch einmal hörte. „Es waren ein paar Songs dabei, die ich wirklich mochte. Ich dachte mir: Noch ein einige neue Lieder – und ich habe ein Album zusammen.“ Der Titel ist natürlich programmatisch zu verstehen: BACK TO BASICS, Musik, gespielt von Gitarre, Bass, Schlagzeug. „Hier und dort ein paar Bläser und Backing Vocals, mehr wollte ich nicht. Auf dieses ganze moderne Studio-Bohei kann ich gut verzichten.“ Ziel war es, eine Platte aufzunehmen, die an früher erinnert, ohne zu nostalgisch zu klingen. „Ich bin nämlich auch kein Freund von Bands, die alles unternehmen, um so zu klingen wie die alten Meister der Vergangenheit. Das geht in den meisten Fällen schief, weil sie ein anderes Equipment besitzen und andere Aufnahmeverfahren als ihre Helden benutzen.“

Mit seiner Band Rhythm Kings grub Wyman eine Menge alter Blues- und Rocknummern aus. Jetzt buddelte er nach eigenen alten Songs. Warum diese Rückbesinnung? „Es gibt mir halt eine Befriedigung, Dinge zu finden, die nicht mehr an der Oberfläche sind. Dass sie nicht mehr für jedermann sichtbar sind, bedeutet ja nicht, dass sie auch verschwunden sind.“ Wer mit Bill Wyman über dieses Thema spricht, landet schnell bei einem seiner liebsten Hobbys: Der Ex-Stones-Bassist ist leidenschaftlicher „Detectorist“. Mit einem Metalldetektor ausgerüstet zieht er über die Wiesen und Felder Großbritanniens und wartet, bis das Gerät piept. Dann greift er zur Schaufel, um zu bergen, was unter der Erde liegt. „Es ist für mich die sinnvollere Variante, an der frischen Luft zu sein, als Golf zu spielen“, sagt er. Häufig genug findet er alte Gegenstände aus der Römerzeit. „Ich versuche zunächst selbst herauszufinden, aus welcher Zeit der Gegenstand stammt und welchen Nutzen er hatte. Dann schicke ich das Objekt ins Museum. Ein paar Wochen später erhalte ich dann ein Zertifikat von Historikern, und wenn ich richtig lag, öffnen wir Zuhause am Abend zur Feier des Tages eine gute Flasche Wein.“

Wer jetzt denkt, das Thema sei banal, sollte sich die sehr gute englische Comedy-Serie „Detectorists“ zulegen: Wenn man nur genau hinschaut, liegt in diesem Hobby das ganze Drama des Lebens. Neid, Eifersucht, Geduld, Abhängigkeit, Isolation, Egoismus – und die Not, sich für diese etwas nerdige Leidenschaft andauernd rechtfertigen zu müssen, vor allem bei den Lieben zu Hause, die mit dem Essen warten, während man selbst noch über die Felder marschiert und aufs Piepen wartet. „Ich kenne die Serie, man hat mich sogar gefragt, ob ich dabei sein wollte. Ich habe abgelehnt, weil ich dachte, das Konzept würde nicht funktionieren.“ Hat es aber. „Und das freut mich.“

Wer sich länger mit Bill Wyman unterhält, versteht nach einiger Zeit, warum der Bassist 1993 bei den Stones austrat – ohne Not, einfach, weil er nicht mehr wollte. „Es gibt in meinem Leben heute vier oder fünf Dinge, die ich mit der gleichen Leidenschaft angehe, wie das Musikmachen.“ Dazu zählt auch die Fotografie. „Ich fühle mich regelrecht nackt, wenn ich meine Kamera nicht dabei habe. Ich erkenne dann Motive und ärgere mich Schwarz, sie nicht festhalten zu können.“ In seiner Zeit bei den Stones habe er natürlich auch Freiräume genossen. „Aber wenn es auf Tour ging, dann hat die Musik die Kontrolle über unser aller Leben übernommen. Genau das wollte ich mir nicht länger gefallen lassen. Es war einfach nicht mehr das, was ich wollte.“ Dass die anderen unverdrossen weitermachen, gerade wieder unterwegs sind und auf der „Zip-Code-Tournee“ das Album STICKY FINGERS in den Mittelpunkt stellen, findet er aus Sicht von Jagger, Richards, Wood und Watts verständlich. „Diese Männer brauchen und wollen das. Es ist ihr Leben. Ihnen würde ohne Tour etwas fehlen. Mir dagegen mit Tour.“

Apropos STICKY FINGERS: Ein finales Urteil von Wyman zur aktuell geführten Fandebatte, welches denn nun das beste und perfekte Stones-Album sei, STICKY FINGERS oder doch EXILE ON MAIN ST., erhält man von ihm nicht. „Ich will diese beiden Platten nicht gegeneinander ausspielen. Dafür sind sie beide zu gut. Meiner Meinung nach sind die vier von Jimmy Miller produzierten LPs BEGGARS BANQUET, LET IT BLEED, STICKY FINGERS und EXILE ON MAIN ST. nicht nur ebenbürtig, sondern auch das Beste, was wir mit den Stones jemals gemacht haben.“