AVATARIUM – Der Doom hat den Blues

Candlemass-Gründer und Doom-Vorvater Leif Edling will es noch mal wissen.
Avatarium heißt seine neueste Band, ein faszinierendes Projekt, dessen Erstling AVATARIUM ein verwunschen-bluesiges Doom-Märchen mit einer großartigen Jennie-Ann Smith am Mikrofon geworden ist. Jefferson Airplane auf dem Doom-Trip oder doch eher Alice im Doomer-Land? Der auch bei Evergrey tätige Gitarrist Marcus Jidell gibt bereitwillig Auskunft, obwohl er gerade erst von seiner Hochzeitsreise zurückgekehrt ist.

Text und Interview: Björn Springorum

Wie war die Reise, Marcus?
Wirklich traumhaft. Sie begann in Sorrento und führte dann Richtung Süden nach Kalabrien. Wir besuchten alte Städte, aßen gut, genossen die Einsamkeit, das Meer und das gute Essen. Typisch italienisch eben. Außerdem war das Wetter in Italien deutlich schöner als es gerade in Stockholm ist.

Hochzeit, eine neue Band… eine ganze Menge Veränderungen also. Wie fanden Avatarium eigentlich zusammen?
Ich hatte in den letzten Jahren regelmäßig das Privileg, bei Candlemass an der Gitarre auszuhelfen, kannte Leif demnach schon länger. Richtig los ging es aber erst Anfang des Jahres, als Leif mir mitteilte, dass er ein paar Songs geschrieben hatte, die er gerne mit mir aufnehmen wollte. Sofort spürten wir beide die Besonderheit des Materials. Weil es anders war, anders und verdammt interessant. Als große Fans der 60er und 70er Jahre waren wir uns schnell einig, dass wir mit Avatarium eine ähnliche Stimmung erzeugen wollten.

Welche Bands hattet ihr dabei besonders im Sinn?
Jimi Hendrix, Jethro Tull, Rainbow, Deep Purple, Black Sabbath… solcher Kram. Leif und ich sind uns in dieser Hinsicht sehr einig. Uns beiden gefällt, dass die Musiker damals wirklich gut sein mussten und nicht alles im Studio nachträglich ausbessern konnten. Die damaligen Platten sind oft voller Fehler, doch erst diese Fehler machen sie lebendig, und dieses Gefühl wollten wir auch für Avatarium. Vielleicht waren wir also mal nicht zu hundert Prozent überzeugt von einem Solo, beließen es aber bewusst in diesem Zustand, weil es die ganze Sache natürlicher machte. Wir sind Musiker, keine Analytiker, und Gefühl ist hier wesentlich wichtiger als Verstand.

Es geht also um die Vermählung von Doom und dem Blues-Feeling der 60er?
Das könnte man wohl so sagen, ja. Uns schwebte eine Platte vor, die hart klingt, aber dabei ein bluesiges Robert-Plant-Gefühl versprüht. Deswegen war es uns auch so wichtig, beim Gesang ebenfalls neue Wege zu gehen. Fündig wurden wir bei Jennie-Ann Smith…

… die eher als Blues-Sängerin bekannt ist und mit Metal nicht viel am Hut hat.
Richtig. Unser Glück war aber, dass sie Leifs Musik sehr mag. Natürlich galt immer noch zu klären, wie sich ihr Gesang in einer Metal-Band anhören würde, die Avatarium ja immer noch ist, doch das funktionierte großartig. Auch für sie steht die Emotion in der Musik klar im Vordergrund, und das machte die Zusammenarbeit umso einfacher. Zumal sie eher auf dieselben Sänger steht, die auch Ronnie James Dio, Robert Plant und Ian Gillan beeinflusst haben: Little Richard, Elvis und Muddy Waters. Eben Sänger aus den 40ern und 50ern. In dieser Hinsicht ist sie die perfekte Wahl für das, was wir mit Avatarium ausdrücken wollen. Und ganz nebenbei hat sie natürlich auch noch eine einmalige Stimme.

Klingt nach einem ziemlich aufregenden Neustart. Ist die Arbeit mit Avatarium grundsätzlich anders als die bei Evergrey?
Der größte Unterschied für mich ist, dass ich diesmal von Anfang an dabei bin. Bei Evergrey stieg ich erst 2010 ein, diesmal war ich bei der Schöpfung und Soundfindung dabei, sozusagen. Ich konnte die Band also deutlich mehr prägen und das Konzept gemeinsam mit Leif erarbeiten.

Was für ein Konzept ist das?
Avatarium soll für dunkle, harte und phoetische Musik stehen. Zur gleichen Zeit war uns ein farbenfrohes Gesamtbild wichtig, dass es im Doom-Bereich in dieser Form noch nicht gegeben hat. Die beiden Soundwelten sollen zusammengebracht werden und zu einer gefühlvollen, organischen Band heranwachsen. Und wie ich schon sagte: Das Bauchgefühl war zu jeder Zeit wichtiger als der Kopf.

Im Titeltrack mit seinen verwunschenen, märchenhaften Melodien tritt das besonders deutlich zutage.
Dieses Stück handelt von dem Ort, an den du gehst, um das anzubeten, woran du glaubst. Bei aller Dunkelheit, die in den Riffs steckt, bewahrt sich das Lied dennoch eine gewisse Leichtigkeit, die man durchaus märchenhaft nennen könnte. Das versuchten wir immer, denn in diesen Kontrasten liegt ein großer Reiz. Immerhin wirkt ein brutales Doom-Riff deutlich kraftvoller, wenn davor eine feingeistige Melodie durch den Song schwebte. Diese Dynamik fehlt vielen Doom-Alben.

Avatarium sind also so etwas wie die Doom- Ausgabe von Jefferson Airplane?
Das höre ich gern! Wir hielten uns bewusst nicht an die Gesetzmäßigkeiten des Doom-Genres und machten genau das, was wir wollten. Ich persönlich liebe Black Sabbath, verehre aber auch die Beatles. Und das zeigt sich in dieser Band mehr denn je. Avatarium ist ein Sammelsurium unserer gesammelten Geschmäcker.

Wie ergab sich daraus die endgültige Sound- findung?
Bei vielen Gesprächen und endlosem Rumgetüftel an Gitarren und Amps. Bei den Proben beschlossen wir, bewusst auf die großen Gesten, das Pathos dieses Genres zu verzichten und einfach Musik zu machen. Songs, die wir selbst gerne hören würden und die nicht hochgradig vollgepackt sind. So landeten wir sehr schnell bei ehrlichem, seelenvollem Blues. Und fühlen uns sehr wohl in diesem war- men Sound.

Bist du denn eher der Doomster oder der Blues-Hengst?
Ich brauche beides, ich bin beides. Ansonsten langweile ich mich schnell, fühle mich unvollständig.

Überträgt sich dieses Grundgefühl auch auf die Texte?
Durchaus, Leifs Lyrics sind sehr poetisch und kleine, in sich geschlossene Welten. Viele seiner Texte haben mit Tagträumereien zu tun, mit surrealen Symbolen, mit dem Anregen der Fantasie. Und bei uns funktioniert das bestens. (lacht)

Klingt nach einem kreativen Prozess…
Ich kann dir versichern, dass diese Band deutlich kreativer arbeitet als viele andere. Wir setzen uns zusammen und lassen unserer Fantasie dann freien Lauf. Manchmal dauert diese Arbeitsweise zwar ein wenig, bis wir zu einem Ergebnis kommen, doch früher oder später führt sie uns zu dem, was wir gesucht haben. Und diese Suche ist ein essentieller Teil der Band.