Auslese Neuauflagen (CR 24)

martyn, johnNirvana
In Utero 20th Anniversary Edition
Geffen/Universal

Kurt Cobains Erbe an die Nachwelt: „Ich hasse mich selbst und möchte sterben.“

Bereits im Vorfeld als schwierig galt IN UTERO, als es ein halbes Jahr vor Kurt Cobains Selbstmord als drittes und finales Studiowerk der Überflieger des Grunge erschien. Schwierig deshalb, weil nach dem weltweit in 30 Millionen Kopien verkauften NEVERMIND die Erwartungen immens hoch gesteckt waren: Fans wie Plattenfirma erwarteten eine Fortsetzung des Hitkonzepts. Doch das mit Schlagzeuger Dave Grohl und Bassist Krist Novoselic komplettierte Trio dachte nicht im Traum daran, derartige Ansprüche zu erfüllen. Im Gegenteil. Für Nirvana lautete die Losung: Back To The Roots. Anstatt Produzent Butch Vig, der NEVERMIND auf Stromlinienform getrimmt hatte, engagierten Nirvana Steve Albini, der als ehemaliger Frontmann von Big Black einen einwandfreien Leumund vorweisen konnte. Doch die Aufnahmen zum hörbar raueren, stark ans Debüt BLEACH angelehnten IN UTERO, dessen prophetischer, von der Plattenfirma abgelehnter Urtitel „I Hate Myself And Want To Die“ lautete, erweisen sich als schwerfälliger als gedacht, wie diverse Demos auf der Jubiläumsausgabe (Standard CD, 2 CD Deluxe Edition, 3 LP Box, Limited Super Deluxe Edition mit DVD) unterstreichen. Wochen nach den Studioaufnahmen engagiert die Band Scott Litt, der signifikante Änderungen vornimmt und vor allem die einzigen für Singleauskoppelungen in Frage kommenden Songs (›Heart-Shaped Box‹, ›All Apologies‹) abmischt. Cobains Texte strotzen vor Sarkasmus. Besonders, wenn sie sich mit durchlebten Erfolgsmechanismen des Schaugeschäfts (›Serve The Servants‹, ›Radio Friendly Unit Shifter‹) auseinandersetzen. Zu entdecken gilt es heftig Verpunktes wie ›Tourette’s‹, › Milk It‹ und ›Pennyroyal Tea‹. › Rape Me‹ geht als milde Kopie von ›Smells Like Teen Spirit‹ durch. ›Scentless Apprentice‹ wiederum zeigt sich inspiriert von Patrick Süßkinds Buchbestseller „Das Parfüm“. Rares, Seltenes und Unveröffentlichtes findet sich auf sämtlichen Formaten. Besonders opulent aber auf der Limited Super Deluxe Edition mit dem Konzertfilm „Live & Loud: Live At Pier 48, Seattle, WA – 12/13/93“ samt Audioaufnahme sowie diversen Promoclips und TV-Shows.

9

Climax Blues Band
STAMP
Esoteric/Cherry Red/Rough Trade

Soul, Jazz und Reggae statt Blues: Wie sich eine britische Formation in der Fremde assimiliert.

Nomen est omen: Zwar hatte die 1969 noch als The Climax Chicago Blues Band im britischen Stafford an den Start gegangene Band Mitte der 70er Jahre das Chicago längst aus dem Namen gestrichen und damit auch die Blues-Anteile radikal zurückgefahren. Doch tatsächlich war das Quintett in den Vereinigten Staaten angekommen. Nicht nur mittels der beiden erfolgreichen Vorgängeralben FM LIVE und SENSE OF DIRECTION, sondern auch physisch durch einen kollektiven transatlantischen Umzug. Colin Cooper (Gesang, Saxofon, Mundharmonika, Gitarre), Pete Haycock (Gesang, Gitarre, Bass), Derek Holt (Bass, Gitarre, Keyboards), John Cuffley (Schlagzeug) und Richard Jones (Bass, Keyboards) befinden sich 1975 noch ein Jahr von ihrem größten Erfolg entfernt: Dem Hitalbum GOLD PLATED samt Discothekenknüller ›Couldn’t Get It Right‹. STAMP weist mit neun Originalsongs schon in die gleiche Richtung: ›Using The Power‹ und ›Sky High‹ fungieren als attraktive Tanzflächenfüller, geschickt zwischen Reggae-Rhythmus und Blues vermittelt ›Mr. Goodtime‹. Jazz dominiert auf ›I Am Constant‹, ›Loosen Up‹ und ›Running Out Of Time‹. ›Rusty Nail/The Devil Knows‹ erinnert mit manischem Querflötenspiel und gephasetem Gesang seltsamerweise an Jethro Tull um 1970. In Gefilden, die eigentlich Hall & Oates zu jenem Zeitpunkt beackerten, wildert ›Spirit Returning‹. Für die Neuauflage wurden die Spezialisten vom britischen Label Cherry Red in Archiven fündig: Zwei BBC Radio One Sessions vom September 1974 und 1975 (›Before You Reach The Grave‹, ›Reaching Out‹) sowie vier Alternativversionen von STAMP ergänzen das Paket.

6

Bob Dylan
BOOTLEG SERIES VOL. 10:
ANOTHER SELF PORTRAIT (1969 – 1971)
Columbia/Sony

Vom geschmähten Werk zum interessanten Rückblick aus ganz anderer Perspektive.

Keine Begeisterungsstürme, sondern das Gegenteil erntete der Maestro, als er 1970 sein zweites Doppelalbum SELF PORTRAIT veröffentlichte. Doch Ablehnung und Unmut über seine künstlerische Entwicklung war Bob Dylan ja schon gewohnt. Hatte der amerikanische Jahrhundertkomponist doch schon zweimal vorher einen mehr oder minder radikalen Stilschwenk exerziert: Vom akustischen Protestfolk über elektrifizierten Rhythm’n’Blues hin zum puristischen Country. Überrascht hat die Mischung der 24 in ein abstraktes Selbstporträt verpackten Songs allerdings schon: Verteilte sich auf vier Plattenseiten doch ein Mischmasch aus Coverversionen, Studioausschussware und Konzertmitschnitten. Vom Vorgänger NASHVILLE SKYLINE bis zurück zu den BASEMENT TAPES reichte das Sammelsurium, aufgelockert durch Ausschnitte vom 69er-Auftritt auf der Isle Of Wight, das aus Neugierde auf den „neuen Dylan“ drei Jahre nach seinem ominösen Motorradunfall selbst britische Rockprominenz wie die Beatles und Rolling Stones auf die Insel lockte. Ausgerechnet also jenes krude Werk, das selbstverständlich dann doch den einen oder anderen Liebhaber fand, gibt sich in der aktuellen 10. Ausgabe der losen Reihe BOOTLEG SERIES der Analyse preis: ANOTHER SELF PORTRAIT enthält 35 Songs – unveröffentlicht Gebliebenes oder Alternativversionen aus SELF PORTRAIT, aber auch vom Nachfolger NEW MORNING, an denen u.a. auch George Harrison mitwirkte. Einen Aufschrei der Entrüstung wie damals dürften weder die Standardausgabe mit zwei CDs, noch die mit zwei zusätzlichen Silberlingen bestückte Deluxe Edition (kompletter Mitschnitt von der ISLE OF WIGHT, 2013 Remaster vom originalen SELF PORTRAIT) verursachen. Neben gewiss manch Belangslosem wartet Hochkalibriges wie ›Alberta‹, ›Time Passes Slowly‹, ›Copper Kettle‹ und ›I Threw It All Away‹ auf die Dylan-Aficionados – die können ja ohnehin nicht genug von ihrem Abgott bekommen. Eine Anschaffung lohnt sich aber auch für Quereinsteiger. Dylans breites Stilspektrum, etwa ›Only A Hobo‹ von GREATEST HITS II oder ein Demo von ›When I Paint My Masterpiece‹, garantieren Hochgenuss. Exzellentes wie eine kammermusikalische Streicherversion von ›If Not For You‹, ein unorchestriertes ›Wigwam‹ oder das fabelhafte und unveröffentlicht gebliebene R’n’B-Stück ›Working On A Guru‹, Dylans sarkastischer Kommentar zur Indienwelle, runden die Werkschau ab.

9

Robert Palmer
SNEAKIN’ SALLY THROUGH THE ALLEY & PRESSURE DROP / SOME PEOPLE CAN DO WHAT THEY LIKE & DOUBLE FUN / SECRETS & CLUES & MAYBE IT’S LIVE / PRIDE / RIPTIDE
Edsel/Soulfood

Schöner wohnen, ausgefeilter musizieren: das Erbe eines Bonvivants.

Seine ungeheure stilistische Bandbreite demonstriert der 2003 im Alter von 54 Jahren verstorbene Sänger und Komponist Robert Palmer schon, als er in The Alan Bown Set, Dada und Vinegar Joe noch sein künstlerisches Fundament zementiert. Bonvivant Palmers Vielseitigkeit, aber auch sein Savoir Vivre präsentieren auch seine neun zwischen 1974 und 1985 für das britische Label Island eingespielte Alben, die jeweils in Doppelkonstellation neu aufgelegt werden. Zwar hervorragende Kritiken, aber nur wenig Publikumsecho erhalten die beiden ersten Scheiben: Auf SNEAKIN’ SALLY THROUGH THE ALLEY (’74) lässt sich der smarte Frontmann in hochkarätiger Stilmixtur aus Funk, Soul und R’n’B von den fabelhaften The Meters und Little Feat-Gitarrist Lowell George begleiten. Mit Little Feats ›Sailin’ Shoes‹, dem zwölfminütigen ›Through It All There’s You‹ und Allen Toussaints Titelsong ein exzellenter Soloeinstieg. Noch einen Schritt weiter geht 1975 das gänzlich mit Little Feat eingespielte PRESSURE DROP: Zum ohnehin variablen Genre-Hopping gesellt sich mit dem Titelsong von Toots & The Maytals noch Reggae hinzu. Palmers Faible für maßgeschneiderte Anzüge spiegelt sich 1976 auf dem abermals mit Little Feat aufgezeichneten, ersten transatlantischen Charterfolg SOME PEOPLE CAN DO WHAT THEY LIKE wider: Die Singleauskopplung ›Man Smart, Woman Smarter‹ rotiert wie auch der Titelsong in einschlägigen Diskotheken. Noch wackerer schlägt sich zwei Jahre später sein mit Disco-Remix-Koryphäe Tom Moulton selbstproduziertes DOUBLE FUN: Ex-Free Andy Fraser verfasst den Hit ›Every Kinda People‹, Allen Toussaint das elegante ›Night People‹ und Palmer steuert das famose ›Best Of Both Worlds‹ bei. Um einiges erfolgreicher noch agiert SECRETS: Moon Martins knackig verrocktes ›Bad Case Of Loving You (Doctor, Doctor)‹, Todd Rundgrens balladeskes ›Can We Still Be Friends‹ und der selbstverfasste Tanzflächenfüller ›What’s It Take‹ operieren als erfolgreiche Single-Botschafter. CLUES vollzieht 1980 eine Abkehr vom bisherigen Stilspektrum. Anstatt weiterhin Mondänes zu liefern, halten mit ›Johnny And Mary‹, ›Looking For Clues‹ und Gary Numans ›I Dream Of Wires‹ der Zeitgeist von New Wave und Synthie Pop Einzug. Als Hybrid präsentiert sich 1982 MAYBE IT’S LIVE: Sechs Konzertmitschnitte von 1980 kontrastieren mit vier Studioaufnahmen, darunter auch ›Some Guys Have All The Luck‹, das sich auch der mittlerweile stilistisch ratlose Kollege Rod Stewart unter den Nagel reißt. PRIDE zeigt sich ein Jahr später ungewöhnlich unentschlossen und kompositorisch nicht ganz auf dem gewohnten Niveau. 1985 erreicht Palmer – mittlerweile auch als Frontmann von Power Station, Nebenprojekt von Duran Duran, im Geschäft – den Karrierezenit: RIPTIDE verkauft allein in den USA Doppelplatin, angeschoben vom Nummer-eins-Hit ›Addicted To Love‹ sowie den Singles ›I Didn’t Mean To Turn You On‹, ›Discipline Of Love‹, ›Hyperactive‹ sowie dem Titelsong.

SNEAKIN’ SALLY THROUGH THE ALLEY: 10
PRESSURE DROP: 10
SOME PEOPLE CAN DO WHAT THEY LIKE: 10
DOUBLE FUN: 9
SECRETS: 9
CLUES: 8
MAYBE IT’S LIVE:05
PRIDE: 6
RIPTIDE: 7

Rod Stewart
RARITIES: THE MERCURY ERA 1969 – 1974
Mercury/Universal

Stewart kompakt – das Allerbeste von Rod The Mod!

Jüngeren Generationen dürfte Rod Stewart vor allem als Interpret der bislang fünfteiligen Reihe AMERICAN SONGBOOK ein Begriff sein. Oder von seinem Weihnachtsspezial MERRY CHRISTMAS, BABY von 2012 mit erlauchten Gästen wie Michael Bublé und Mary J. Blige – gepflegte Langeweile für ein noch dickeres Bankkonto. Bevor Rod The Mod in der zweiten Hälfte der 70er erst seine fabelhafte Combo The Faces im Regen stehen ließ, um sich dann auch noch mit rhetorischer Frage ›Do You Think I’m Sexy?‹ peu à peu von seinen Wurzeln zu verabschieden, faszinierten ihn vor allem Folk, Rock, Soul, Country und Rhythm’n’Blues. Mit Blondine im Schlepptau, Champagnerglas in der einen und einem Ferrari-Schlüssel in der anderen Hand zog sich die Raspelstimme in seine abgesicherte Reichenresidenz Bel Air zurück. Auch die heutigen Rechteinhaber seiner ehemaligen Plattenfirma von 1969 bis 1974 haben längst erkannt, dass die künstlerische Essenz des in London geborenen Entertainers mit Ananasfrisur, Schottenschal und Satinanzug in ihren Archiven schlummert. Eine exzellente Aufarbeitung der ausgezeichneten Werke AN OLD RAINCOAT WON’T EVER LET YOU DOWN, GASOLINE ALLEY, EVERY PICTURE TELLS A STORY, NEVER A DULL MOMENT und SMILER lieferte vor Jahren das 3-CD-Set REASON TO BELIEVE: THE COMPLETE MERCURY STUDIO RECORDINGS. Die optimale Ergänzung folgt mit RARITIES: THE MERCURY ERA 1969 – 1974: 24 Raritäten auf zwei CDs, die bis auf einige wenige Ausnahmen bis dato unveröffentlicht geblieben sind. Mit der seltenen Single-Fassung von Bobby Womacks ›It’s All Over Now‹ startet die Werkschau, die in eine Ära zurückreicht, als Stewart nach dem Ausscheiden aus der Jeff Beck Group 1969 gleich drei Karrieren startete: Eine als Frontmann bei der Neuauflage der (Small) Faces, eine als Solokünstler und eine weitere als Hitkomponist, wahlweise mit Ron Wood oder Martin Quittenton als Koautoren. Wood und die restlichen Faces begleiten Stewart zumeist auch auf weiteren Archivausgrabungen: Aus einer BBC Radio 1 Performance von 1970 stammt Elton Johns ›Country Comfort‹. Faszinierende Early Versions finden sich von ›Italian Girls‹, ›You Wear It Well‹, ›Farewell‹, ›So Tired‹ sowie dem 71er Durchbruchshit ›Maggie May‹, der auch in einer BBC Version vertreten ist. Seinerzeit verworfene Alternativtakes gibt es von Theodore Andersons ›Seems Like A Long Time‹, Bob Dylans ›Girl From The North Country‹, Aretha Franklins ›(You Make Me Feel Like) A Natural Man‹, Etta James’ ›I’d Rather Go Blind‹ und ›Angel‹ von Jimi Hendrix. Überbleibsel aus den Sessions für das 74er SMILER sind ›Missed You‹, ›So Tired‹, ›Every Time We Say Goodbye‹, ›You Put Something Better Inside Me‹ und ›Crying Laughing Loving Lying‹. Philly Soul schimmert durch in ›Oh! No Not My Baby‹. In konzertanter Version brilliert Stewart bei The Whos ›Pinball Wizard‹. Fabelhaft auch die Interpretation von Jerry Lee Lewis’ Trinkerballade ›What’s Made Milwaukee Famous (Has Made A Loser Out Of Me)‹.

10

Various
MONTEREY POP FESTIVAL 1967
Salvo/Soulfood

Die Mutter aller Festivals: das bessere Woodstock.

Mag auch Woodstock durch cleveres Marketing (Film, Buch und Triple-LP) zum Synonym für das ultimative Festivalerlebnis der späten 60er Jahre avanciert sein. Als Meilenstein im „Summer Of Love“ versprüht das MONTEREY POP FESTIVAL 1967 allemal mehr Flair, Esprit und Innovation. Und das aus gleich mehreren Gründen: Präsentierten sich doch auf dem von Lou Adler, John Phillips, Alan Pariser und Derek Taylor organisierten Freiluftdebüt in der Bay Area gleich mehrere spätere Rockgiganten erstmals vor ganz großem Publikum: Canned Heat, The Byrds, The Steve Miller Band, Jefferson Airplane, Eric Burdon & The New Animals und der tragisch noch im gleichen Jahr bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommene Otis Redding legten allesamt fantastische Auftritte hin und begründeten damit Weltkarrieren. Regelrecht eine Sternstunde erlebten die von Rolling Stone Brian Jones angekündigte Jimi Hendrix Experience sowie Big Brother & The Holding Company feat. Janis Joplin. Festgehalten in Bild und Ton von D.A. Pennebaker liegt ein seit Jahren gestrichenes 4-CD-Set nun neu auf – zwar weit davon entfernt, einen kompletten Einblick in das Fest vom 16. bis 18. Juni 1967 zu liefern, dennoch in erstaunlich brillanter Klangqualität, wenn man bedenkt, dass in jener Ära weder Bühnen-Equipment noch Aufnahmetechnik ausgeklügelt waren. Einen eher zwiespältigen Auftritt legten The Who hin: Roger Daltrey singt schräg, Pete Townshends Gitarre tönt verstimmt – es kracht einfach nicht so harmonisch, wie sonst bei den Briten gewohnt. Auch The Mamas & The Papas, deren Leiter Phillips ja zu den Organisatoren zählte, konnten ihren vierstimmigen Gesang schon mal perfekter intonieren. Was auch auf den Hitüberflieger des Jahres zutrifft: Scott McKenzie mit der ultimativen Blumenkinderhymne ›San Francisco (Be Sure To Wear Flowers In Your Hair)‹. Um Lichtjahre besser funktionieren amerikanische Formationen, die heutzutage in den Rock-Annalen nur noch eine Fußnote wert sind: The Blues Project und The Electric Flag kulminieren feurig und mit Blick in die Zukunft zwischen Jazz, Blues und Rock. Der Inder Ravi Shankar versetzt mit hypnotischen Sitarmeditationen das Publikum in Transzendenz. Gleiches gilt für den Afro-Jazz des afrikanischen Gegenstücks zu Miles Davis: Hugh Masekela. Lou Rawls wiederum galt in jener Ära als Leichtgewichtsentertainer, überrascht aber mit stringentem Soul-Set. Booker T. & The MG’s swingen virtuos instrumental zwischen Soul, Jazz und R & B. Seltsamerweise gelangten aus vertragsrechtlichen Gründen weitere Festivalprotagonisten wie Simon & Garfunkel, Moby Grape, Laura Nyro, Al Kooper, Buffalo Springfield und The Grateful Dead weder in den Kinofilm noch Jahre später auf den Tonträger. Schade.

8

Various
THE DAWN OF PSYCHEDELIA
Cherry Red/Rough Trade

Woher sie kamen, wohin sie gingen: die Inspirationen zur ersten psychedelischen Welle.

Als die Beatles 1965 auf ›Norwegian Wood (This Bird Has Flown)‹ und die Rolling Stones im Jahr darauf bei ›Paint It Black‹ das indische Traditionsinstrument Sitar zum Einsatz brachten, war das für aufmerksame Musikkenner eigentlich schon ein recht alter Hut. Abgesehen davon, dass die Sitar ja ohnehin schon seit Jahrhunderten vor- und hinterasiatische Folklore bereicherte, tourte der später durch seine Freundschaft mit George Harrison mit den Beatles assoziierte Ravi Shankar schon Mitte der 50er Jahre durch die Bundesrepublik. Woher britische wie amerikanische Formationen der ersten psychedelischen Welle ihre Inspirationen nahmen, diese Wissenslücke versucht die Doppel-CD THE DAWN OF PSYCHEDELIA zu schließen: Mit zu den Urquellen zählt sicherlich der schon erwähnte Shankar mit seinem meditativem ›Raga Jinjhoti‹. Fündig wird man aber auch bei seinen Kollegen Ustad Vilayat Khan (›Raga Miya Ki Malhar‹) Ustad Ali Akbar Khan ›Raga Yaman Kalyan: Teen Tala‹ sowie Sharan Rani ›Raga Kausi-Kanada‹. Weitere sichere Kandidaten für früh Bewusstseinserweiterndes sind die unorthodoxen Jazzer Gabor Szabo (›El Toro‹, ›Lady Gabor‹), Sun Ra (›Ancient Aiethopia‹) und Yusef Lateef (›The Plum Blossom‹). Herbie Manns Version von ›It Ain’t Necessarily So‹ aus PORGY & BESS dürfte ebenso Denkanstösse vermittelt haben wie Frank Zappas Favorit Edgar Varese mit ›Integrales‹. Nicht zu vergessen ›Missa Luba‹, eine in Latein gesungene Messe von Les Troubadours Du Roi Baudouin aus dem Kongo, die Jimmy Page immer in höchsten Tönen lobt, wenn er nach früher Inspiration befragt wird. Autorin Alice B. Toklas, Lebensgefährtin und Sekretärin von Gertrude Stein, liefert ihr legendäres ›Recipe For Hashish Fudge‹. Aldous Huxley schließlich, Autor von „Schöne neue Welt“ und „Die Pforten der Wahrnehmung“, beantwortet die wichtigste Frage überhaupt: ›How Often Have You Taken Mescalin Yourself?‹.

10

Various
THE ROCKY HORROR SHOW
Salvo/Soulfood

In Netzstrümpfen, Spitzenstrapsen und Korsage – ein Kult feiert 40. Geburtstag.

Am 19. Juni 1973 ging die Welturaufführung des urigen Musicals THE ROCKY HORROR SHOW im kleinen Londoner Royal Court Theatre am Sloane Square über die Bühne. Wenig später zog die bizarre Schauspieltruppe erst ins größere Chelsea Classic Cinema, dann ins noch geräumigere King’s Road Theatre um, wo die Show bis 1979 vor Anker ging. Richard O’Briens Konzept um die höchst irdischen Eskapaden eines exzentrischen außerirdischen Wissenschaftlers namens Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transsylvania rannte nicht nur beim Metropolenpublikum offene Türen ein: Zählten doch seinerzeit sowohl auf der Insel als auch in Resteuropa David Bowie, T. Rex, Roxy Music, Sweet und Slade zu den absoluten Fanfavoriten der Post-Beatles-Generation. Nicht nur die mit dem plakativ-platten Genre-Kürzel Glam Rock etikettierte und geschlechtlich nicht immer eindeutige junge Künstlergarde provozierte mit Tabuthemen wie Bi-, Homo- und Transsexualität sowie der Ablehnung überkommener Geschlechterrollen. Auch das turbulente Aktionstheater THE ROCKY HORROR SHOW griff, kokett in Netzstrümpfe, Spitzenstrapse und Korsagen gehüllt, zum Zeitgeist als Transportmittel. Binnen zwei Jahren verfilmte Hollywood mit der Londoner Theatercrew eine noch griffigere Version, die am 50er-Rock’n’Roll und Glam ausgerichtete Ohrwürmer wie ›Science Fiction/Double Feature‹, ›Sweet Transvestite‹, ›The Time Warp‹ und ›Hot Patootie – Bless My Soul‹ endgültig zu Hymnen erhob und bis heute in Programmkinos für Ausnahmezustände sorgt – partizipiert doch das Publikum aktiv am Filmgeschehen mit. Zum 40. Geburtstag präsentiert sich in handlich quadratischem 4-CD-Box-Set ein Jubiläumspaket, das mit gleichem Inhalt zuletzt vor 20 Jahren erhältlich war: Enthalten sind sowohl der Soundtrack der 75er Kinoversion THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW mit Bonustiteln, als auch die 74er Theaterversion aus dem Roxy in Los Angeles – bei beiden wirkt der unnachahmliche Tim Curry als Frank N. Furter mit. Raritäten rund um das Phänomen liefert die dritte Scheibe: „Little Nell“ Campbell alias Columbia quietscht sich durch Pop-Trash wie ›See You ’Round Like A Record‹, ›Do The Swim‹, ›Fever‹ und ›Beauty Queen‹. Richard O’Brien alias Riff-Raff serviert Auszüge aus dem Nachfolgeprojekt SHOCK TREATMENT. Doch einmal mehr überstrahlt Tim Curry mit ›Baby Love‹, ›Just 14‹ und ›We Went As Far As We Felt Like Going‹ seine Kollegen. Auf Disc 4 widmen sich 17 Tracks diversen Aufführungen der ROCKY HORROR SHOW aus aller Welt – mitunter ein wenig zu exotisch.

10

» Zusammengestellt von Michael Köhler