Apocalyptica – Nackte Tasachen

Apocalyptica 2010 @ Ralf StrathmannDrei Cellisten, ein Schlagzeuger und wechselnde Promi-Gastsänger lassen ihrer Liebe für Rock, Metal, Gothic und Kammermusik freien Lauf – und stürmen damit Hitlisten in aller Welt. Cellist Eino Matti „Eicca“ Toppinen und Schlagzeuger Mikko Sirén über den neuen Streich des Phänomens namens Apocalyptica: 7TH SYMPHONY.

Im Jahr 1993 als Metallica-Cover-Band von vier Musikstudenten in Helsinki gegründet, blicken Apocalyptica heute auf eine einzigartige Karriere zurück. Auf Celli-Interpretationen bekannter Songs von Metallica, Faith No More, Sepultura oder Pantera folgten eigene Metal-/Rock-Kompositionen, mit denen die Finnen zu Dauergästen in europäischen Charts avancierten. Das fünfte, 2007 erschienene Album WORLDS COLLIDE öffnete in den USA neue Türen: Der Langspieler wanderte über 270.000 Mal über US-Ladentheken, die von Adam Gontier (Three Days Grace) eingesungene Single ›I Don’t Care‹ rotiert immer noch im US-Rock-Radio.

Nach diesen Triumphen hätte die heutige, aus den Cellisten Eicca Toppinen (35), Paavo Lötjönen (42) und Perttu Kivilaakso (32) sowie Schlagzeuger Mikko Sirén (34) bestehende Besetzung problemlos ein Nummersicher-Werk voller Songs mit a) illustren Gästen, b) Metal- oder c) Cover-Stücken aufnehmen können. Statt auf Außenstehende zu hören und sich auf nur eine dieser Schubladen festzulegen, ordneten die Musiker mit 7TH SYMPHONY ihre verschiedenen Gesichter in zehn Kapiteln gleichberechtigt nebeneinander an, grenzten diese aber eindeutiger voneinander ab. „Wir legen sehr großen Wert auf Unabhängigkeit. Eine von anderen Menschen abhängige Album-Ausrichtung kam nicht in Frage“, stellt der bestens gelaunte Komponist Eicca Toppinen bei einem Morgenkaffee auf der Terrasse eines Berliner Hotels klar. „WORLDS COLLIDEs Erfolg verdanken wir viele Möglichkeiten: Wir dürfen inzwischen in allen Bereichen mit den besten Leuten zusammenarbeiten. Als wir die Platte aber mit etwas Abstand betrachteten, fühlte es sich an, als mangele es einigen Songs hier und da an Identität. Manche Instrumentals unterschieden sich in ihren Arrangements zu wenig von den mit Gesang versehenen Liedern.“

Um sie deutlicher von den vokalgestützten Titeln abzuheben, legten Apocalyptica die 7TH SYMPHONY-Instrumentals komplexer an und befreiten sie von klassischen Strophe-Refrain-Strukturen: Der Stampfer ›At The Gates Of Manala‹ zeigt die Formation mit verqueren (Tool-)Rhythmen, dreht in Blastbeat-Geschwindigkeiten auf und mündet in epischer Schwere. In ›2010‹ wirbeln sich Mikko Sirén und Slayer-Legende Dave Lombardo krumme Takte und Breaks zu – und tönen dabei wie die verblichenen Wüstenrocker Kyuss auf Speed. Das progressive ›Rage Of Poseidon‹
überlässt Mikko viel Platz für rhythmische Spielereien, walzt in Metallica-Manier, endet in einem furiosen Finale aus perkussivem Chaos und den schrägsten Celli-Soli der Band-Geschichte. Als Kontrast hebt getragene Soundtrack-Melancholie in ›Sacra‹ und ›Beautiful‹ den sinfonischen Album-Titel als auch den erdigen Charakter der Celli hervor.

Die letztgenannte, kammermusikartige Komposition ist in vielerlei Hinsicht besonders: Zum einen wechselte Sirén für ›Beautiful‹ erstmals an den Bass, zum anderen nahm die Band den intensiven Gänsehauterzeuger in intimer Atmosphäre auf: live und nackt. Dies war allerdings nicht Apocalypticas er-stes Erlebnis dieser Art: Schon zuvor hat-ten die Sauna-Befürworter beispielsweise Soundchecks in Adamskostümen absolviert. Dass unter anderem Amerikaner recht skeptisch auf Freizügigkeit reagieren können, stellte das Quartett vor geraumer Zeit fest. „In L.A. mussten wir vor Hotel-Sicherheitsleuten flüchten. Wir wollten nackt schwimmen gehen und hatten uns nichts dabei gedacht. Die Wachmannschaft scheuchte uns durch das Hotel und drohte schreiend mit Ausweisung“, erinnert sich der Schlagzeuger lachend. „Meine Güte, es sind doch nur Penisse.“

Dafür, dass die global auf vier Millionen verkaufte Tonträger zusteuernden Nackedeis mit 7TH SYMPHONY weitere Popularitätsschübe erfahren werden, garantieren vor allem geradlinige, mit externen Komponisten und Gastsängern entstandene Songs: Bei der eingängigen, von Toppinen und Johnny Andrews komponierten Alternative-Rock-Auskopplung ›End Of Me‹ werden Apocalyptica von Gavin Rossdale (Bush) unterstützt, in dem getragenen, aus Diane Warrens Hitfeder stammenden ›Not Strong Enough‹ schmachtet Shinedown-Frontmann Brent Smith wie Nickelbacks Chad Kroeger, während das von Toppinen, Guy Sigsworth und Fiora Cutler geschriebene ›Broken Pieces‹ Flyleaf-Aushängeschild Lacey Sturm über einem Hauch Orient in den Vordergrund rückt. Das von Gojira-Chef Joseph Duplantier mitverfasste und vorgetragene ›Bring Them To Light‹ schlägt hingegen völlig aus dem Radio-Raster: eine gespenstische Nummer, die unter Schreien nach vorne knüppelt und fast schwarzmetallische Raserei erreicht. „Wir wollten unbedingt einen Song auf dem Album wissen, der sich trotz Gesangs keinesfalls als Single anbietet und eine völlig andere Herangehensweise zeigt“, erklärt Eicca. „›Bring Them To Light‹ verkörpert die ge-ballte Energie schnellen Thrash Metals alter Schule. Parallel strahlen die Harmonien und der Refrain Schönheit aus.“

Abgesehen von den in Los Angeles entstandenen Schlagzeugspuren und zwei von Howard Benson (Kelly Clarkson) produzierten Liedern, nahmen Apocalyptica 7TH SYMPHONY in ihrer frostigen Heimat auf: Sie flogen Star-Knöpfchendreher Joe Barresi (Tool) aus Kalifornien ein und ließen sich in Helsinki von ihm ein organisches, rhythmusbetontes Kleid schneidern. Im Vorfeld hatten die Skandinavier zwar Stücke und Strukturen vorbereitet, viele Übergänge und Arrangements aber offen gelassen. Der Verzicht auf allzu detaillierte Vorausplanungen und Demo-Aufnahmen erwies sich als Pluspunkt. „So waren wir gezwungen, die ganze Zeit kreativ und innovativ zu agieren“, blickt Toppinen zurück. „Die Studiotage waren lang und boten jedem Involvierten die Möglichkeit, eigene Vorstellungen zu erarbeiten und auszuleben. Joe legte großen Wert darauf, selbst kleinste Zitate mit spannenden Klängen zu umhüllen. Jede Aufnahme begann mit der Suche nach passenden Sounds. Wir wollten diese Entscheidungen nicht erst im Mix, sondern schon bei der Entstehung treffen. Deshalb verzichteten wir auf Verwendung eines Clear Channels – und somit auf die Möglichkeit, im Nachhinein Klangcharaktere verändern zu können. Das gibt dem Album Langzeitwirkung: Jedes Hören offenbart neue Details, Farben und Ebenen.“