Airbourne – Hunde, die bellen, trinken gern

Vor gut fünf Jahren waren sie plötzlich da. Vier Australier mit rotzfrech klingenden Rocksongs erregten damals mit ihrem Debüt RUNNIN‘ WILD großes Aufsehen und galten schon bald als die neuen AC/DC“. Nun haben Airbourne ihr aktuelles Album BLACK DOG BARKING fertiggestellt. Im Interview berichten die beiden Brüder Gitarrist Joel und Schlagzeuger Ryan O‘Keeffe von ihrem entscheidenden dritten Studiowerk und geben sich dabei ausgesprochen red- und bierselig.

Airbourne Portraits in MelbourneBei BLACK DOG BARKING ist einiges anders im Vergleich zu euren ersten beiden Alben. Zum ersten Mal habt ihr euch mit Produzent Brian Howes, der auch schon mit Nickelback gearbeitet hat, zusammengetan. Wie war dieses Aufeinandertreffen?
Joel: Mit Brian war das echt cool! Es hat auf Anhieb gepasst. Er ist ein Bob- Rock-Typ. Er mag die selben Bands wie wir: AC/DC, Iron Maiden, Motörhead. So hatten wir gleich einen gemeinsamen Nenner. Ich trinke und amüsiere mich ja gerne mal. Als wir zusammen arbeiteten, ergab das also ein richtig solides Team. Sowas hatten wir davor noch nie. Er versteht und liebt einfach den Rock‘n‘Roll.

Ihr werdet also jetzt nicht anfangen, Radio-Balladen á la ›How You Remind Me‹ zu schreiben?
Joel: Nein, nein, nein, das wird nicht passieren. Brian wollte ja immer mit einer Rock‘n‘Roll-Band wie uns arbeiten, hatte aber nie die Gelegenheit dazu. Die Songs und der Sound sind an die Bands angelehnt, mit denen er und auch wir groß geworden sind. Das sind die bereits genannten plus Def Leppard und ZZ Top.

Hatte er denn großen Einfluss auf euer Songwriting?
Joel: Als wir zu ihm kamen, hatten wir nur grobe Strukturen für die Songs. Kennst du diese Metallica-Doku, bei der man sie mit Bob Rock am „schwarzen Album“ arbeiten sieht? So ähnlich war das bei uns mit Brian. Er hatte viele eigene Ideen, trieb die Arbeiten voran und hat uns ordentlich Beine gemacht. Brian hat den richtigen Draht zu uns, um das Beste aus uns heraus zu holen. Wir haben jeden einzelnen Stein umgedreht. Wir waren ununterbrochen am Start und arbeiteten sieben Tage die Woche. In diesem Jahr gab es kein Weihnachten und keine Silvesterparty für uns. Selbst wenn die Welt 2012 doch untergegangen wäre, hätten wir keine Zeit dafür gehabt.

Für die Produktion musstet ihr im tiefsten Winter nach Vancouver reisen, um in den legendären Armoury Studios aufzunehmen. Wie war der kanadische Winter für vier australische Jungs?
Joel: Das war gar nicht so schlimm. Dort waren wir drei Wochen lang. In Vancouver haben wir die Songs fertiggestellt. Die Aufnahmen selbst haben auch gar nicht so lange gedauert. Die meiste Zeit waren wir mit der Pre-production beschäftigt. Das haben wir in Los Angeles gemacht. Aber dort war es auch richtig kalt. Es ging runter bis auf ein Grad. Wir machten dort eine Pool-Party bei Brian. Er heizte das Wasser auf 36 Grad auf. Wir reden hier von einem echten Pool in Familiengröße, nicht so ein kleines Jacuzzi. Ich glaube die Stromrechnung lag danach bestimmt bei über 500 Dollar. Wir lagen im Pool, tranken Bitburger Bier und hörten Iron Maiden und Judas Priest. So ist Brian Howes.

Wie fühlt es sich eigentlich an, als junge Band in solch heiligen Hallen wie den Armoury Studios zu sein?
Joel: Es war eine absolute Ehre. Jeden Tag, wenn du aus dem Regieraum gehst, fällt dein Blick auf Aerosmiths PUMP oder die RAZOR‘S-EDGE-Plakette an der Wand. Das lässt dich noch härter arbeiten. Man gibt zwar immer sein Bestes, doch sie wirkten wie ein Warnzeichen oder ein permanenter Tritt in den Arsch.

Ihr scheint ganz schön vom Ergebnis überzeugt zu sei. Gibt es Stücke auf BLACK DOG BARKING, die euch eurer Meinung nach besonders gut gelungen sind?
Ryan: Ich würde sagen, jeder Song sticht heraus.
Joel: Ja, wir hatten insgesamt 40 Lieder und nur zehn haben es aufs Album geschafft. Also musste jeder Song eine Stufe weiter gepusht werden, als er zuvor war. Ich kann das also gar nicht beantworten.

Warum sind es eigentlich nur zehn Lieder geworden?
Joel: Es war von Anfang an der Plan, BLACK DOG BARKING in der Tradition der großen Alben auf Vinyl zu veröffentlichen. Deshalb haben wir die Songs auch dementsprechend verteilt. Oft haben sowohl die A- als auch die B-Seite eine Art Intro. Wir beginnen also die erste Seite mit ›Ready To Rock‹ und beenden sie mit ›Firepower‹. Dann drehst du die Scheibe um und es geht mit ›Live It Up‹ und dem Intro dazu los. Die Platte schließt dann ab mit ›Black Dog Barking‹.
Ryan: Yeah, die letzten Worte, die du zu hören bekommst sind ‚I‘m gonna get you tonight‘!
Euer Ansatz war also ganz schön old school.
Joel: Also, wenn man es so ausdrücken will, ist es eine altmodische Herangehensweise. Aber das ist die einzige, die wir kennen.

Wie würdet ihr BLACK DOG BARKING beschreiben?
Joel: Es ist kompromisslos, es ist ein Rocker, es ist Party und es lässt dich nicht mehr los wie der Biss eines Pitbulls.

Eure letzten Alben habt ihr in Australien geschrieben. Wo und wann kamt ihr diesmal zum Song-writing?
Joel: Diese Songs entstanden auf Tour und im Auto. Wir fuhren durch die Gegend, hörten das Material an und ich schrieb dabei die Texte. Dann stoppten wir mal bei einem Pub, hatten ein Paar Biere. Da bekommt man die besten Ideen für richtig verrückte Geschichten. So machten wir das einige Monate lang. Gut, wir haben einen Haufen Benzin dafür verheizt, hatten aber viel Spaß dabei. Du fährst rum und packst Ideen in deinen Kopf.
Ryan: Wenn deine Umgebung in Bewegung bleibt, ist das echt gut für den kreativen Prozess. So hält man auch seine Gedanken in Gang. Außerdem konnten wir so gleich kontrollieren, ob die Songs auch funktionieren. Alle großen Alben dieser Welt sind perfekt zum Autofahren.

Welchen besonderen Vorteil genießt eine australische Band?
Joel: Ich mag an Australien, dass es so fernab vom Rest der Welt liegt. Wenn wir dort sind, ist das wie ein Zufluchtsort für uns. Nach einer anstrengenden Tour setzen wir uns in den Flieger und bringen diesen extrem langen 32-Stunden-Flug hinter uns. Dann sitzt du in einem Pub und trinkst ein Bier, dessen Geschmack dich an deine Jugendzeit erinnert. (Die O‘Keeffe-Brüder begannen ihre Karriere als Bierkonsumenten übrigens im zarten Alter von 13 Jahren. Anm. d. Red.) Du gehst raus und das Wetter, der Duft der frischen Luft und all das hilft dir, dich darauf zurückzubesinnen, wo du herkommst.

Stört es euch eigentlich, dass ihr häufig nur als vier wilde Trunkenbolde angesehen werdet?
Joel: Ich glaube, das könnte zu einem gewissen Punkt sogar wahr sein. Naja, wir haben nicht gerade sehr viele Hobbies. Man wird uns kaum beim Surfen sehen. Auch sind wir nicht unbedingt die Typen für Modelleisenbahnen. Wir gönnen uns eben gerne mal einen Drink. Allen Bands sollte es in erster Linie darum gehen, eine gute Zeit zu haben und diese an die Leute weiter zu geben. Als wir früher in einen Club kamen und da spielten beispielsweise Rose Tattoo, dann war da die Hölle los. Die Fans standen mit Bierkrügen aus Glas da, sie sprangen von den P.A.-Boxen und man durfte rauchen. Und jetzt? Endlich haben wir es geschafft, dort zu spielen, und heute müssen die Leute mit Plastikbechern rumstehen und dürfen gar nichts mehr. Plastik, Mann! Plastik! Das wollen wir bei unseren Shows wieder ändern. Die Welt ist einfach zu sicher geworden!

Airbourne_Studio_3Heute seid ihr in der ganzen Welt unterwegs, um sie ein wenig aufzumischen. Aber das war nicht immer so. Joel, du hast mit einem eher bescheidenen Job angefangen, richtig?
Joel: Ja, ich war Aschenbecher-Boy und Glassy in der Bar eines Hotels. Ich lief herum und hatte die Aschenbecher zu reinigen und leere Gläser einzusammeln. Nachdem ich das lange genug gemacht hatte, durfte ich hinter den Tresen, Bier ausschenken und Cocktails mischen. So kam ich an die Macht über den CD-Player. Ich legte Rose Tattoo und AC/DC auf, wann immer ich wollte. Dort lernte ich übrigens unseren Gitarristen Dave kennen. Von da an ging es ab!

Und plötzlich wart ihr im Vorprogramm von Mötley Crüe und den Rolling Stones?
Joel: Es geht wirklich nicht darum, wer du bist, sondern wen du kennst. Wir hatten das große Glück, unsere EP beim Manager von Mötley Crüe an den Mann zu bringen. Auch die Stones konnten wir so kontaktieren. Als sie nach Australien kamen, hörten sie unsere Platte. Es gefiel ihnen und schon wollten sie uns als Support. Wir können uns wirklich glücklich schätzten. Ich werde nie vergessen, wie es war, für die Stones zu spielen. Wir luden all unsere Marshall Cabinets aus und bauten so viele von ihnen auf, wie es sonst nur AC/DC tun. Nach der Show kamen wir von der Bühne und da stand die Rolling Stones-Crew und applaudierte uns. Damals waren wir noch Kids. Wir hatten ja noch nicht einmal ein anständiges Album. Danach ging es nach Amerika, wo wir RUNNIN‘ WILD aufnahmen. Seitdem läuft alles fantastisch.

Joel, du bist berühmt dafür, bei euren Shows regelmäßig ungesichert das Bühnengerüst raufzuklettern. Hat euer Management schon einmal versucht, dir solche Einlagen zu untersagen?
Joel: Haha, noch haben sie das nicht getan. Aber ich weiß, dass ich mittlerweile eine gewisse Verantwortung trage. Wenn ich etwas verkacke, ziehe ich einen Haufen Leute mit rein.

Ryan, was geht dir eigentlich durch den Kopf, wenn dein Bruder vor tausenden von Menschen seinen Leben riskiert?
Ryan: Ich denke mir dann eigentlich immer: ‚Wenn es jetzt passiert, muss ich einen echt beschissenen Anruf tätigen.‘ Dann hoffe ich einfach, dass er sich nicht umbringt. Das hat bis jetzt immer geholfen.

Was wäre, wenn ihr eines Tages feststellen müsstet, dass ihr auf der Bühne keinen Spaß mehr habt?
Joel: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemals passieren wird. Als wir noch kleine Kinder waren, teilten wir uns ein Schlafzimmer. Dort sahen wir uns immer wieder Iron Maiden und AC/DC, live at Donnington, auf unserem Fernseher an. Wir schmiedeten die ganze Nacht lang Pläne, wie wir es eines Tages nach Europa schaffen würden. Wir malten uns alles ganz genau aus. Irgendwann um vier Uhr morgens kam unsere Mutter hinein und schickte uns ins Bett. Später bekamen wir unsere eigenen Zimmer. Davon ließen wir uns aber nicht abhalten. Wir besorgten uns Walkie Talkies und unsere Träumereien gingen weiter. Jetzt dürfen wir das alles erleben. Wenn man uns das nehmen würde, wären wir die nutzlosesten Menschen auf dem Planeten. Wir wären nichts und niemand.
Ryan: Genau, wir wären wahrscheinlich vier Alkoholiker, die immer im selben Pub rumhängen und nichts anderes tun würden.